Bei allem Überfluss an alten Bauwerken und klassischer Schönheit, die Krakau sonst bietet, verbreitet Nowa Huta ein geradezu puristisches Flair: Relikte von alter Schwerindustrie, einstmals moderne Wohnungen und das Vorurteil, Krakaus hässliches Anhängsel zu sein. Die Arbeitervorstadt Nowa Huta – zu deutsch Neue Hütte – war im offiziellen Sprachgebrauch ein Geschenk des russischen Volkes an Polen . Näher an der Wahrheit liegt wohl die Deutung, dass die Neubauten und das riesige Stahlwerk als Bestrafung für das bürgerliche Krakau gedacht waren.

Ähnlich unversöhnliche Widersprüche durchziehen die gesamte Geschichte von Nowa Huta – und sind bis heute aktuell. In den ersten Nachkriegsjahren kam es immer wieder zum Widerstand gegen die russische Besatzung, sowohl auf der Straße als auch bei Wahlen.

Nowa Huta war also nicht nur als eine reine Industriestadt gedacht, die den Stahlhunger einer forcierten Industrialisierung stillen sollte. Vielmehr sollte der Bau eine Umerziehung und Neuorientierung bewirken: Den bourgeoisen und intellektuellen Einwohnern Krakaus sollten proletarische Arbeiter vorangestellt werden. Soweit die Idee.

Gearbeitet wurde in einem nach Lenin benannten Stahlwerk. Schon bald nach den ersten Spatenstichen im Jahr 1950 nahm dieses gigantische Ausmaße an, seine Grundfläche ist ebenso groß wie die des gesamten Stadtgebiets von Krakau, und das bis heute. Im Rekordjahr 1977 fertigten hier 38.000 Arbeiter fast sieben Millionen Tonnen Stahl. Im Jahr 1990 wurde das Stahlwerk nach dem Ingenieur und Erfinder Tadeusz Sendzimir umbenannt.

Ihre futuristischen und künstlichen Bauten voller miteinander verflochtener Rohre und Gleisanlagen wären einen Besuch wert, aber das ist leider nur noch zu besonderen Anlässen möglich. Doch schon der Haupteingang ist imposant und verdeutlicht die Ausmaße der Werkshallen um das im Volksmund "Dogenpalast" oder "Vatikan" genannte Verwaltungszentrum.

Gewohnt wurde in Wohnblöcken mit einem hohen Grad an Symmetrie und Eigenständigkeit. Dahinter steckte zugleich die Absicht, den angesiedelten Arbeitern zu einem zufriedenen Leben in einer glücklichen Nachbarschaft zu verhelfen. Nach der offiziellen Doktrin sollten die Projektanten nicht nur Architekten der Häuser sein, sondern zugleich "Architekten der Seelen" der hier lebenden Menschen. Zu einem seligen sozialistischen Leben beitragen sollten die breiten Straßen, modern eingerichtete Wohnungen und die Ausstattung der Wohnblocks mit Geschäften.

Der Baustil selbst war bis Mitte der 50er Jahre vom Sozialistischen Realismus geprägt, der eindrucksvoll auf barocke Formen zurückgreift. Anders als in Russland wurde in Krakau auch an die in der Altstadt gewohnte Renaissance angeknüpft. Besonders deutlich zu sehen ist das rund um den Plac Centralny. Spätere Wohnhäuser des schnell wachsenden Ortes wurden wegen Zeitmangels aber als Plattenbauten errichtet.

Gebetet werden sollte überhaupt nicht. Mit der These, Religion sei "Opium fürs Volk", prägte Karl Marx die religionsfeindliche Einstellung der sozialistischen Eliten. Ironischerweise aber waren es in Nowa Huta wie in ganz Polen gerade die umworbenen Arbeiter, die nicht auf die Ausübung ihrer Religion verzichten wollten. So waren zwar in den ersten Jahren keine Kirchen gebaut worden. Die Einwohner forderten dies jedoch immer vehementer und setzten sich nach teilweise blutigen Auseinandersetzungen langsam durch. Karol Wojtyła, der spätere Papst Johannes Paul II. , weiht die Kirche 1977, ein Jahr vor dem Beginn seines.

Auch die Arbeitsbedingungen selbst führten zu Protesten. Neben Danzig , wo Lech Wałęsa in der Werft die Solidarność-Bewegung anführte, war Nowa Huta eines der wichtigsten Zentren des Widerstands. Zusammen mit der katholischen Kirche kämpfte die Gewerkschaft viele Jahre für ein besseres Polen.

Der Personenkult im Ostblock um Lenin machte natürlich auch vor Nowa Huta nicht halt. In der als Prachtstraße und Boulevard vorgesehenen Rosenallee (aleja Róż) wurde 1973 ein Denkmal des Begründers der Sowjetunion enthüllt, das nach einem Wettbewerb vom Krakauer Künstler Marian Konieczny realisiert wurde. Ob er die Unruhen der späten siebziger Jahre voraussah? Seine sieben Tonnen schwere Huldigung an das verstorbene russische Staatsoberhaupt war dermaßen widerstandsfähig, dass es sechs Jahre nach seiner Errichtung einer schweren Explosion standhielt. Die Bombe eines Unbekannten konnte allein die Achillesferse Lenins beschädigen.

Bis Lenin dann offiziell zur unerwünschten Person wurde, sollte es noch dauern. In den Wendejahren wurde das Denkmal zunächst in die südliche Peripherie abgeschoben, bevor es der schwedische Millionär Big Bengt Erlandsson 1992 für 100.000 schwedische Kronen erwarb. Der exzentrische Sammler ließ Lenin nun in High Chaparral , einem südlich von Stockholm gelegenen Freizeitpark, ausstellen. Dort ist Lenin noch immer zu besichtigen, mit einer Zigarette im Mund und einem Ring im Ohrläppchen.

Erschienen im Michael Müller Verlag