Fehmarn ist die Krone im blauen Meer: Ihre Insel nennen die Fehmaraner stolz den sechsten Kontinent, und alles, was jenseits der Brücke liegt, heißt schlicht Europa . Dabei ist Fehmarn schon seit den 1960er Jahren mit Europa verbunden – durch die Fehmarnsundbrücke, die aufgrund ihrer markanten Form hier nur "Kleiderbügel" genannt wird. Jetzt werden die Insel und ihre Bewohner jedoch endgültig ins Zentrum Europas rücken. Denn Deutschland und Dänemark haben sich grundsätzlich über die Entstehung eines Jahrhundertbauwerks geeinigt : Ein gigantischer, 19 Kilometer langer Tunnel soll durch den Fehmarnbelt führen.

Die Bauarbeiten zu diesem längsten Absenktunnel der Welt sollen im Jahr 2014 beginnen. Bereits 2020 soll der Tunnel fertig gestellt sein. Die Kosten von 5,5 Milliarden Euro übernimmt zum Großteil Dänemark , sie sollen bis 2050 durch Mautgebühren refinanziert werden. Deutschland muss rund 850 Millionen Euro für den Ausbau der Hinterlandverbindungen auf Straße und Schiene aufbringen.

Kritiker des Projekts befürchten eine Zunahme des Verkehrs durch Autos, Züge und Güterzüge an der gesamten Lübecker Bucht und vor allem auf Fehmarn. Sie meinen auch, dass weniger Touristen die Insel besuchen könnten und stattdessen gleich bis Dänemark durchfahren. Befürworter sind der Meinung , dass eher noch mehr Touristen nach Fehmarn kommen: Nach wie vor gilt die Insel als das regenärmste Gebiet der Republik, als Deutschlands Costa del Sol . Das Küstenprofil entspricht dem der gesamten Ostseeküste im Kleinformat: Steile Küsten wechseln mit flachen Ufern ab, teilweise Sandbänke sind vorgelagert, die Strände sind mal fein und weichsandig, mal steinig und rau.

Die Fehmaraner gelten als etwas eigensinnig . Schließlich ist Fehmarn mit seinen ertragreichen Böden seit jeher die Kornkammer Schleswig-Holsteins, und so etwas prägte über Jahrhunderte die selbstbewussten Insulaner, die es in ihrer Geschichte geschafft haben, stets freie Bauern zu bleiben. Eine wahre Begebenheit spiegelt stellvertretend einige Charakterzüge dieses besonderen Menschenschlags wider.

Mit dem Bau der Fehmarnsundbrücke im Jahr 1963 ging für die Insel das Zeitalter der Isolation zu Ende und das in zweifacher Hinsicht, da im selben Jahr der Amtsrichter Willy Raschies mit 68 Jahren in den Ruhestand ging; bis dahin herrschte er mit seiner ganz eigenen Art der Gesetzesauslegung auf der Insel. Wer beispielsweise in Raschies' Amtszeit betrunken Auto gefahren war, musste die Strafe in der Inselzelle auch absitzen, denn für Trunkenheitsfahrten gab es grundsätzlich keine Bewährung. Seinen legendären Ruf erwarb sich der Richter auch durch sein selbstbewusstes Auftreten gegenüber der britischen Besatzungsmacht.

So stellte die Staatsanwaltschaft nach dem Zweiten Weltkrieg beim Amtsgericht Burg auf Fehmarn den Antrag, den Fischer Pahlke zu bestrafen, weil dieser die von den Briten befohlene Flagge nicht gesetzt habe. Seine Erklärung, er habe sie in einem Wirbelsturm in Nord-Norwegen verloren, sei nicht glaubhaft; außerdem habe er eine Reserveflagge mitzuführen.

Amtsgerichtsrat Raschies lehnte den Antrag mit den Worten ab: "Ich möchte den Angeklagten nicht bestrafen. Die Ausrede mit dem Wirbelsturm in Nord-Norwegen glaube ich auch nicht. Sie ist aber gut. Hätte er den Sturm in den Fehmarnsund verlegt, würden wir es mit der Beweisführung leichter haben. Was das Nichtmitführen der Reserveflagge angeht, so missbillige auch ich als alter Pessimist solches Verhalten aufs Nachdrücklichste. Aber wir können doch nicht alle Optimisten bestrafen. Die Fischer sind nun mal leichtfertige Gesellen. Sie fahren aus in Sturm und Nacht bei Eis und Schnee und begeben sich in Lebensgefahr, ohne sich einen Reservekutter mitzunehmen."

Viele Jahre später, als schon der Tourismus aufkam, wurde ein Bauer von einer Urlauberin wegen Tierquälerei verklagt: Er habe seine Rindviecher beim Treiben zum Bahnhof recht ruppig behandelt. Die beiden Laienrichter beim Schöffengericht in Burg waren entsprechend dem Gesamtanteil der Inselbevölkerung ebenfalls Bauern. Sie konnten an dem Verhalten ihres Kollegen nichts Anrüchiges finden und stimmten geschlossen für Freispruch. Diesen formulierte der listige Vorsitzende Raschies so: "Der Angeklagte wird von dem Vorwurf der Tierquälerei von zwei Ochsen freigesprochen."

Erschienen imMichael Müller Verlag.