Es sind Winterurlauber im klassischen Sinne, die dieses Konzept anspricht. Jene, die ihr Urlaubsziel nicht nach Pistenkilometern wählen und die beim Schneesport lieber einem Reh begegnen als einer Gruppe Gaudiburschen im Sechser-Lift. "Es kommen vor allem Familien mit Kindern und das gesetzte und ältere Publikum", sagt Wanderführerin Maria Luise Holly, die für das Tourismusbüro in Obsteig zweimal in der Woche kostenlose Schneeschuhtouren anbietet. Im Nebel stapft Holly an diesem Vormittag mit Schneeschuhen einen Hang hinauf. Vom Waldrand nähern sich die Silhouetten zweier Schneeschuhgeher, die Wanderführerin Holly hocherfreut mit Handschlag begrüßt. Es ist ein Ehepaar aus Oberösterreich, das am Vortag bei einer geführten Tour dabei war und heute den Anstieg zur 1.704 Meter hohen Lacke auf eigene Faust probiert. "Viele Ältere fangen hier noch mal mit dem Schneesport an", sagt Holly. "Schneeschuhgehen, Langlaufen oder Rodeln kann schließlich jeder."

Der Wirt Föger sitzt im Stübchen seines Hotels beim Mittagessen. Es gibt Schlutzkrapfen mit Kürbisfüllung, ein grüner Kachelofen strahlt Wärme in den kleinen Raum. Trotz vieler schöner Erinnerungen an das Skifahren am Grünberg hat der 35-Jährige den Abbau des Lifts befürwortet und damit die Auseinandersetzung auch innerhalb der Familie befeuert: Sein Vater Herrmann, amtierender Bürgermeister von Obsteig, war viele Jahre Geschäftsführer der Liftgesellschaft. Der Vater habe die Kritik von allen Seiten aushalten müssen, erinnert sich Föger. Von den Befürwortern, die irgendwann kein neues Konzept zur Rettung des Lifts mehr sehen wollten. Von den Gegnern wie dem örtlichen Skischulbetreiber, der fest daran glaubte, man wolle ihn ruinieren.

"Viele haben natürlich Angst gehabt, dass im Winter keiner mehr kommt", sagt Föger. Er könne das sogar verstehen, schließlich sei mit dem Skigebiet vor 40 Jahren überhaupt erst ein ernst zu nehmender Wintertourismus am Mieminger Plateau entstanden. Der über zwanzig Jahre sehr gut lief, dann aber immer mehr Gäste verlor, so wie alle kleineren Skigebiete in Tirol. "Langfristig können nur die großen Skiarenen überleben", sagt Föger. "Doch viele der Älteren hier vor Ort wollten sich nicht mehr umstellen."

Im Skiraum des Hotels stehen heute viele Langlauf- und Tourenski. Föger hat für seine Gäste Ausrüstung gekauft, das Hotel bietet Schneeschuhtouren, Fackelwanderungen und Skitouren für Einsteiger an. "Für die Gäste, die wir ansprechen, zählt mehr das emotionale Erlebnis, da ist eine große Sehnsucht nach der Natur", sagt Föger, der selbst vor acht Jahren das letzte Mal auf einer Piste stand und seitdem nur noch Skitouren geht. "Die wollen erleben, wie sich der Winter anfühlt, und nicht nur steinhart gefrorene Pisten runterbrettern." Er sei froh, dass man in der Gemeinde das Skigebiet nie ausgebaut und fünfzehn Jahre Tourismus-Entwicklung verschlafen habe, sagt Föger. "Nur deshalb haben wir überhaupt noch ein natürliches Umfeld, das jetzt Gäste anzieht." Im vergangenen Jahr, der ersten Wintersaison ohne Skigebiet, habe sein Hotel etwa zehn Prozent Gäste verloren und ebenso viele dazugewonnen. In der gerade endenden Saison 2012/13 sei der Saldo positiv, mit einem Plus von fünf Prozent mehr Übernachtungen. Ein leichter Trend nach oben, den aktuelle Übernachtungszahlen für die gesamte Region bestätigen.

Doch nicht jeder hat sein Geschäft rechtzeitig in neue Bahnen gelenkt. Ein Beispiel für den verpassten Wandel steht in bester Lage von Obsteig: das Hotel Tyrol, 200 Betten in kleinen Zimmern und Vorreiter des Wintertourismus alten Stils am Plateau. 2010 musste der Betrieb schließen. Das Konzept von Busgruppen-Urlaub und Bettenburg-Architektur der siebziger Jahre war schon lange nicht mehr aufgegangen.

Auch für die Skischule Schaber, mit Büro und Verleih gleich beim Abzweig zum Grünberglift, wurden mit den Liftstützen am Grünberg die Pfeiler eines viele Jahre erfolgreichen Geschäftsmodells demontiert. Im Verleih-Stübchen der Skischule zieht Juniorchef Ingemar Schaber, kahl rasierter Kopf und Piercings in Nase und Ohren, graue Haftfelle auf einen Tourenski. Abfahrtski in Kindergrößen stehen hinter ihm an den Wänden, daneben Schlitten und schmale Langlauflatten. Die Skischule, die früher allein schon durch das Hotel Tyrol jeden Winter viel Kundschaft bekam, hat ihr Angebot umstellen müssen. "Wir bieten nur noch Anfängerkurse an", sagt Ingemar Schaber. "Und Einsteigerkurse für Tourenski."

Ein beliebtes Ziel dieser Anfängertouren ist der Grünberg-Gipfel. Eineinhalb Stunden dauert der Aufstieg über die alte Piste. Immer wieder kratzen Kanten im Schnee, kommen Tourengeher von oben heruntergefahren. Längst ist der Schnee durch die vielen Abfahrten verpresst wie in einem Skigebiet. Das verlassene Liftwärter-Häuschen oben am Berg ist Ziel des Aufstiegs. Hier ziehen die Tourengeher die Felle von ihren Skiern ab und dicke Jacken und Handschuhe für die Abfahrt an. Es sind viele Einheimische darunter, doch von Sentimentalität fehlt jede Spur. Durch den Abbau des Lifts ist aus dem altmodischen Skigebiet ein attraktives Tourenziel geworden. Viele sagen sogar, dass am Grünberg heute mehr Menschen Ski fahren als vorher.