Auch die Keramikfabrik Bordallo Pinheiro lebt weiter. Sie liegt zwischen Lissabon und Coimbra und produziert seit 119 Jahren Geschirr, Fliesen und Nippes. Portas und die Nachahmer ihres Concept Stores ordern regelmäßig, vor allem jene dunkel glasierten, lebensgroßen Schwalben, die neuerdings wieder Zimmer- und Hauswände zieren. Rund 10.000 Keramikvögel hat Portas im vergangenen Jahr verkauft. Die Andorinhas sind ein Symbol dieser neuen Liebe zum Eigenen. "Früher war es ein Qualitätsmerkmal, wenn ein Produkt aus dem Ausland kam", sagt Portas. Im Jahr fünf der Krise wollen viele Portugiesen aber von Europa nichts mehr wissen. Sie vertrauen wieder dem Urteil ihrer Vorfahren, kaufen Zahnpasta der Marke Couto (2,35 Euro die Tube), Kaffee der Marke A Brasileira (250 Gramm 5,90 Euro), buntes Toilettenpapier von Renova (drei Rollen 9,90 Euro).
Ein Starprodukt ist die Borda d‘Água, ein portugiesischer Bauern-, Kirchen- und Mondkalender. Schon im 17. Jahrhundert gab es diesen Calendarium oeconomicum practicum perpetuum: Ein Sammelsurium allgültiger, praktischer Tipps für Jedermann. Wer auf Ebbe und Flut, Wind und Wetter achtet, wer zur rechten Zeit sät und früh zu Bett geht, wer Hausmittel verwendet, auf den richtigen Märkten einkauft und sich an die Sprüche der Alten hält, dem wird im Leben alles gelingen. Bei A vida portuguesa gibt es diesen "wahren Almanach" für 1,80 Euro, aber auch in Kiosken und beim Verlag kann man ihn bekommen. 330.000 Portugiesen haben 2012 das 24-seitige, getackerte Heft gekauft (das Land hat 10,6 Millionen Einwohner). Es erscheint seit dem Jahr 1929 in unveränderter, sehr einfacher Gestaltung, die Blätter sind dünn, die Illustrationen spärlich: Der Erfolg der Borda d‘Água lässt erahnen, wie viele Portugiesen heute ticken – im Rhythmus der Jahreszeiten und Mondphasen.
Wer sich portugiesische Langsamkeit für zu Hause aufheben will, der kann sich bei A vida portuguesa einen Warenkorb kaufen. Portas hat sie für alle Lebenslagen zusammengestellt: Veilchenseife, Notizbuch, getöpferte Schwalbe und Portugal-Stempel, gebettet in Holzwolle heißen "Matar Saudades", Sehnsüchte töten. Der Korb "Milagre" (Wunder) besteht aus einer fluoreszierenden Madonnenfigur, wächsernen Devotionalien und Weihwasser aus dem Pilgerort Fátima. "Para Brincar" (Zum Spielen) besteht aus Schiefertafel, Springseil, Murmeln und Lakritzen. Und wer der Unternehmerin darin recht gibt, dass das Leben aus kleinen Nichtigkeiten besteht, die wieder mehr Bedeutung verdienen, der ordere für 25 Euro die Mischung "A vida e feita de pequenos nadas": Instantpulver für Kinderbrei, Oliven, Thunfisch, Paprika-Konserve, Schokolade, Lindenblüten, Kochbuch: Alles, was man zum Leben braucht.
Kommentare
Billigkonsum bei IKEA und den Chinese ist leider in
Dieses Ansinnen und Tun, die traditionellen Werte zu erhalten und vielen zur Verfügung zu stellen, ist sehr hehr.
Schade nur, dass die Portugiesen zwar den alten Zeiten und natürlich auch den wundervollen Stücken wie bunt gewobenen Handtüchern nachheulen.
Doch den Ansturm auf die zeitgenössischen Waren erlebt wohl eher IKEA. Gerade dieser Tempel des Billigkonsum ist bei der noch kaufkräftigen Kundschaft en vague.
Die Portugiesen, die den Euro zwanzigmal rumdrehen bis sie ihn ausgeben, befriedigen ihre Konsumbedürfnisse dann in einer der vielen chinesischen Warenhäusern.
Entfernt. Kein konstruktiver Beitrag. Die Redaktion/kvk
Wer so schön ist, ...
... kann alles verkaufen. Allerdings in Chiado kaufen keine Armen ein.
Gut so !
Als Zugabe zu dem Artikel möchte ich nur unterstreichen, dass es eher um das Prinzip geht die Vielfalt der port. und europ. Kultur zu erhalten, i.e., der Gleichschaltung von Lebenmittelketten zu entkommen.
Wenn die "Oberschicht" - nach Abgang der Mittelschicht - diese Zeichen versteht, können wir vielleicht eine Vielfalt erhalten.
Das Leben in Lissabon ist anders, obwohl der "ruhige Puls" nicht zu verwechseln ist mit "faulen Portugiesen", die einige Medien in Deutschland gerne unterstellen.
Wer sich, ausserdem, für port. Architektur interessiert, ausser Siza Vieira, kann sich gerne über Catarina Porta's Vater unterrichten: NUNO Portas.
Holl, das sind ja Preise wie in der Apotheke
"...buntes Toilettenpapier von Renova (drei Rollen 9,90 Euro).". Sechs Rollen 5-lagig (und weich!) im DM 4.50 .- Euro. Warum sollte ich Europa hassen, welches mir solchen zivilisatorischen Komfort bietet? So schlecht kann es den Portugiesen nicht gehen, wenn sie solche Preise zahlen.
"die Portugiesen"
Zitat: "So schlecht kann es den Portugiesen nicht gehen, wenn sie solche Preise zahlen."
War das jetzt ernst gemeint? Oh Herr, ...