ZEIT ONLINE: Auch, wenn man dabei die größten Sehenswürdigkeiten verpasst?

Kieran: Wer nur die "Was man sehen muss"-Kapitel aus dem Reiseführer abhakt, bleibt an der Oberfläche. Vielleicht sieht man genau das, was auf dem Foto abgebildet ist. Aber man versteht es nicht wirklich.

ZEIT ONLINE: Ist es nicht nachvollziehbar, in Rom das Kolosseum sehen zu wollen und in Paris den Eiffelturm?

Kieran: Wenn ich auf dem Eiffelturm stehe, sehe ich nur, dass da überhaupt keine Franzosen sind außer denen, die mich bedienen. Weil sie niemals dort hingehen würden. Weil das kein realer Ort ist. Es ist internationales Territorium, ein Niemandsland des Tourismus.

ZEIT ONLINE: Für die Tourismusindustrie ist es aber besser, wenn die Millionen Touristen vor den Sehenswürdigkeiten stehen, als sich irgendwo in der Pampa verlaufen und alles niedertrampeln.

Kieran: Die Tourismusindustrie behauptet, dass man eine bestimmte Menge an Erfahrung kaufen kann. In Wirklichkeit verkauft sie Träume. Dinge, die nicht existieren. Das ist Manipulation, ein Trick, wie überall, wo etwas verkauft wird. Ich glaube, unser Unglücklichsein kommt zum großen Teil daher, dass eine große Lücke klafft zwischen dem, was wir wollen, und dem, was wir bekommen.

ZEIT ONLINE: Wohin also fahren, um das authentische Reisegefühl zu haben?

Kieran: Es kommt nicht auf Ort und Entfernung an. Man kann auch zu Hause bleiben. Es geht allein um die Haltung: Slow Travel ist keine Flucht, nicht escape, sondern inscape. Man schaut in sich hinein. Man denkt über sein Leben nach, wer man ist, ob man die richtigen Sachen macht. Wenn man 24 Stunden alleine Zug fährt, in Gedanken versinkt, aus dem Fenster starrt, dann kann das ganz außergewöhnlich ein.

ZEIT ONLINE: Sie schreiben, dass Sie Flugangst haben. Haben Sie die mit dem langsamen Reisen einfach nur zur Philosophie gemacht?

Kieran: Das habe ich auch schon vermutet. Deshalb bin ich neulich, nach 20 Jahren, noch mal in ein Flugzeug gestiegen. Ich wollte sicher sein, dass ich diesen ganzen Müßiggänger-Reisen-Kram mir nicht nur deshalb ausgedacht habe, weil ich solche Angst habe.

"Der Trip war das Schlimmste, was mir passieren konnte, und gleichzeitig hat er mich zum Leben gebracht."

ZEIT ONLINE: Und?

Kieran: Die Erfahrung hat mich nur noch mehr bestärkt. Ich habe mich gefühlt wie ein Frachtgut, ohne die Möglichkeit, mich wirklich auf den neuen Ort einstellen zu können. Man ist gestresst und sorgt sich, ob man den Anschlussflug bekommt, statt zu denken: Ich fahre an einen neuen Ort, den ich nicht kenne, und an dem ich keine englischen Zeitungen lesen werde.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch raten Sie zu Nachtzügen und geben Tipps, wie man mit anderen Reisenden ins Gespräch kommt. Was aber, wenn man schüchtern ist?

Kieran: Gerade dann sollte man es machen. Ich war wahnsinnig schüchtern, als ich meine erste lange Zugreise machte. Das war vor zehn Jahren, ich musste zu einer Hochzeit nach Polen. Ich litt damals an Agoraphobie, konnte jahrelang nicht aus dem Haus gehen. Es war ein Problem für mich, in den Bus oder die U-Bahn zu steigen – und plötzlich fuhr ich alleine durch halb Europa und habe Züge verpasst. Der Trip war das Schlimmste, was mir passieren konnte, und gleichzeitig hat er mich zum Leben gebracht. Weil ich etwas gewagt habe.

ZEIT ONLINE: Haben Sie vorher überlegt, einfach abzusagen? 

Kieran: Nun, ich war der Trauzeuge. Und ich hatte mehr Angst davor, meinen Freund Henry hängen zu lassen als davor, die Reise zu machen.

ZEIT ONLINE: Haben sie einen Tipp für Anfänger des langsamen Reisens? Eine Übung für zu Hause?

Kieran: Man nehme einen Rucksack mit etwas Proviant und laufe los, in irgendeine Richtung, bis zum Sonnenuntergang. Wenn ich das mache, entdecke ich Orte, an denen ich normalerweise mit großer Geschwindigkeit vorbeifahre. Wenn ich nicht mehr kann, nehme ich ein Taxi oder rufe einen Freund an, der mich abholt. Das ist meine Empfehlung: Behandle dein Zuhause mit der Geisteshaltung eines Reisenden.