Ein spektakuläres Beispiel für die Aus­wirkungen solcher Rivalitäten auf das barocke Erscheinungsbild der Städte ist die Via Crociferi in Catania. Hier errichteten nach dem Erdbeben zahlreiche religiöse Orden ihre Kirchen und Konventsgebäude. Von ihren sizilianischen Zentralen in Palermo unterstützt, war jede dieser Gemeinschaften darauf bedacht, in der zerstörten Stadt möglichst an Einfluss zu gewinnen, und sparte dabei nicht an Ausgaben für ein repräsentatives Ordenshaus und eine moderne Kirche. Die Vorbilder dieser Bauten stan­den dabei nicht mehr nur in Rom oder Palermo, sondern zunehmend auch in Wien, Salzburg oder Dresden. Ein Vergleich der Turmfassade von San Giorgio mit der Dresdner Hofkirche und an­ deren mitteleuropäischen Turmfassaden des Spätbarock kann unter diesen Gesichtspunkten äußerst aufschlussreich sein.

In Ragusa war es so: Mit dem Erdbeben brachen auch die seit Langem schwelenden Konflikte zwischen dem alten Adel und neuen, teils adeli­gen, teils bürgerlichen Bevöl­kerungsschichten auf. Diese waren seit dem 16. Jahrhun­dert infolge einer neuen Besiedlungspolitik und eines reformierten Agrarrechts zu Reichtum gekommen und machten nun ihren Einfluss auf die Geschicke der Stadt geltend. Dieser Teil der Ein­wohnerschaft betrieb den Umzug Ragusas auf eine im Westen etwas oberhalb des alten Ortskerns gelegene Ebene, von der aus eine bessere Verkehrsanbindung an die wirtschaftlichen Zentren der Umgebung möglich war als in der auf drei Seiten von Wasserläufen eingeschlossenen Alt­stadt.

Tiefes Misstrauen zwischen der Alt- und der Neustadt

Der alteingesessene Adel hingegen wollte in diesem Teil der Stadt bleiben, weil er dort von jeher residierte. So­ wohl der Herr von Ragusa, der in Spanien lebende Herzog von Modica, als auch die vizekönigliche Zentralregierung in Palermo förderten den Umzug auf die Ebene. Schließlich wurde die Stadt ein Jahr nach dem Erdbeben offiziell geteilt, wobei der alte Teil den Namen Ibla annahm, nach der ursprünglich hier gelegenen Sikulerstadt Hybla. Obwohl die Teilung nur bis 1702 andauerte, änderte selbst der Bau einer 370 Stufen langen Treppe zwischen Alt­ und Neustadt zunächst nichts am tiefen Misstrauen, das zwi­schen den beiden Stadtteilen herrschte.

Die Neustadt ist durch ein rechtwinkliges Straßennetz klar gegliedert. Ihr Zentrum bildet die im April 1694 begonnene Bischofskirche von Ragusa, San Giovanni Battista, mit ihrem Vorplatz, der in einen oberen, der Kirche vorbehaltenen und einen unteren, für den Markt und die städtische Repräsenta­tion reservierten Teil gegliedert ist. Hier und entlang des an­ grenzenden Corso Italia liegt noch heute das Geschäftszentrum der Stadt. Die niemals ganz vollendete Fassade der Kir­che – ihr fehlt der rechte Turm – entspricht dem Vorbild römischer Kirchenfassaden des Frühbarock. Anders als in der Neustadt folgen in der Altstadt die Straßen den unregel­mäßigen geologischen Formationen einer flachen Kuppe, auf der dieser Teil der Stadt liegt. Hier steht die Kirche San Gior­gio, die, zwischen 1738 und 1767 erbaut, ungleich großartiger und für ihre Zeit moderner ist als die Bischofskirche in der Neustadt. Mit dem Bau von San Giorgio meldete das alte Ragusa seinen Anspruch an, das Zentrum der Stadt zu re­präsentieren.

Kirche in oscarnominiertem Film

Nach der Wiedervereinigung von Alt­- und Neustadt Anfang des 18. Jahrhunderts entwi­ckelte sich vor allem die am westlichen Ausgang der Alt­stadt gelegene Piazza degli Archi (heute Piazza della Repubblica) zu einem Binde­glied zwischen Ibla und der Neustadt. Hier, am Fuß der Treppe zwischen den beiden Stadtteilen, errichteten wohl­habende Familien ihre Paläs­te. Unter diesen sticht der Pa­lazzo Cosentini heraus, der mit seinen geschwungenen Balkonen sowie anthropo­morph gestalteten Konsolen typische Elemente siziliani­scher Palastfassaden des Ba­rock aufweist. Ein Stück wei­ ter befindet sich die Kirche Santa Maria dell’Idria, ein kleiner längsovaler Zentral­ bau, dessen blau mit Majolika gedeckter Glockenturm weit­ hin sichtbar ist.

Die Bauten des Barock prägen das Stadtbild von Ragusa. Gleichwohl haben auch spätere Zeiten dort noch Akzente gesetzt. Besonders auffällig, weil ebenfalls schon von Weitem zu sehen, ist die von 1818 bis 1820 erbaute neoklassizistische Kuppel von San Giorgio. Bemerkenswert ist auch die 1810 auf dem Platz vor der Kirche im dorischen Stil errichtete neoklas­sizistische Fassade des Circolo di Conversazione, einst ein Treffpunkt der städtischen Aristokratie. Die vollständig er­haltene Innenausstattung dieser Einrichtung diente 1995 dem sizilianischen Regisseur Giuseppe Tornatore als Kulisse für seinen oskarnominierten Film Der Mann, der die Sterne macht (Originaltitel: L’uomo delle stelle). Nicht ohne Wehmut blickt diese sympathische Gaunergeschichte, in der ein Talent­sucher die kleinen Städte und Dörfer Siziliens in den 1950er­ Jahren abklappert, auf eine Zeit zurück, in der Landschaft und Architektur der Insel vielfach noch den Charakter vergangener Jahrhunderte ausstrahlten.

Erschienen in Weltkunst