Wenn Asunción Alonso morgens um halb fünf zur Arbeit geht, blickt sie manchmal nach oben. "So schön wie hier ist der Himmel nirgendwo", sagt die 45-jährige Käserin aus Villaverde. Das weite Firmament, die klare Luft und der dunkle Himmel sind es, die Alonso seit ihrer Kindheit mit ihrer Heimat verbindet.

Fuerteventura, die flachste und älteste Insel der Kanaren, ist einer der weltbesten Orte zum Sternegucken. Das findet nicht nur Alonso, sondern auch die Internationale Astronomische Union (IAU), die Starlight Finder Foundation der Unesco und etwa 30 Hobby-Astronomen auf der Insel. Sie wollen Fuerteventura zum Sternenhimmel-Reservat machen. Mit dieser Auszeichnung könnte die Insel Starlight Destination werden, eine neue Spielart des Naturtourismus. 

Das Zertifikat wäre die Hintertür zur nachhaltigen Entwicklung auf der zweitgrößten Insel des Archipels, wo auf 1.600 Quadratkilometern 100.000 Menschen und 110.000 Ziegen leben. Bis in die neunziger Jahre galt Fuerteventura als weitgehend unberührt. Heute kommen jährlich zwei Millionen Touristen, die sich am Strand aalen oder mit dem Surfbrett über die Wellen gleiten. Nun sollen sie die Insel auch bei Nacht kennen lernen.

Sternengucker sehen auf Fuerteventura mehr als anderswo in Europa. Nicht nur wegen der geringen Licht- und Luftverschmutzung und der hohen Wahrscheinlichkeit für wolkenfreien Himmel, besonders zwischen September und Mai, wenn kein Passatwind bläst. Fuerteventura liegt auch gut 28 Grad nördlich des Äquators. Deswegen kann der Blick über die gesamte nördliche und einen Teil der südlichen Hemisphäre streifen.

"Wir sind gerade noch rechtzeitig gekommen", sagt Tony Gallardo. Der 53-jährige Arzt und Umweltpolitiker ist für das 2009 deklarierte Biosphärenreservat Fuerteventura zuständig, in das das Projekt Sternenhimmel-Reservat eingebettet ist. "Wäre die Entwicklung der Insel weiter fortgeschritten, müssten wir zu viele Lichter ausschalten." Die Entwicklung der Insel ist ungleich: Im Norden, Osten und Südosten schicken Tourismuszentren wie Corralejo (30.000 Hotelbetten), Costa Calma, Jandía oder Morro Jable, Städte wie Gran Tarajal und Puerto de Rosario sowie der Flughafen viel Licht in den Nachthimmel. Entlang der Westküste und im Inneren der Insel ist es nachts recht finster.

Nur wenige Besucher schätzen den Reiz des Inselinneren. Der baskische Philosoph Miguel de Unamuno, der in den zwanziger Jahren auf die Insel verbannt wurde, beschrieb Fuerteventura als "eine fast unbewohnte Insel wo, zwischen nackten Einsamkeiten und einsamer Nacktheit des erbärmlichen Landes ein paar Hirten herumstreifen."

Alonso stammt aus Villaverde im Norden. Wenn sie zur Arbeit geht, schimmert der Horizont seit einigen Jahren zart rosa: Es ist der Schein hell erleuchteter Strandpromenaden, Hotelfassaden oder Landepisten an der Küste. In ihrer Kindheit war der Himmel rundum tiefschwarz, denn es gab  keine elektrische Beleuchtung. Die sah Alonso zum ersten Mal mit 13 Jahren, Anfang der achtziger Jahre. Als die ersten Strandhotels entstanden, blies man in Villaverde abends noch die Kerzen aus. "Wir lebten sehr einfach, ohne jeglichen Komfort", erzählt sie.

Die Käserin verklärt ihre Kindheit nicht. Es waren Zeiten, als Kamele und Esel Lasten und Menschen über Sandpisten trugen, nachts die Türen offen blieben, man jedes Jahr auf Regen wartete und "wir hier sehr wenige waren". Alonso ist für Fortschritt. Gäbe es auf Fuerteventura keinen Tourismus, lebten dort heute wohl noch weniger Menschen als damals (rund 27.000).

An der beinahe unbewohnten Westküste liegt das Herz des künftigen Sternenlichtreservats. In dieser Dunkelkammer kann man mit bloßem Auge sehr viele Himmelskörper sehen. Deren scheinbare Helligkeit wird mit Magnituden (mag) angegeben. Je heller ein Stern, desto kleiner die Zahl. Der Mond leuchtet mit einer Kraft von maximal – 12,73 mag,  der Polarstern mit bis zu 1,97 mag – abhängig davon, ob man sie von der Wüste oder der Großstadt aus betrachtet. Denn über letzterer kann man oft nur noch Sterne mit der Leuchtkraft des Polarsterns wahrnehmen. Über Fuerteventura konnte Enrique de Ferra jedoch sogar das Licht von Sternen messen, die mit schwachen 21,4 mag auf die Erde strahlen.