Im Herzen der Altstadt von Ragusa, im Südosten Siziliens, erhebt sich eindrucksvoll die Fassade von San Giorgio. Die drei Geschosse der Kirche bilden ei­nen Turm, wie man ihn ähnlich auch in anderen Orten dieser Gegend sehen kann. Aber im Unterschied zu den meis­ten dieser Bauwerke bildet der Turm der Georgskirche kei­nen flachen Prospekt, sondern einen Körper. Das war Mitte des 18. Jahrhunderts, als die Kirche gebaut wurde, in Sizilien neu und rich­tungweisend. Zwischen den einge­schossigen Flügeln und sechs hinter­einander gestaffelten Säulen wölbt sich die Fassade nach außen. Das Hauptportal folgt dem Bogen. Darü­ber erhebt sich der Turm. Er trägt ein offenes Glockengeschoss mit Balus­trade und reich verziertem Helm.

Es ist aber nicht die Verzierung, nicht der Bauschmuck, der sich um das Hauptportal und das darüberliegende Fenster konzentriert, sondern die Ar­chitektur selbst, die hier mit großer Geste den Gesamteindruck beherrscht. Selbst die vier monumentalen Heiligenfiguren, die auf ausladenden Voluten den Turm links und rechts begleiten, ordnen sich dem Gerüst der Säulen sowie der architektonischen Glieder unter. Eine breite Freitreppe, die vom Platz zur Kirche hinaufführt, steigert ihre Wirkung noch. Die Turmfassade von San Giorgio in Ragusa gilt zu Recht als einer der Höhepunkte des sizilianischen Barock. Den Entwurf für das Bauwerk schuf der sizilianische Ar­chitekt Rosario Gagliardi, dessen Zeichnungen noch heute in der Sakristei der Kirche aufbewahrt werden.

Die Architektur des Barock hat ihren Ursprung in Rom. Die Päpste nutzten den Stil seit dem frühen 17. Jahrhundert, um damit ihre Macht zur Schau zu stellen. Zu den ersten barocken Bauwerken zählen die Fassade der römischen Kirche Santa Susanna und der Baldachin über dem Hauptaltar der Peters­kirche. Im Barock fanden aber nicht nur politische Ambitionen und religiöse Vorstellungen ihren Ausdruck, sondern auch die spektakulären wissenschaftlichen Erkenntnisse, die seit dem frühen 17. Jahrhundert die Sicht der Menschen auf die Welt veränderten.

Barock als Architektur der Hauptstädte

Im 17. und 18. Jahrhundert, als Frankreich neben Österreich und Spanien zur absolutistisch regierten Großmacht aufstieg, avancierte der ausdrucksstarke Barock schnell zum repräsentativen Baustil der Hauptstädte und des europaweit vernetzten Adels. Zwar blieb Rom das künstlerische Zentrum des Barock, seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert entwickelten sich jedoch in ganz Eu­ropa regionale Formen dieser großen Architektursprache, die ihrerseits stil­bildend wirkten.

In Sizilien, das seit 1504 als spanisches Vizekönigtum regiert wurde, war das politische Zentrum die Stadt Palermo. Sie war auch der Hauptort des sizilia­nischen Barock, einer schmuckfreudi­gen, gleichermaßen den römischen Vorbildern wie der eigenen Tradition verpflichteten Variante dieses Bau­stils. Es ist bemerkenswert, dass kein Italiener, sondern ein Engländer, nämlich der bedeutende Barockforscher Anthony Blunt, 1968 dem siziliani­schen Barock als Erster eine eigene Publikation widmete, in der er dessen Besonderheiten herausstellte.

Modernisierung nach dem Erdbeben 1693

Die Städte im Südosten der Insel waren vom Barock noch kaum erreicht worden, als 1693 ein schweres Erdbeben diesen Teil der Insel verwüstete. Der Wiederaufbau führte zu einer durchgreifenden Modernisierung der beschädigten Stadt­anlagen. In Catania, der alten Universitätsstadt am Ionischen Meer, und in vielen anderen Orten dieser Region entstanden nun an der Stelle mittelalterlich verwinkelter Gassen recht­winklige Straßennetze und großzügig angelegte Plätze. Die Stadt Noto wurde gar an einem anderen Ort von Grund auf neu errichtet. Beflügelt durch das Streben nach möglichst großem Einfluss in der Stadt, versuchten viele Bauherren, sich beim Wiederaufbau gegenseitig zu über­ treffen, etwa der Bischof die Stadtregierung oder eine adelige Familie die andere.

Die Bauten des Barock prägen Ragusa

Ein spektakuläres Beispiel für die Aus­wirkungen solcher Rivalitäten auf das barocke Erscheinungsbild der Städte ist die Via Crociferi in Catania. Hier errichteten nach dem Erdbeben zahlreiche religiöse Orden ihre Kirchen und Konventsgebäude. Von ihren sizilianischen Zentralen in Palermo unterstützt, war jede dieser Gemeinschaften darauf bedacht, in der zerstörten Stadt möglichst an Einfluss zu gewinnen, und sparte dabei nicht an Ausgaben für ein repräsentatives Ordenshaus und eine moderne Kirche. Die Vorbilder dieser Bauten stan­den dabei nicht mehr nur in Rom oder Palermo, sondern zunehmend auch in Wien, Salzburg oder Dresden. Ein Vergleich der Turmfassade von San Giorgio mit der Dresdner Hofkirche und an­ deren mitteleuropäischen Turmfassaden des Spätbarock kann unter diesen Gesichtspunkten äußerst aufschlussreich sein.

In Ragusa war es so: Mit dem Erdbeben brachen auch die seit Langem schwelenden Konflikte zwischen dem alten Adel und neuen, teils adeli­gen, teils bürgerlichen Bevöl­kerungsschichten auf. Diese waren seit dem 16. Jahrhun­dert infolge einer neuen Besiedlungspolitik und eines reformierten Agrarrechts zu Reichtum gekommen und machten nun ihren Einfluss auf die Geschicke der Stadt geltend. Dieser Teil der Ein­wohnerschaft betrieb den Umzug Ragusas auf eine im Westen etwas oberhalb des alten Ortskerns gelegene Ebene, von der aus eine bessere Verkehrsanbindung an die wirtschaftlichen Zentren der Umgebung möglich war als in der auf drei Seiten von Wasserläufen eingeschlossenen Alt­stadt.

Tiefes Misstrauen zwischen der Alt- und der Neustadt

Der alteingesessene Adel hingegen wollte in diesem Teil der Stadt bleiben, weil er dort von jeher residierte. So­ wohl der Herr von Ragusa, der in Spanien lebende Herzog von Modica, als auch die vizekönigliche Zentralregierung in Palermo förderten den Umzug auf die Ebene. Schließlich wurde die Stadt ein Jahr nach dem Erdbeben offiziell geteilt, wobei der alte Teil den Namen Ibla annahm, nach der ursprünglich hier gelegenen Sikulerstadt Hybla. Obwohl die Teilung nur bis 1702 andauerte, änderte selbst der Bau einer 370 Stufen langen Treppe zwischen Alt­ und Neustadt zunächst nichts am tiefen Misstrauen, das zwi­schen den beiden Stadtteilen herrschte.

Die Neustadt ist durch ein rechtwinkliges Straßennetz klar gegliedert. Ihr Zentrum bildet die im April 1694 begonnene Bischofskirche von Ragusa, San Giovanni Battista, mit ihrem Vorplatz, der in einen oberen, der Kirche vorbehaltenen und einen unteren, für den Markt und die städtische Repräsenta­tion reservierten Teil gegliedert ist. Hier und entlang des an­ grenzenden Corso Italia liegt noch heute das Geschäftszentrum der Stadt. Die niemals ganz vollendete Fassade der Kir­che – ihr fehlt der rechte Turm – entspricht dem Vorbild römischer Kirchenfassaden des Frühbarock. Anders als in der Neustadt folgen in der Altstadt die Straßen den unregel­mäßigen geologischen Formationen einer flachen Kuppe, auf der dieser Teil der Stadt liegt. Hier steht die Kirche San Gior­gio, die, zwischen 1738 und 1767 erbaut, ungleich großartiger und für ihre Zeit moderner ist als die Bischofskirche in der Neustadt. Mit dem Bau von San Giorgio meldete das alte Ragusa seinen Anspruch an, das Zentrum der Stadt zu re­präsentieren.

Kirche in oscarnominiertem Film

Nach der Wiedervereinigung von Alt­- und Neustadt Anfang des 18. Jahrhunderts entwi­ckelte sich vor allem die am westlichen Ausgang der Alt­stadt gelegene Piazza degli Archi (heute Piazza della Repubblica) zu einem Binde­glied zwischen Ibla und der Neustadt. Hier, am Fuß der Treppe zwischen den beiden Stadtteilen, errichteten wohl­habende Familien ihre Paläs­te. Unter diesen sticht der Pa­lazzo Cosentini heraus, der mit seinen geschwungenen Balkonen sowie anthropo­morph gestalteten Konsolen typische Elemente siziliani­scher Palastfassaden des Ba­rock aufweist. Ein Stück wei­ ter befindet sich die Kirche Santa Maria dell’Idria, ein kleiner längsovaler Zentral­ bau, dessen blau mit Majolika gedeckter Glockenturm weit­ hin sichtbar ist.

Die Bauten des Barock prägen das Stadtbild von Ragusa. Gleichwohl haben auch spätere Zeiten dort noch Akzente gesetzt. Besonders auffällig, weil ebenfalls schon von Weitem zu sehen, ist die von 1818 bis 1820 erbaute neoklassizistische Kuppel von San Giorgio. Bemerkenswert ist auch die 1810 auf dem Platz vor der Kirche im dorischen Stil errichtete neoklas­sizistische Fassade des Circolo di Conversazione, einst ein Treffpunkt der städtischen Aristokratie. Die vollständig er­haltene Innenausstattung dieser Einrichtung diente 1995 dem sizilianischen Regisseur Giuseppe Tornatore als Kulisse für seinen oskarnominierten Film Der Mann, der die Sterne macht (Originaltitel: L’uomo delle stelle). Nicht ohne Wehmut blickt diese sympathische Gaunergeschichte, in der ein Talent­sucher die kleinen Städte und Dörfer Siziliens in den 1950er­ Jahren abklappert, auf eine Zeit zurück, in der Landschaft und Architektur der Insel vielfach noch den Charakter vergangener Jahrhunderte ausstrahlten.

Erschienen in Weltkunst