Zwei Inseln gibt es in der Bucht von Hammerfest – Melkøya und Høya. Melkøya, die "Milchinsel", sieht man als erste, wenn man die Stadt auf 70,39 Grad nördlicher Breite mit der kleinen Turboprop-Linienmaschine aus Tromsø anfliegt. Nach den endlosen Weiten des Nordmeers mit seinen buckeligen Schattenrisslandschaften taucht plötzlich dieses gleißende Eiland auf. Ein unwirklich anmutendes Bild der Verheißung: Hunderte von Scheinwerfern und eine lodernde Gasfackel leuchten über das Wasser.

In vier riesigen Betontanks und Kilometern ineinander verschlungener Leitungen wird dort Erdgas aus der Barentssee verflüssigt, aufbereitet für den Transport nach China , Nordamerika oder in die EU . Die Vorkommen sind gigantisch, die Nachfrage unersättlich. "Klondike" wird Hammerfest hier oben genannt, nach dem Landstrich in Alaska , in dem Ende des 19. Jahrhunderts der legendäre Goldrausch losbrach.

Høya hingegen, ein riesiger Granit-Monolith, liegt weiter draußen in der Bucht. Ihn sieht man nur bei Tage, er ist unbewohnt, dort glitzern keine Lichter. Er hat eine merkwürdige Form – ein Felsbuckel, der von seinem höchsten Punkt als schräge Ebene ins Meer kippt. Eine eigentümliche Präsenz geht von ihm aus. Oft verschwindet er hinter Schnee- oder Regenschleiern, hinter Nebel und Wolkenfetzen, dann tritt er wieder hervor, mal schemenhaft, mal überdeutlich, als sei er plötzlich näher gerückt. "Mir ist egal, wo ich wohne, solange ich Høya sehen kann" ist ein geflügeltes Wort unter den Alteingesessenen in Hammerfest.

In der deutsch-norwegischen Kinoproduktion Gnade spielen beide Inseln eine Rolle. Der Film handelt von einer deutschen Familie, die nach Hammerfest zieht, um dort einen Neuanfang zu wagen. Der Mann arbeitet als Ingenieur auf Melkøya, die Frau als Pflegerin am Krankenhaus. Er beginnt sofort eine Affäre, sie fährt, abgelenkt vom Spiel des Nordlichts am winterlichen Himmel, ein einheimisches Mädchen tot. Aus dem Neuanfang wird ein Albtraum, ein Drama um Schuld und Vergebung, in dem die Kamera zwischendurch immer wieder in langen Einstellungen auf Høya verharrt, als könne man von dem Felsen eine Antwort auf die Fragen des Lebens erwarten.

"Høya ist wie eine stumme Figur, ein schweigender Zeuge des Dramas", sagt Kristine Knudsen, die Produzentin des Films, nach einer Vorführung des Films im schnittigen neuen Kulturhaus von Hammerfest. "Unser Kamerateam und der Regisseur sind Høyas Magie ziemlich schnell erlegen." Dem nächtlichen Anblick von Melkøya allerdings auch – "der hellen Insel, die Geld bringt", wie Knudsen sie beschreibt.

Die in Berlin lebende Norwegerin kennt beide Inseln seit ihrer Kindheit: Sie ist in Hammerfest aufgewachsen, ihr Vater war der Pastor des Städtchens. Es war ihre Idee, die Handlung des Films, die ursprünglich in Kopenhagen angesiedelt war, an diesen Ort am Rande der Welt zu verlegen. "Der Film bekommt dadurch eine existenzielle Note", sagt die energiegeladene Frau mit dem rotblonden Raspelschnitt. "Die Weite der Natur, der Berge, der Wildnis – gibt es einen stärkeren Resonanzraum für ein Drama?"

Die Intensität des Films ist indes nicht allein der dramatischen Handlung geschuldet, sondern auch der Ruhe, mit der der deutsche Regisseur Matthias Glasner die Kamera auf alltäglichen Szenen verharren lässt. Eine sehr skandinavische Ruhe, die Schweigen aushält, die Ungesagtes ahnbar werden lässt, in der das Knirschen des Schnees, das Fauchen des Windes, das Rieseln des Schnees widerhallen. Eine Ruhe, die sich in den gewaltigen, sanft geschwungenen Formen der Landschaft um Hammerfest zu manifestieren scheint. Glasners genauer, unnachgiebiger Blick verbindet auf erstaunliche Weise Alltäglichkeiten, kleine Ereignisse auf der Arbeit oder am Abendbrottisch mit den großen Begriffen von Schuld und Sühne, Vergebung und Gnade.

In gewisser Hinsicht ist das eine Spielart dessen, was jeden Reisenden in Hammerfest erwartet: eine ungewohnte Verbindung von Alltagskleinklein und grauer Stadtenge mit grandioser Wildnisweite. Es braucht kein Drama, um etwas mitzubekommen von der seltsamen Verschränkung von Alltag und Erhabenheit, die die Stadt am Polarkreis auszeichnet. Das Hammerfester Stadtbild ist profan, man sieht viel Beton und nur wenig Holz. Doch durch die prosaische Kleinstadtkulisse schimmern allerorts die Zeichen der umliegenden Wildnis.

Ständiger Wind lässt das Wetter schnell wechseln, man sieht die Flanken der ins Nordmeer ragenden Gebirgszüge in ständig wechselndem Licht. Und man blickt in eine Weite, aus der nur allzu häufig graue Schnee- oder Regenschleier nahen, die Augenblicke später die ganze Stadt einhüllen. Im Sommer fraßen Rentiere die spärlichen städtischen Blumenrabatte vor dem Rathaus kahl, bis im vergangenen Jahr ein Zaun um die Stadt gezogen wurde. Der Rasen vor dem nüchternen Gebäude ist noch immer aus dunkelgrünem Plastik.