Die Zukunft von Juf rechnet schnell mit den Fingern nach, bevor sie triumphierend verkündet: "Ich bin sechs Jahre alt!" Julia, kastanienbraune Haare, charmante Zahnlücke, ist die kleinste von drei Schwestern im Grundschulalter. Ihre Eltern Theres und Dölf Menn bewirtschaften im Dorf einen Bauernhof. In Juf leben ganzjährig etwa 30 vorwiegend ältere Menschen, viele sind untereinander verwandt. Das Dorf liegt im Kanton Graubünden der Schweiz, es ist umgeben von imposanten Dreitausendern, Wiesen und Plätze liegen noch Mitte Mai unter einer grau gesprenkelten Schneedecke begraben.

Da hier kein Bürgersteig existiert, bleibt die einzige, an einem Wendeplatz endende Straße, um dem Asphalt mit Kreide ein Spielfeld aufzumalen. Dort spielt Julia mit ihren Schwestern "Himmel und Hölle". Wenn der gelbe Postbus eintrudelt, springen die Mädchen kurz zur Seite. Sie werden nur selten gestört. Achtmal am Tag kommt der Bus von Andeer herauf, sonst gibt es nicht viele Autos in Juf, im hintersten Winkel des Kantons Graubünden .

Juf, ein Ortsteil der Talgemeinde Avers , liegt auf 2.126 Metern – und gilt als höchste ganzjährig bewohnte Siedlung im Alpenraum. Hinter Andeer schraubt sich die Straße am Rand finsterer, moosbewachsener Schluchten empor. Nach den letzten windzerzausten Zirbelkiefern und einigen Häusergruppen öffnet sich das Tal zu einem Kessel, an dessen Rand die Gehöfte von Juf kleben.

Leben von Tourismus und Viehwirtschaft

Dort dampfen Misthaufen, über schieferbedeckte Dächer segeln Alpendohlen, ein Brunnen plätschert. Die Stille in Juf wirkt wohltuend. Der Weiler liegt jenseits der Baumgrenze. In den kurzen Sommerwochen sprießt auf den buckligen Hängen ein zartes Grün, zahllose Bächlein rinnen von den Felsen herab wie Silberfäden. Da es in Juf sogar im Juli oder August schneien kann, werden die wettergegerbten Häuser ständig beheizt.

Es gibt einen Gasthof, mehrere Ferienwohnungen und ein Touristenlager. Die Bewohner leben vom Fremdenverkehr und von der Landwirtschaft. Genauer: der Viehhaltung, denn auf über 2.000 Metern wachsen nur mehr Gras und Wildkräuter. Maschinen erleichtern die Arbeit, am Prinzip jedoch hat sich im Lauf von Jahrhunderten kaum etwas geändert: Im Sommer mähen die Bauern ihre Wiesen, die ohne Kunstdünger auskommen, während die Kühe auf den verstreuten Almen weiden. Deren Milch wird zu Käse oder Butter verarbeitet. Die besten Teile vom Angusrind veredelt man zu "Bündnerfleisch", der Rest kommt in die Wurst.

Tiere sind Lebewesen mit eigenem Charakter

Dölf Menn, muskulöser Oberkörper, hellblaue Augen, ist ein aufmerksamer Zuhörer. Richtig gesprächig wird der 60-Jährige erst, sobald die Rede auf seine Rinder kommt. Am Eingang zum Stall weht die Flagge eines Bio-Dachverbandes. Wie fast alle Landwirte im Tal, wirtschaftet Menn nach strengen ökologischen Richtlinien. Was er unter Nachhaltigkeit versteht, drückt er so aus: In seinem vor einigen Jahren neu erbauten Stall gebe es keine automatische Entmistungsanlage. "Mir gefällt es, mit den Händen zu arbeiten, ich lasse mir gerne Zeit. Die Tiere sind für mich nicht einfach Schlachtmasse, sondern Lebewesen mit eigenem Charakter."

Nach etwa einem Jahr kennt Dölf Menn seine Rinder so gut, dass er eine Auslese trifft. Vom Gang zum Metzger bleiben die gutmütigsten weiblichen Kälber als künftige Zuchtkühe verschont. Nur rund ein Drittel des Bruttoeinkommens von Dölf Menn und den anderen Bauern des Tales stammt direkt aus der Landwirtschaft. Den Großteil gibt der Staat für die Erhaltung des ökologisch wertvollen Lebensraumes.