Schwitzend stehe ich mit meinem Rennrad am Straßenrand der A12. In London ist es heute 36 Grad heiß. Rechts fahren Autos und Lkws auf einer sechsspurigen Straße mit fast 70 km/h an mir vorbei. Mein GPS zeigt eine Strecke an, die durch ein gesperrtes Baugebiet führt. Ich fluche. Warum nur muss ich die Startdokumente im Konferenzzentrum Excel in Ostlondon abholen? 

Vielleicht, weil man für 16.500 Teilnehmer ziemlich viel Platz braucht. Über 20 Schalter haben die Organisatoren aufgebaut, jedem ist ein Teil der Startnummern zugeordnet. Ich lasse mir die Nummer für mein Trikot und den Zeitmesser geben und schaue mich ein wenig um. Nebenan ist ein Verkaufsraum: Dort gibt es Fahrradhosen und Trikots, viele mit dem Aufdruck "London Prudential 100". Dem T-Shirt "Go Daddy!" für meine Tochter kann ich nicht widerstehen. Vor einem Jahr habe ich als Freiwilliger und Korrespondent bei den Olympischen Spielen 2012 gearbeitet. Der lange, weiße Verkaufstisch stammt eindeutig von dort. Jeder der Händler dahinter würde gern etwas loswerden: Supergranatapfelextrakt, American Peanuts mit extra viel Eiweiß, Hometrainer und Fahrräder, die für mich unerschwinglich sind. Sport ist hier vor allem eines: ein Geschäft.

Das ist sicher auch einer der Gründe, warum die Stadt London noch im Zuge der Olympischen und Paralympischen Spiele nach einer sportlichen Folgeveranstaltung suchte. Die Entscheidung fiel auf ein jährliches Radrennen, passend zum populären Londoner Marathon und entlang einer ähnlichen Route wie das 250 Kilometer lange Olympische Straßenrennen der Männer. Zwei Tage wird das erste offizielle Fahrradfest, der Prudential RideLondon, dauern. Gefahren wird auf vier autofreien Strecken: auf der "Freecycle"-Strecke dürfen alle radeln, spontan und in ihrem eigenen Tempo. Radprofis messen sich beim 2-Kilometer-Zeitfahren oder auf den 225 Kilometern Langstrecke. Und bis zu 20.000 sportliche Amateure konnten sich für die 100 Meilen anmelden, also etwas mehr als 160 Kilometer, durch London und die Grafschaft Surrey. Einer davon bin ich.

Gedenken an Karl Marx und Lucian Freud

Mir gefiel die Idee, die Stadt, in der ich lebe, vom Rad und damit aus einer anderen Perspektive zu sehen. Und ich wollte unbedingt am ersten Prudential RideLondon-Surrey 100 teilnehmen, der Eröffnungstour. Was ich nicht wollte: zwischen drin aufgeben müssen. Also begann ich zu trainieren. Mit jeder Stunde auf dem Rennrad veränderte sich mein anfangs leicht übergewichtiger Körper. Und mit ihm auch mein Bild der Stadt. Plötzlich bewegte ich mich abseits der gewohnten Strecken und sah London aufwachen: Wegen des Verkehrs trainieren Radsportler am frühen Morgen. 

Ich lernte den äußeren Ring des Regents Park lieben, eine 4,5 Kilometer lange Strecke, die bis 7 Uhr morgens für Autos gesperrt ist – ein Radlerparadies. Oder Swain's Lane, die 1,2 Kilometer lange Straße, die den westlichen vom östlichen Teil des Highgate Cemetery trennt. Während ich mich mit anderen Frühsportlern mit klebendem Trikot die Steigung hinaufquälte, dachte ich an Lucian Freud auf der einen und Karl Marx auf der anderen Seite des Friedhofs. Selbst die grünen Außenbezirke Londons schienen auf der Karte näher zu rücken. Mit dem Rennrad war ich schnell genug, um sie in meine Touren einzubeziehen.   

Teilnehmer auf dem Weg zum Start. © Daniel Zylbersztajn

Am Tag des Rennens steige ich um 6 Uhr morgens auf mein Rad. Zwei Radler mit roten Trikots schließen auf. Sie tragen Startnummern wie ich. Wir fahren zum Olympiapark, unsere Gruppe wird zusehends größer. Hinter dem ehemaligen Olympischen Dorf erwarten uns Freiwillige in grellbunten Uniformen, um uns ein "good morning" entgegenzuschmettern. Olympia 2012 lässt grüßen. Sie weisen uns den Weg entlang der Brachen, auf denen im vergangenen Jahr die Gebäude für die Caterer standen. Bis zum Startbereich ist es nicht mehr weit. Musik wummert uns entgegen und die Stimme eines Moderadtors, der wiederholt, wer sich wo anzustellen hat. Die meisten stellen sich erst mal bei den Toiletten an.

Auch die teilnehmenden Prominenten werden bekannt gegeben, darunter Londons Bürgermeister Boris Johnson. Dann muss ich mich an der Startlinie aufstellen. Ein Countdown, und schon geht es los. Noch fühle ich mich nicht wie der Teilnehmer eines großen Rennens. Doch dann biegen wir auf die A12 ab, auf der ich vor drei Tagen so verloren stand. Kein Auto, kein LKW ist zu sehen. Die Straße gehört uns. Wir sausen durch zwei der langen Autotunnel. Nur das Surren der prallen Fahrradreifen ist zu hören. Wir haben die Macht!