Nicht einmal der Erotic Cellar ist nur das, was er scheint! Das heißt, natürlich gibt es in dem Souterrain-Laden mitten im Amsterdamer Rotlichtviertel wie angekündigt "Kabinen, Leder, Gummi". Doch auf einmal ist da eine Spur, die auf etwas ganz anderes verweist: ein geschnitztes Ornament im Giebel über dem Eingang zeigt Admiral Cornelis Tromp, dekoriert mit einer goldenen Medaille, samt Segelschiff. Rechts davon sieht man seinen Diener, einen schwarzen Jungen, der zu dem niederländischen Seehelden des 17. Jahrhunderts aufblickt.

Details wie dieses, sagt Jennifer Tosch, zeigen: die Spuren von Kolonialzeit und Sklaverei sind in der niederländischen Hauptstadt reichlich vorhanden – man muss sie nur sehen und deuten, um den Blick auf die Geschichte zu vervollständigen. Fast wirkt es ironisch, dass Tosch ausgerechnet eine orange Plastiktulpe in der Hand hält, während sie einer Gruppe von 25 Menschen berichtet, wie Admiral Tromp von hier, dem ehemaligen Hafenviertel, aufbrach, die Niederlande als Seemacht zu etablieren. Denn von Klischees sollte sich jeder verabschieden, der sich ihrer "Black Heritage Tour" anschließt.

"Ein anderes Narrativ" will Jennifer Tosch bieten, ein Werkzeug, historische Gegebenheiten zu entschlüsseln und das glänzende Bild des "goldenen" 17. Jahrhunderts der Handelsnation zurechtzurücken. "Nicht um die Niederländer zu dämonisieren oder die Schwarzen zu Opfern zu machen", sagt sie. Ihr Anliegen ist Vollständigkeit, und die Gegenwart liefert dafür den besten Grund: "In dieser Stadt wird 2013 einiges gefeiert: 400 Jahre Grachten. 200 Jahre Monarchie. Das Ende der Sklaverei vor 150 Jahren fällt dagegen eher unter den Tisch."

1863 schafften die Niederlande als letzte Kolonialmacht in ihren Überseegebieten Surinam und den Antillen die Sklaverei ab. Keti Koti ("zerbrochene Ketten") war auch für Tosch ein entscheidendes Ereignis, denn als sie etwas mehr als 100 Jahre später in New York geboren wurde, waren ihre Eltern soeben aus Surinam in die USA emigriert. Doch mehr als ein paar Geschichten aus der alten Heimat erzählte die Mutter, bei der sie aufwuchs, nicht. So wurde sie "ein amerikanisches Mädchen mit mysteriösen surinamesischen Wurzeln".

Erst nach dem Tod der Mutter fing sie an, sich dafür zu interessieren. Vor einem Jahr nahm Tosch, inzwischen Soziologin, in Amsterdam an einem Kurs zur kolonialen Vergangenheit der Niederlande teil. Sie kam an den Ort, an dem ihre Mutter einst studierte, und war enttäuscht: im Fokus des Kurses stand Indonesien, während Surinam und die Sklaverei außen vor blieben. Also machte sie sich selbst auf die Suche. Das erste, was ihr auffiel, bildet heute den Einstieg zu ihrer "Black Heritage Tour": Verzierungen an Hausgiebeln, ein Indianer mit Pfeil und Bogen, ein schwarzer Junge mit Halsring, und dann dieses Relief oben am Alten Rathaus: Affen, Löwen, Elefanten, Krokodile. "Was zeigt uns das? Dass es um Expansion ging."

Wie die Niederlande dank transatlantischem Handel, Plantagenwirtschaft und Sklaverei zur Weltmacht wurden, erfahren die Teilnehmer auf dem Wasser. In einem holzgetäfelten Salonboot doziert Tosch, die Kellner servieren dazu Snacks und kühle Getränke. Aufmerksam lauschen sie, die afroamerikanische Praktikantin im Anne-Frank- Haus, ein Diversitäts-Dozent an Schulen, ein Tourguide auf der Suche nach Spezialwissen. Und als draußen die erhabenen Paläste der Kaufleute vorbeiziehen, lässt Tosch ihr iPad herumgehen, mit einer Grafik der Wohnorte von Sklavenbesitzern an den Grachten.

Zu gerne würde sie der Gruppe das Westindisch Huis, dessen Garten zur Rechten nun die Blicke auf sich zieht, auch von innen zeigen, doch das ehemalige Hauptquartier der Westindischen Kompanie ist lediglich für Hochzeiten oder Empfänge zu mieten. Für Cornelly Overmans passt das ins Bild. Die 82-jährige Surinamerin, deren Urgroßmutter 16 war, als die Sklaverei beendet wurde, nippt an ihrem Weißwein. Dann erzählt sie von dem Monument für Jan Pieterszoon Coen, dem despotischen Gouverneur der Vereinigten Ostindischen Kompanie. Ihr Kommentar zur niederländischen Erinnerungspolitik ist knapp: "Eine Schande."