Dieser Roboter hat kein Gesicht, aber einen Namen: Yobot. In der Lobby des Yotel-Hotels sitzt der Gelenkarmroboter hinter Sicherheitsglas auf einer fünf Meter langen Fahrachse. Er wartet bewegungslos, bis Gäste ihr Gepäck aufgeben, um unbelastet durch die Stadt zu streifen . Der stumme Page tritt in Aktion, sobald man an den Aufbewahrungskasten tritt, dort am Touch-Screen den Benutzernamen und eine PIN-Nummer eingibt und das Gepäckstück in den Kasten legen.

Dann greift Yobot wie von Wunderhand gesteuert nach dem Koffer und befördert ihn millimetergenau in eines der 133 Schließfächer, die vier Meter hoch bis fast unter die Decke der Lobby reichen. Das Gepäck darf bis zu 60 Kilogramm wiegen. Am Aufbewahrungskasten spuckt der Automat einen Barcode-Beleg aus, mit dem man die Sachen später wieder auslösen können. Dieser Industrietanz voller akrobatisch anmutender Verrenkungen in der speziell ausgeleuchteten Glasbox dauert höchstens 30 Sekunden. Er ist so werbewirksam, dass sich Yobot in dem halben Jahr seiner Conciergetätigkeit zu einer eigenständigen Attraktion in Midtown entwickelt hat.

Ausgedacht haben sich das Konzept die britischen Firmenchefs Gerard Green und Simon Woodroffe, die ihre Hotelkette als "iPod der Hotelbranche" vermarkten. Mr. Woodroffe hat bereits Erfahrung mit Robotern: Er besitzt die Yo! Sushi-Restaurantkette, in denen bunte Tellerchen mit Reishappen auf einem Fließband vor den Gästen im Kreis herumsurren. Hinter ihm holpert ein automatischer Trolley mit Getränken vorbei, von dem man sich selbst bedient.

Das New York Yotel ist bereits das vierte seiner Art; weitere Yotels befinden sich an Flughäfen in England und den Niederlanden . Doch das Yotel in New York ist das einzige, das einen Yobot besitzt. Die Idee für die Hotelkette stammt wie schon die Idee zu Yo-Sushi! aus Japan , wo es sich noch beengter lebt als in der Supermetropole New York. Man muss dem Yotel allerdings zugute halten, dass die Zimmer größer wirken, als sie mit ihren 16 Quadratmetern tatsächlich sind: Sie wurden von einem Flugzeugplaner clever und funktionstüchtig gestaltet. Der Clou aber sind die Hightech-Spielereien, die den Puristen, der sonst nicht unbedingt in der virtuellen Welt zu Hause ist, ins Staunen versetzen. 

Denn nicht nur die Gepäckaufbewahrung funktioniert dank Yobot vollautomatisch, auch der Check-in erfolgt per Selbstbedienung wie in den Terminals von Flughäfen. Zwar werden die Gäste an der Rezeption noch von leibhaftigen Menschen begrüßt, doch sind diese nur dazu da, um zu helfen, wenn jemand mit der elektronischen Anmeldung an den Schaltern nicht zurechtkommt. Man checkt an den Bildschirmen selbst ein und bezahlt auch dort – natürlich mit Kreditkarte, ohne die man in Amerika als Reisender sowieso aufgeschmissen ist. Neben einer Rechnung spuckt die Maschine die Keycard aus, die einem den Zugang zum Zimmer gewährt.

Dort gibt es für Technikfans weitere Annehmlichkeiten. Aus der High-Tech-Wand kann man einen Schreibtisch mit Stuhl herausklappen; außerdem ist in ihr ein Flachbildschirm mit Dockingstation für den iPod integriert. Das restliche Zimmer dominiert ein senffarbenes Futon-Sofa, das sich per Knopfdruck in eine Liegefläche verwandelt. Ein weiterer Knopfdruck genügt – und das Licht im Zimmer ändert sich von entspanntem Lila in leuchtendes Weiß. Den Kaffee gibt es kostenlos auf jedem Flur aus Automaten; wer Hunger verspürt, verschickt eine E-Mail. WiFi ist selbstverständlich kostenfrei. Wenige Minuten später wird der Snack aufs Zimmer serviert – von der Kabinencrew. Denn noch ist es nicht soweit, dass das Hotelmanagement ganz ohne gut geschulte Angestellte auskommt.

Im Restaurant Dohyo findet der Gast sich in einer Art Sumo-Ring wieder, in dem die Tische über eine Hydraulikvorrichtung im Boden versenkt werden können. So entsteht Platz für eine Showbühne. Die Tische im Konferenzraum sind durch eine Drehung in Billardtische zu verwandeln. Der buchstäbliche Höhepunkt des Yotel befindet sich auf dem Dach: Mit 650 Quadratmetern bietet die größte Terrasse New Yorks mit Grillstation und zwei Bars eine willkommene Entschädigung für etwaige Platznöte drinnen.

Das Yotel mit seinen 669 Zimmern versteckt sich in Frank Gehrys 300 Millionen Dollar teurem Neubau an der 42nd Street Ecke 10th Avenue, dem 63 Stockwerke hohen MiMA Komplex . MiMA steht für Middle of Manhattan . In dem Komplex gibt es auch ein Freiluft-Kino, ein Fitness-Center, drei kleine Theater und ein Spa für Haustiere. Der schwarz-rote Glaspalast ist zudem eine der ersten Anlagen mit einem neuen Antennensystem, das für besseren Handyempfang im Haus sorgt.

Seine günstigen Übernachtungen verscherbelt Yotel über Facebook. Der Einführungspreis lag bei 149 Dollar pro Nacht – etwa 116 Euro, kontinentales Frühstück inbegriffen. Das ist nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass der durchschnittliche Preis für ein Zimmer im Big Apple 2011 laut dem Hotelportal HRS bei 180 Euro lag. Und dass, obwohl es in New York einen Hotel-Bauboom und fast 90.000 Zimmer gibt, rund ein Viertel mehr als noch vor fünf Jahren.

Dieser Text ist im Michael Müller Verlag erschienen.