Es sieht schon merkwürdig aus, wie Ursula Grießer in den Himmel schaut, zwischen Schilf und Wolken mit dem Finger eine Linie in die Luft malt, sich dabei um die eigene Achse dreht und plötzlich eine Kehrtwende macht und auf das Gebüsch zeigt. Sie folgt der Gemeinen Becherjungfer – einer Libellenart mit türkisfarbenem Körper.

Die filigranen Flügel der Libelle knistern. Dabei bleibt sie in der Luft stehen wie ein Helikopter. Noch bevor alle Ökotouristen sie entdeckt haben, fliegt sie davon. "Man muss sich erst mal einschauen, sonst sieht man sie nicht", sagt Grießer und lacht, als ihr ein Grashüpfer aufs grüne T-Shirt springt. Die 36-jährige Biologin und Naturpädagogin führt an der Eggstätt-Hemhofer Seenplatte Besucher in den Mikrokosmos der Libellen.

Die Seenplatte liegt nordwestlich des Chiemsees und gehört zu den wertvollsten Biotopen Bayerns. 17 Seen haben sich vor über 10.000 Jahren gebildet, nachdem Eisblöcke von sich zurückziehenden Gletschern unter Schotter begraben wurden und später bei steigenden Temperaturen schmolzen. So formten sich die Kessel und Mulden, aus denen sich die seenreiche Hügellandschaft entwickelte. Seit 1939 stehen die zehn Eggstätter Seen unter Naturschutz, seit 1985 die sieben Seeoner Seen. Der größte der 17 Seen hat eine Fläche von einem Quadratkilometer. Andere sind so klein, dass man sie auf keiner Karte findet.

Wertvolle Juwelen

Grießer führt die Naturfans an kleinen Mooraugen vorbei. Das sind Vertiefungen, in denen sich überschüssige Feuchtigkeit des Moores sammelt. Dort baden Grünfrösche. Irgendwo singt ein Rotkehlchen. Ursulas Herz schlägt nicht nur für Libellen, sondern auch für Blutegel, Käfer und Eintagsfliegen. Mit einem Kescher fängt sie die Insekten aus dem Wasser und zeigt sie in einer Becherlupe herum, als wären sie wertvolle Juwelen: eine Wanze, die auf dem Rücken schwimmt, eine Köcherfliege – das Zeichen für absolut sauberes Wasser.

Der See mit dem reinsten Wasser ist der Langbürgner See. Grießer ist froh, dass es noch immer so ist, denn in den vergangenen Jahren haben sie und andere Bewohner der Region sehr dafür gekämpft. Man hatte Erdgasvorkommen in der Region vermutet. Eine Probebohrung sollte vom Rande der Seenplatte bis unter den buchtenreich verwinkelten See führen. Bürgerproteste und neue wirtschaftliche Bewertungen des Areals haben dazu geführt, dass der Plan im Januar eingestellt wurde. "So konnten Arten erhalten werden, die es anderswo kaum noch gibt", sagt Grießer.