"Beine zusammen! Rücken gerade!" Man könnte meinen, man sei beim Militär. Wäre da nicht das nächste Kommando: "Und jetzt durch die Lippen furzen." Der Kommandant ist Elisabeth Heilmann-Reimche, ihre Mission ist es, Schülern das Alphornblasen beizubringen, die noch nie ein Blasinstrument in der Hand hatten. Und das in zwei Tagen.

Die ersten Versuche sind hart, vor allem, wenn man sie auf dem Gipfel der Zugspitze macht, knapp 3.000 Meter über dem Meeresspiegel. Die Luft ist dünner als am Boden – was man spätestens dann merkt, wenn man alle Luft aus seinen Lungen in ein Horn pumpt, dass fast doppelt so groß ist wie man selbst. Die Touristen, die auf den Gipfel drängen, das Horn anfassen und tausend Bilder von einem bedenklich roten Kopf und aufgeblasenen Backen machen, tragen nicht gerade zur Entspannung bei. Wenn Elisabeth Heilmann-Reimche in das Horn stößt, klingt das nach Weite, Sehnsucht, Bergen. Anfänger klingen wie ein Elefant, der einen jämmerlichen Schnupfen hat.

Kleine Kinder können es sofort

Wobei – nicht alle Anfänger. Ein fünfjähriges, japanisches Mädchen bittet so lange, bis es auch mal in das imposante Instrument blasen darf – und siehe da, ein runder, voller Ton kommt heraus. Stolz posiert das Kind mit seinem Plüschhund auf dem Horn für ein Foto. Naja. Nächster Versuch. Konzentration. Hämisch grinsen soll man, wenn man ins Alphorn stößt, die Mundwinkel anspannen, aber die Lippen völlig locker lassen. Und vor allem: "Nicht denken!"

Trööt. Trööööötsch. Wwmmmmm. Da, endlich, der erste Ton, der nicht wackelt und scheppert, sondern klingt. "Toll, ganz toll", jubelt die Kommandantin. Doch der nächste Stoß klingt schon wieder wie ein Rüsseltier. Auf dem Berg, dieser Bühne, ist man die Attraktion und möchte sich doch am liebsten hinter dem Horn verstecken.

Das Publikum auf dem Gipfel wird kleiner und kleiner. Ein Blick nach oben zeigt, warum. Dunkle Wolken ziehen heran und türmen sich aufeinander. Die ersten Regentropfen platschen auf das Alphorn, Zeit, sich in eine Gondel zu flüchten und den höchsten Punkt Deutschlands zu verlassen. Der Musikunterricht geht weiter – endlich in einer stillen Kammer, daheim bei der Lehrerin. Das Haus gleicht einem Blasmusikmuseum, sie weiß selbst nicht, wie viele Hörner aller Art und Trompeten hier in den Ecken stehen und an den Wänden hängen, zwischen Fotos ihrer Auftritte mit dem Alphorn. Auf einem der Bilder schüttelt sie dem ehemaligen bayerischen Ministerpräsident Edmund Stoiber die Hand.

Die Alphornrebellin

Elisabeth Heilmann-Reimche hat Musik studiert und im Südwestdeutschen Symphonieorchester in Stuttgart die erste Trompete gespielt. Nach einem Jahr heiratete sie und verließ das Orchester.

Die Konzentration und Disziplin, die man braucht, um den Bläsern den Takt vorzugeben, durchdringt sie noch immer. Aber die Trompete hat sie inzwischen gegen das Alphorn getauscht. Anfangs wollte sie das Horn spielen, weil sie dachte, dass man mit Auftritten am Alphorn mehr Geld verdienen könne als mit Trompeten. Sie kaufte sich mit ihrem Vater und ihrem Bruder Hörner und brachte sich das Spielen bei. Jetzt kommt sie nicht mehr los von diesem langen Instrument. "Das Alphorn ist mein Leben", sagt sie.

Die Musik half ihr über ihre schwersten Zeiten hinweg. Ihre Tochter verunglückte bei einem Autounfall, beinahe wäre sie gestorben. Sie fand nur mit der Hilfe ihrer Mutter langsam wieder ins Leben zurück. Die Kraft, die Elisabeth Heilmann-Reimche braucht, um ihre Tochter zu unterstützen, schöpft sie aus dem Alphornspielen in der Natur.

Und aus dem Musikunterricht. Fast täglich lehrt sie junge Mädchen aus Garmisch-Partenkirchen , mit denen sie zusammen auftritt. Es ist ein ungewöhnlicher Anblick, wenn sie mit fünf oder sechs ihrer Spielerinnen auf ein Fest kommt. So eine große Alphornfrauengruppe gibt es in Deutschland kein zweites Mal. Eigentlich muss man die Alphörner draußen spielen. Früher dienten sie der Kommunikation. Die jungen Mädchen, die Heilmann-Reimche unterrichtet, sollen jeden Tag eine Viertelstunde kommen, um zu üben. Damit sie alles kontrollieren und sofort korrigieren kann. Damit sich nichts Falsches einschleicht. Doch die meisten Mädchen gehen irgendwann weg, um zu studieren oder wegen des Jobs.

Lange galt das Alphornblasen als Männerdomäne, auch wenn Frauen es genauso gut beherrschen können. Heilmann-Reimche ist keine Feministin. Sie findet einfach, dass junge Frauen am Alphorn fescher aussehen als alte Männer. Und genau bei denen macht sie sich unbeliebt mit ihrer rein weiblichen Alphornband. Sie sehen in ihr eine unlautere Konkurrenz.

Der Bläserin ist das egal. Sie zieht durch, was sie anfängt. Sie ist eine strenge Lehrerin, aber auch eine gute. Jetzt wird erst einmal spucken gelernt – für den besseren Stoß. Die Musikerin ist resolut, engagiert, spannt sich mit an, wenn der Schüler bläst. Und nutzt derbe Worte, um zu beschreiben, wie man welche Töne erzeugt: Für hohe Töne muss man die Bauchmuskeln so anspannen, als würde man kotzen. Für tiefe so wie beim Kacken.