Der Tropfstein liegt in der Hand wie eine Cola-Flasche mit zweieinhalb Litern Inhalt, mindestens. Annick, blonder Zopf und blaues Top, presst die Finger zusammen und umklammert den glatten Stein. Fast 30 Meter hat die französische Hobby-Kletterin der Big Tree Wall auf Koh Yao Noi schon abgerungen. Jetzt, kurz vor dem letzten Haken der Kletterroute, finden Hände und Füße kaum noch Halt. "Allez, komm schon", ruft Patrick, der Annick am Seil sichert. Neben ihm, am Fuß der orangegrauen Felswand, balancieren zwei Makaken durch die Bäume. Keine hundert Meter weiter knattert der Motor eines Fischerboots durch das türkisblaue Meerwasser. Annick atmet in kleinen Stößen, sie drückt die Beine durch und zieht sich auf einen Absatz. Geschafft. Durchatmen. "Gut gemacht", ruft Patrick von unten.

Koh Yao Noi ist ein neuer Spot für Kletterer in Südthailand. Die Insel liegt in der Phang-Nga-Bucht zwischen Krabi und Phuket. Auf nur zwölf mal zehn Kilometern Fläche bietet sie eine wilde Szenerie aus dicht bewachsenen grünen Hügeln, Gummibaumplantagen, Mangrovenwald und gewaltigen Felswänden an der Nordspitze. Hier sind in den letzten zehn Jahren 165 Routen entstanden – als Antwort auf die Überpopularität der berühmten Klettergebiete in der Umgebung.

Die südthailändische Küste bei Krabi und einige vorgelagerte Inseln sind ein beliebtes Ziel für Kletterer aus aller Welt. Riesige, mit Tropfsteinen bewachsene Kalksteinwände umrahmen hier Buchten mit weißen Sandstränden und immergrünem Tropenwald. Bekannt wurde die Landschaft im Westen vor allem durch Filme wie Der Mann mit dem goldenen Colt mit Roger Moore als James Bond oder The Beach mit Leonardo di Caprio.

Die Bilder der imposanten Kalksteinformationen lockten ab Ende der 1980er Jahre Kletterpioniere aus den USA und Europa in die Region: Tagsüber kletterten sie und befestigten mit Bohrmaschinen Haken in den gigantischen Felswänden. Abends feierten sie am Strand und schliefen in Bambushütten, die thailändische Fischer für ein paar Dollar pro Monat vermieteten. Mit dieser Bergsteigerversion des Endless Summer wurde vor allem die Phra-Nang-Halbinsel bei Krabi mit den Stränden Tonsai und Railey zum Sehnsuchtsort vieler Klettertouristen – die immer zahlreicher kamen. Heute hört man hier kaum noch Bohrmaschinen, dafür  hallen die Anfeuerungsrufe thailändischer Kletterlehrer die Felswände hinauf. An den Einstiegen beliebter Routen stehen die Kletterer in der Hochsaison Schlange. Es gibt Bungalows mit Klimaanlagen, eisgekühltes Bier und kostenloses WLAN.

Auf der Suche nach neuen Wänden

Viele der einstigen Kletterpioniere sind deshalb weitergezogen, auf der Suche nach Orten, an denen man klettern und leben kann wie auf der Phra-Nang-Halbinsel vor 20 Jahren. Mark Miner aus Boulder im US-Bundesstaat Colorado etwa, der 1995 nach Phra Nang kam und half die Wände am Tonsai Beach zu erschließen. Als der Tourismus dort immer mehr zunahm, begann Miner, neue Felsen zu suchen. Er fand sie etwa eine Bootsstunde von Phra Nang entfernt, auf Koh Yao Noi.

"Als ich 2001 zum ersten Mal herkam, sprach niemand Englisch", sagt Mark Miner über die Insel. Der Mittvierziger, freier Oberkörper, lange braune Dreadlocks und thailändische Fischerhose, harkt trockene Blätter vom staubigen Weg vor seinem Haus in Tha Khao, einem Dörfchen an der Nordostküste Koh Yao Nois. Auch heute leben die 4.000 Bewohner der Insel hauptsächlich vom Fischfang und der Kautschukgewinnung. Es gibt kaum Autos, für Fahrten zum Markt oder auf die Plantagen setzt sich oft die ganze Familie zusammen auf ein Moped. "Das ruhige Dorfleben hat mich sofort verzaubert", sagt Miner. "Und die Felsen waren der Bonus." Er begann Thai zu lernen und einheimische Partner zu suchen, die ihm halfen, die schwer zugänglichen Felswände für Kletterer einzurichten. 2003 entstanden die ersten Routen, seit 2004 leben Miner und seine Frau Heather den größten Teil des Jahres auf der Insel.

Die Routen, die Mark Miner hier eingerichtet hat, gehören in den Augen vieler Kletterer zu den besten in Thailand. Trotzdem ist Koh Yao Noi immer noch eine Art Geheimtipp. Eine Wand für sich allein zu haben, ist hier kein Luxus, sondern an den meisten Tagen des Jahres ganz normal. Die Zahl der Kletterer ist überschaubar, was vermutlich daran liegt, dass es auf der Insel keinen Partyrummel gibt und der Zugang zu den Felsen schwierig ist. Einige der Wände sind nur mit dem Boot zu erreichen. Die anderen liegen im Hinterland einer abgelegenen Bucht, zu der man auf dem Landweg am besten per Moped gelangt: Über eine gefällestarke, vom Tropenregen ausgewaschene Urwaldpiste, die den Puls in die Höhe treibt und die Hände am Bremshebel kleben lässt.