Die Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage von Berberfrauen war eines der Ziele bei der Gründung der Kooperative in Tiout im Jahr 2002. Unterstützt wird die Genossenschaft im Dorf am Fuß des Anti-Atlasgebirges vom Fürstentum Monaco und einer Stiftung von König Mohammed V. Das Modell hat seither Schule gemacht: Immer mehr solcher Gemeinschaftsprojekte entstehen im ländlichen Marokko.

Denn die Arganie ist bedroht. Das dornige Gewächs, das bis zu zehn Meter hoch werden kann, gehört zu den ältesten Bäumen der Welt. Einst war es in Nordafrika weit verbreitet. Heute existiert der Baum nur noch im Südwesten Marokkos auf einer Fläche, die etwa doppelt so groß wie das Ruhrgebiet ist. Aber diese Fläche schrumpft, denn die Touristenmetropole Agadir wuchert in die breite Soussebene hinaus. 

Schafe unter einer Arganie © Helmut Luther

In dem fruchtbaren, vom Soussfluss durchschlängelten Gebiet müssen die verstreuten, bisher nur wild wachsenden Arganbäume Gewächshäusern sowie Gemüsefeldern weichen. Durch Überweidung oder weil Brennholz gebraucht wird, werden die Bestände  dezimiert.

1998 erklärte die Unesco deshalb ein 8.000 Quadratkilometer umfassendes Gebiet zum Biosphärenreservat. Entwicklungsprojekte, zu denen die Gründung von Frauen-Kooperativen wie die in Tiout zählen, sollen die lokale Bevölkerung an den Gewinnen beteiligen und sie so vom Nutzen einer nachhaltigen Bewirtschaftung überzeugen.  

Bescheidener Wohlstand

Die Herstellung des Arganöles war bei den Berbern immer Frauensache. Etwa alle 14 Tage hätten die Dörflerinnen früher für den Hausgebrauch die zähe gelbrötliche Flüssigkeit mit dem nussigen Geschmack gepresst, erzählt Fadma Hankar und zeigt eine der wagenradgroßen traditionellen Steinmühlen in ihrem Büro im Obergeschoss des Genossenschaftsgebäudes.

Natürlich seien die Männer im Dorf anfangs der Kooperative gegenüber eher skeptisch gewesen. "Aber heute bessern hier 30 Mitglieder und noch mal so viele Rohstofflieferantinnen das Familieneinkommen auf. Das überzeugt." In der Region werden 2.000 Berberfrauen durch den Verband, dem die Genossenschaft in Tiout angehört, mit Arbeit versorgt.

Wie praktisch Emanzipation im Dorf funktioniert, zeigt ein Besuch bei Zahra Haqi. Ihr Haus liegt am Ende der Hauptgasse von Tiout, einem Weg aus gestampfter Erde, von dem tunnelartige Gassen mit verschachtelten Lehmhütten abzweigen. In der Mitte des Wohnzimmers, in das Zahra bittet, steht ein neuer Einbauschrank mit Fernseher, ein Zeichen bescheidenen Wohlstandes. Im Flur des penibel aufgeräumten Hauses liegt ein Bündel Kleider. Das könne ruhig warten, sagt Madame Haqi. In der Genossenschaft befinde nämlich sich eine Waschmaschine, dort lasse sich am nächsten Tag Geldverdienen und Kleiderwaschen in einem erledigen.

"Ich konnte heute nicht zur Arbeit in die Genossenschaft kommen, weil ich meine Enkel hüte", sagt Zahra, um sie herum wuselt ein halbes Dutzend Kinder. Die fröhliche Frau ist der beste Werbeträger für Arganöl. 58 oder 60 Jahre alt sei sie, genau wisse das keiner, sagt Madame Haqi. Sie hat ein faltenloses Gesicht.