Ayu tanzt. Im warmen Schein der Fackeln schimmert ihr Kostüm golden, und zu den treibenden Klängen des Chors dreht sie sich. Die Blicke der Touristen ruhen auf Ayu: Heute ist sie Sita, für 60 Minuten ganz die Prinzessin. Sie ist gefangen in der Gewalt ihres Widersachers. Weit reißt sie die schwarz geschminkten Augen auf. Ihr sonst sanftes Gesicht wirkt grotesk, wenn sie wild und bedrohlich von links nach rechts blickt. Mit Präzision führt sie die mudra aus, jene fein abgestimmten Handbewegungen, die sie von Kindheit an in hartem Training erlernt hat. Die Balinesen kennen jede Bedeutung der winzigsten Bewegungen und kunstvollsten Verbiegungen der Finger, sie kennen auch die Geschichte des Ramayana auswendig.

Die staunenden Touristen dagegen nicht, sie lesen im Begleitheft von Sita und dem Prinzen Rama, die ineinander verliebt sind. Von dem bösen Dämon Raksasa, der durch eine gemeine List die Geliebte raubt, und von Ramas Rettungsversuch. Sie lesen von der Hilfe des weisen Affengenerals Hanuman und wie dieser die Dämonenstadt in Brand steckt.

Auf der Freilichtbühne sehen die Zuschauer die bildliche Umsetzung: kunstvoll, glänzend, farbenfroh. Mit furchterregenden Masken und herrlichen Kostümen, die im Schein der Fackeln geheimnisvoll strahlen. Das Ganze untermalt vom monotonen Gesang der 50 stolzen Männer, die „kecak, kecak, kecak“ murmeln. Die Stimmen schwellen an, die nackten Oberkörper ragen als eine menschliche Pyramide in den Himmel, die Hände zu den Göttern erhoben – bis sie die Zuschauer in den Bann des Spiels gezogen haben. Für 60 Minuten sind diese in einer fremden Welt, in der nur das ständige Blitzen der Fotoapparate störend an das moderne Heute erinnert.

Dieses Schauspiel findet jeden Abend an verschiedenen Orten auf Bali statt. Die meisten Touristen sehen sich den berühmtesten Tanz Balis auf dem Areal des Pura Luhur Uluh Watu an. Die Kulisse ist einzigartig: Wer den Blick über die Schauspieler hinweg zur Klippe schweifen lässt, kann im Dämmerlicht das Meer und den heiligen Tempel im Hintergrund erblicken. Aber auch in Ubud und anderen Touristenorten kann man in den Genuss dieses Schauspiels kommen – wieder, zum Glück!

Durch den deutschen Maler Walter Spies wurde 1930 der Kecak und andere Tänze populär: In Zusammenarbeit mit dem begnadeten Tänzer Wayang Limbak fügte Walter Spies Fragmente des exorzistischen Trance-Tanzes Sanghyang Dedari mit dem Inhalt des Epos Ramayana zusammen und kreierte so den weltlichen Kecak-Tanz. Wurden dabei früher heranwachsende Mädchen in Trance versetzt, um als Medium zur Ahnen- und Götterwelt zu fungieren, erleben heute Millionen von Zuschauern fesselnde Unterhaltung. Ganz nebenbei erweckte Walter Spies das Interesse der Balinesen an ihrer eigenen Tanzkultur zu neuem Leben.

Und diese Tanzkultur hat so viel zu bieten. Neben den Tänzen, die speziell für Touristen aufgeführt werden, gibt es noch eine Fülle an weit mystischeren Variationen. Um die Unterschiede zwischen Tanzritual, religiösem Tanz und Unterhaltung herauszustellen, teilte man das Repertoire in drei Gruppen ein: Balih-Balihan sind weltliche Aufführungen, zu denen unter anderem der Legong, der Kecak, der Solo-Baris und ein Topeng gehören. Bebalih sind rituelle Tanzdramen, die oft in Zusammenhang mit Ritualen im mittleren Tempelhof oder am Hof balinesischer Fürsten aufgeführt werden. Es handelt sich um Tänze wie Topeng Pajegan, Wayang-Wong-Spiel und das Gambuh-Tanztheater. Die dritte Gruppe, Wali, sind sakrale Tänze, die Bestandteil von religiösen Zeremonien sind und ausschließlich in diesem Rahmen dargeboten werden, wie der Baris und der Trance-Tanz Sanghyang.

Besucher bekommen meist nur die Balih-Balihan zu sehen, die ausschließlich der Zerstreuung dienen – nicht nur von Touristen, sondern auch von Balinesen. Von professionellen Tanzgruppen werden neben dem Kecak auch der Legong, der als Inbegriff an Weiblichkeit und Schönheit gilt, der aufregende Kriegstanz Baris und der Barong, die Schlacht zwischen dem heiligen Barong und der bösen Hexe Rangda, in farbenprächtiger Ausstattung aufgeführt. Letzterer präsentiert das Spiel zwischen Gut und Böse in höchst eindrucksvoller Form und ist der bekannteste der rituellen Tänze.

Erschienen im Michael Müller Verlag