Die Weichen für die Flut stellen – Seite 1

In der Nacht auf Montag wird Erik Hinke vom Klingeln seines Handys geweckt. Um drei Uhr morgens erreicht ihn die Nachricht, dass eine Brücke, die bei Schönhausen in Sachsen-Anhalt über die Elbe führt, wegen des Hochwassers gesperrt werden muss. Die gesperrte Brücke liegt auf der Bahnstrecke von Berlin nach Hannover, dort können jetzt keine Züge mehr fahren. Hinke, der die Betriebszentrale der Deutschen Bahn in Berlin leitet, führt von zu Hause aus ein paar Telefonate, dann fährt er ins Büro.

Sieben Betriebszentralen hat die Bahn-Tochter DB Netz in Deutschland, dazu kommt eine Leitzentrale in Frankfurt. Von Berlin aus kümmern sich die Mitarbeiter um alle Strecken in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, außerdem um die Fernzüge nach Hannover und Hamburg.

Ob eine Brücke oder ein Streckenabschnitt wegen Hochwassers gesperrt wird, entscheidet nicht die Deutsche Bahn, sondern der örtliche Katastrophenstab. Der informiert dann die Bahn, die wiederum eine Umleitung finden muss.

Alle Gleise und Züge auf sechs Bildschirmen

In der Berliner Zentrale im Stadtteil Pankow setzen sich die Mitarbeiter zusammen und überlegen, welche Alternativrouten geeignet sind. Eigentlich gibt es für solche Situationen Notfallpläne, in denen festgelegt ist, bei welchen Streckensperrungen wie reagiert wird. Doch die helfen im Fall des aktuellen Hochwassers nichts, denn die vorgesehene Ausweichstrecke über Magdeburg musste ebenfalls gesperrt werden. "Wir konnten die Ordner gleich zugeklappt lassen", sagt Netzkoordinator Karsten Feske, der in der Nacht zu Montag Schichtleiter in der Betriebszentrale war.

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Auf Feskes Schreibtisch stehen drei Telefone. Über sechs Bildschirme behält er alle Gleise, Weichen und Züge im Blick. Der Laie sieht ein nichtssagendes Durcheinander von bunten Strichen, kryptischen Abkürzungen und vielen Zahlen. Doch Feske kann daran auf einen Blick erkennen, ob ein Zug im Zeitplan liegt oder ob es irgendwo Probleme gibt.

Feske und seine Kollegen beschließen: Die Züge von Berlin nach Hannover werden über Wittenberge umgeleitet. Das verlängert die Fahrt um eineinhalb bis zwei Stunden, aber immerhin rollt der Verkehr. Der ICE von Berlin nach Frankfurt fährt einen einstündigen Umweg über Halle.

Fahrgastverband fordert bessere Kommunikation

Die Umsetzung dieser Entscheidung ist kompliziert. Es muss eine ganze Menge an Beteiligten einbezogen werden: Bei der Bahn sind die Bereiche Fernverkehr, Regionalverkehr und Güterverkehr organisatorisch getrennt, dazu kommen noch private Eisenbahngesellschaften, die einen Teil der Regionalstrecken betreiben. Auch bei den Mitarbeitern der Berliner Betriebszentrale sind die Aufgaben klar verteilt. Manche betreuen bestimmte Züge, andere sind für einzelne Gleisabschnitte zuständig. Nur wenn sich alle absprechen, funktioniert der Ablauf reibungslos. Alle Weichen auf den Umleitungsstrecken müssen richtig gestellt werden. Die Fernverkehrszüge IC und ICE haben Vorrang. "Schnell vor langsam ist das Prinzip", sagt Hinke. Doch der Regional- und Güterverkehr muss mit eingeplant werden, alles muss aufeinander abgestimmt sein. Für jeden Zug erstellt die Betriebszentrale einen neuen Fahrplan. Außerdem müssen Presse und Fahrgäste informiert werden.

Ein Lokführer darf auf einer bestimmten Strecke eigentlich nur fahren, wenn er darauf eingewiesen wurde. Doch diese Vorschrift gilt während des Hochwassers nicht mehr, sonst wären viele Umleitungen nicht möglich.

Das Krisenmanagement der Bahn scheint in diesen Tagen zu funktionieren. Verspätungen sind unvermeidlich, doch die meisten Passagiere erreichen ihr Ziel.  "Für das Hochwasser kann die Bahn nichts", sagt Winfried Karg von Pro Bahn. Nur die Kommunikation kritisiert der Fahrgastverband: "Die Fahrgäste wurden nicht richtig informiert." Manchmal werde auf dem Handy eine Verspätung angezeigt  und der Bildschirm am Bahnhof suggeriert, der Zug sei pünktlich. Über Änderungen bei anderen Zugbetreibern erfahre man von der Deutschen Bahn gar nichts, man müsse sich bei jedem Anbieter eigens informieren: "Es fehlt ein einheitliches Portal."

Mittags um zwölf endet die Schicht von Karsten Feske, er wird abgelöst und kann nach Hause gehen. Der Ausnahmezustand im Bahnverkehr wird noch eine ganze Weile weitergehen.