Es war irgendwann 1988, als ich zum ersten Mal bei Metalist Charkiw im Stadion war. Schreckliche Vorstellung, wie lange das schon her ist. Und damals hielt ich nicht einmal auf Charkiw, wir, die Kinder der sowjetischen Ukraine, waren fast alle Dynamo Kiew-Fans, eine ziemlich konformistische Einstellung: auf den Meister zu halten, der sowieso gewinnen würde. Erst als ich älter wurde, habe ich verstanden, dass es doch fairer ist, auf die eigenen Leute zu halten. Auch wenn sie weit davon entfernt sind, Meister zu werden. So ist das alte, ewig halbleere Stadion mit seiner riesigen, ewig halbleeren Tribüne nach und nach zu meinem Stadion geworden.

In den neunziger Jahren war der Fußball in der Ukraine wie ein Schiff, das gnadenlos unterging, mit Mann und Maus und allen Fußballvorräten. Es war diese merkwürdige Übergangsphase mit der uneingeschränkten und unumstrittenen Dominanz von Dynamo Kiew, die es irgendwie geschafft hatten, sich über Wasser zu halten und nach und nach die Fußballregeln des neuen Landes zu ihren Gunsten ausrichtete. Nachdem der sowjetische Sport endgültig zusammengebrochen war, musste alles neu aufgebaut werden.

Das neue System brachte neue Beziehungen und Verhältnisse mit sich, dem Land stand der Sinn nicht nach Fußball, aber gespielt wurde trotzdem, denn Fußball wird immer und überall gespielt, unabhängig vom politischen Kurs und der wirtschaftlichen Lage. Es gab eine neue Nationalmannschaft mit neuen Trikots und neuer Hymne, eine neue Liga, neue Klubs, die ersten Europacupspiele, die ersten Legionäre, die ersten Siege und gleichzeitig das Gefühl der Decke, die nicht zu durchstoßen war, denn die neuen Fußballregeln ließen nur einen Meister zu. Und dieser Meister waren nicht wir.

Wir hielten auf Metalist, das keine besonderen Ambitionen hatte. Auf den Rängen saßen nicht allzu viele Fans, man kam bestenfalls zu Spielen gegen Dynamo, um die Kiewer Stars zu sehen. Wir stiegen aus der ersten Liga ab und wieder auf, etablierten uns im Mittelfeld und hofften, irgendwann in die Uefa-Cup-Region zu kommen, um im Europapokal spielen zu können. Keine besonders rosigen Erinnerungen, ehrlich gesagt. Heute, wo die Charkiwer das sechste Jahr in Folge Dritter der ukrainischen Meisterschaft geworden sind und locker italienische, portugiesische und türkische Klubs ausspielen, denke ich manchmal an die Mannschaft von damals, der das Wasser bis zum Hals stand, und mir wird klar, wie stark sich der moderne Fußball verändert hat. Ob zum Besseren, vermag ich nicht zu sagen.

Wilder ukrainischer Kapitalismus

Was hat sich nun verändert? In erster Linie die Wahrnehmung des Spiels selbst, die Funktions- und Navigationsprinzipien des aufgearbeiteten und restaurierten Schiffs. Der Fußball ist kapitalistisch geworden, soviel ist klar. Mit all den Eigenschaften, die für den wilden ukrainischen Kapitalismus typisch sind: mit der Bestechlichkeit und der Abhängigkeit vom Oligarchen-Kapital, mit aller Undurchsichtigkeit und harten Konkurrenz, die sich wiederum aus den Ambitionen und ökonomischen Interessen der Vereinsbesitzer speist. Fußball wird immer mehr zu einer Show, er wird immer stärker vom Geld dominiert und vorhersagbar, er wird immer kostenintensiver und gleichzeitig attraktiv für Investitionen.

Fußball wird ein Teil der Politik. Eigentlich war er das schon immer, aber in der heutigen Ukraine ist das besonders stark spürbar: Hinter den meisten Klubs stehen das Geld und die politischen Sympathien ihrer Besitzer, die meisten Ultras und Fans sind Anhänger einer bestimmten politischen Ideologie (meistens im rechten Spektrum), und die Rivalität zwischen Dynamo Kiew und Schachtjor Donezk zum Beispiel spiegelt seit Langem den Widerstreit zwischen den Donezker Politikern und ihren Gegnern wider. Fußball ist zu einem Handelsgegenstand geworden. Es geht allerdings nicht nur um den Kauf und Verkauf von Spielern und Trainern, um das Hineinpumpen von riesigen Summen in die Vereine und Stadien. Kaufen lassen sich auch die Ergebnisse. Was dem Fußball jeden Sinn raubt, denn es setzt alle Regeln außer Kraft, abgesehen von den Handelsregeln.