Im vergangenen August lud mich ein Freund zu dem Dorffest Nuestra Señora y San Roque im nordöstlichen Spanien ein. Gleich nach der Ankunft in Hontoria del Pinar tauchte ich ein in ein neues, unbekanntes Spanien. Das Gästehaus, in dem ich unterkam, ist das einzige im Dorf und gleichzeitig ein Bar-Restaurant. Dort empfing mich ein Schwall lauter Geräusche – in Deutschland würde man sagen: Lärm. Durch Zufall traf ich einige aus Deutschland zurückgekehrte spanische Migranten, die mich im Handumdrehen in ein Gespräch verwickelten. Nur wenig später ertappte ich mich dabei, wie ich mich laut und gestikulierend mit ihnen unterhielt.

Der nächste Tag begann mit einem Männerfrühstück. In jedem Dorf gibt es sogenannte Peñas, Freizeitgruppen. Ich landete in einer traditionellen Männer-Peña, die vor rund vierzig Jahren gegründet wurde. Auf einem der kleineren Dorfplätze entfachten die Männer über einem Gullideckel ein Feuer. Darüber brachten sie ein Gestell mit einen riesen Stahltopf an, in dem sie Milchlammstücke mit allerlei Zutaten kochten. An Bierbänken aßen wir anschließend dieses überraschend geschmackvolle Fleisch und tranken dazu Rotwein – zum Frühstück. Zum Glück ist die Frühstückszeit der Spanier nicht so früh wie in Deutschland.

Mittags trugen die Einwohner dann einen kleinen Thron mit einem Heiligen durch die Gassen. Eine Kapelle begleitete den Umzug. Sie spielte keltische Musik, die Frauen im Umzug gaben einen Volkstanz zum Besten. Ich selber durfte den Thron mittragen. So erlangte ich meinen ersten offiziellen Sündenerlass.

Am Abend machte ich eine Radtour ins Nachbardorf, wo ich zum Abendessen verabredet war. Nach 800 Metern stand plötzlich ein dunkler Kampfstier mitten auf dem Feldweg. Vollbremsung, Panikattacke. Ich stand einfach nur da, der Stier schaute mich interessiert an. Da bemerkte ich erst: Es war eine Kuh! Mit ihren gewaltigen Hörnern und dem schwarzem Fell sah sie einem echten Kampfstier zum Verwechseln ähnlich.

Ich fuhr weiter, an abgemähten, gelben Getreidefeldern vorbei, bis mir eine riesige Schafherde den Weg versperrte. Große Schäferhunde drohten mir mit Bellen und Knurren. Doch der sonnengebräunte Schäfer der Herde lachte nur und sagte: "Die machen nichts. Wenn man einen Stock in die Hand nimmt, laufen sie weg." Nach einem kurzen Schwätzchen, zu dem jeder in dieser Gegend Spaniens scheinbar jederzeit aufgelegt ist, ging es weiter.

Hungrig und viel zu spät kam ich zu meiner Verabredung. Im Restaurant erwartete mich eine Vitrine mit wunderbaren Tapas, die Fleischesser und Vegetarier zugleich glücklich machen: Blutwurst mit Reis oder Zwiebeln, Kartoffel- oder Spinatomeletts, kalte Gemüsesuppen, Schinken und Ziegenkäse. Dazu gab es Tomaten, die wirklich nach Tomaten schmecken, mit Olivenöl und grobkörnigem Meersalz. Ein Glas Reserva aus Ribera del Duero rundete das Ganze ab.

Wenn Deutsche an Spanien denken, fällt ihnen als erstes Sonne, Strand, Fiesta und Siesta, Toreros und Paella ein. Viel mehr bekommt ein durchschnittlicher Tourist am Mittelmeer auch nicht mit. Meine Reise nach Hontoria del Pinar hat mir gezeigt, dass es im Landesinneren noch so viel mehr zu entdecken gibt: das ursprüngliche Spanien!