Alle auf einer Wellenlänge

"Entschuldigung, liebe Nacktschnecke!", ruft Lynn, sechs, meine Jüngste. Sie kurvt in letzter Sekunde einen Bogen um das glänzende Kriechtier, das mit seinen Artgenossen den schmalen Radweg vor uns bevölkert. Meine Töchter Skye, zwölf, Lynn und ich machen eine Fahrradtour durch den tiefgrünen Pinienwald, der Vielle-Saint-Girons wie ein kuschliger Pullover umfängt.

Unser Ziel ist Les Tourterelles, unser Campingplatz, dessen Name übrigens übersetzt die Turteltauben bedeutet. Geturtelt wird etwa eine Autostunde südlich von Bordeaux, in einem quirligen Durcheinander von Blockhütten, Zelten und Wohnmobilen.

Es ist warm, aber nicht heiß. Ein kleiner Rest Nieselregen vom Morgen glitzert auf den Blättern. Der raue Küstenstreifen zwischen Biarritz und Bordeaux steckt voller Erinnerungen, die sich jeden Tag wie ein Film vor meinen Augen abspielen.

Mit 19, nach bestandenem Abi, tingelte ich mit meinen Freundinnen Anne und Petra per Interrail von Biarritz die Küste hinauf. Einmal übernachteten wir in der kleinen Küstenstadt verbotenerweise am Strand, gleich neben der Promenade: "Dormir à la plage, c’est interdit, mademoiselles!" schnauzte am Morgen ein grimmiger gendarme. Wir rollten die Schlafsäcke auf und trollten uns wie Vagabunden. Damals atmete ich zum allerersten Mal diesen tollen herben Pinienduft. Ein Aroma, das süchtig macht.

Jahre später, hochschwanger mit Lynn, fuhr ich mit meinem Mann und der sechsjährigen Skye im VW-Bus wieder an den Atlantik. Wir jagten die perfekte Welle und betrieben Campingplatz-Hopping. Mein Liebster ist nämlich passionierter Surfer.

Bloß in diesem, meinem dritten Frankreichsommer, ist auf einmal alles anders. Viel entspannter und ruhiger. Wir wollen Freiheit schnuppern, aber bitte in der richtigen Dosierung. Denn ich musste meiner Ältesten, die sonst für jedes Abenteuer zu haben ist, versprechen, auf keinen Fall am Strand zu übernachten. Auf viel Getingel von einem Campingplatz zum nächsten hat ebenfalls keiner von uns so richtig Lust. Deshalb wählen wir als Herberge auf dem Campingplatz eine kleine Holzhütte unter Pinien, wo sonst.

Freunde schwärmen seit Jahren von Les Tourterelles. Sie fahren die rund eineinhalbtausend Kilometer aus dem Norden der Republik nach St. Girons mit großen Wohnmobilen. Schwerfälligen, aber sehr gemütlichen Dickschiffen mit Schlafalkoven, Küche, Dusche und WC, in denen es sich wie Gott in Frankreich leben lässt. Bloß wir besitzen keins, deshalb muss eine Lösung wie die gemietete Holzhütte her.

Pagotels, so heißen diese Hütten, sind eigentlich Zwei-Raum-Wohnungen mit Veranda und Spitzdach. Ich finde, unsere hat mit einem Hotel so viel gemeinsam wie ein Brötchen mit einem Baguette. Neben den coolen, surfbrettbeladenen Wohnmobilen und Hippiebussen unserer Freunde kommt sie mir fast ein bisschen spießig vor.

Dafür besitzt Le Pagotel eine eigene rosafarbene Nasszelle, die zwar von sechsbeinigen, recht großen Krabbeltieren geschätzt wird, doch mich stört’s nicht. Skye murrt "ich dusche hier nicht", und verzieht sich zum Waschen in die angegilbte, aber vermeintlich tierfreie Gemeinschaftsdusche neben dem Volleyballfeld. Doch mir genügt der Anblick vorbeiziehender Platznachbarn mit Kulturbeutel und Klorolle, um jeden Tag dankbar für das eigene Bad zu sein.

Am meisten freue ich mich über unsere bezaubernde Holzveranda, von Lynn mit selbst gepflückten Blumen und Muscheln dekoriert. Und das Beste: Das Meer ist in Hörweite, unsere Freunde auch.

Chez Claudi wird abends gegessen und gelacht

Claudia ist mit ihren drei Kindern angereist. Chez Claudi, dem Sonnenplatz vor ihrem Wohnmobil, wird abends gegessen, getrunken und viel gelacht. Tabloulé und Couscous, gebratenes Hühnchen zum Pinot Gris – und Bolognese für die Kinder, am liebsten drei Mal pro Woche, obwohl wir in Frankreich sind. Immerhin stammt der duftende Rosmarin vom Busch gleich neben dem Volleyballfeld. Silke und ihr Sohn Ben stehen mit ihrem großen Bus ein paar Meter weiter. Das Duo ist ebenfalls allein unterwegs, der Gatte muss nach zwei gemeinsamen Wochen längst wieder arbeiten. Andere Freunde sind en famille da. Manche mit Baby, andere haben ihren Hund mit an Bord.

Das Schöne am Campingplatzurlaub ist: Man trifft sich schon morgens beim Baguette holen am kleinen Kiosk. Man sieht sich wieder auf dem Weg zum Waschhaus, wo mannshohe Maschinen und Trockner ununterbrochen brummen. Und wenig später erneut, auf einen zweiten oder gar dritten Café au Lait auf dem Weg zum Strand. Klar, dass man oft schon am nächsten Wohnmobil oder Bus wieder hängen bleibt und für die Strecke ans Meer manchmal ewig braucht.

Und so stellen wir nach ein paar Tagen einstimmig fest: Diese Art von Frankreichurlaub hält für jeden unterschiedliche kleine Glückpakete parat.

Liberté, Freiheit, steht auf dem Glückspaket meiner zwölfjährigen Tochter. Skye hat sich bei Surflehrer Eric – sonnengebleichte Rastafarimatte, Shorts und Badelatschen – ein Rad ausgeliehen. Der hübsche Franzose managt gleichzeitig den Fahrradverleih. Ein knappes "Adieu" am Morgen, schon cruist sie von früh bis spät mit den anderen Teenies zwischen dem Strand und der winzigen Zeile aus Surfshops und Cafés hin und her. Wenn sie nicht radeln oder schwimmen, chillen die Mädchen in einer Hängematte unter Pinien. Oder sie verwandeln eins der Wohnmobile in ein Nagelstudio und tauschen bei viel Gekicher Lieblingslacke aus.

Auf meinem Glückspaket steht Pinienduft atmen, Lesen und Joggen – und zwar in genau dieser Reihenfolge. Ich kann mich an der knackfrischen Mischung aus Waldluft, Sonne und Meer nicht satt riechen. Ein gutes Drittel des Tages verbringe ich mit meinem Buch auf der Veranda.

Shoppen in Biarritz, ein Bummel durch das Outletparadies bei Hossegor oder Kultur schnuppern in Saint-Jean-de-Luz können mir gestohlen bleiben. Mein Glück lässt sich nur toppen, wenn ich meine Lektüre gegen mindestens zwanzig Zentimeter lange Stücke knuspriges, mit Butter und Honig bestrichenes Baguette eintausche.

Auch die männliche Fraktion unserer Familie, bei drei Frauen die absolute Minderheit, kriegt mit einem Wasserstart in den Tag, was sie zum Glücklichsein braucht. Ein Surf am Morgen, einer zum Sonnenuntergang – die Zeit dazwischen nutzt Mann zum Stand-Up-Paddeln oder mit der Familie. Der Atlantik stellt Traumbedingungen mit hoher Brandung bereit.

Es liegt vor allem an diesen fantastischen Wellen, dass die französische Atlantikküste nördlich von Biarritz Reisende in Scharen anzieht. Zum Baden sind sie sehr gefährlich, Familien müssen in die bewachten Badezonen abwandern. Für Surfer dagegen sind die Wellen das Paradies. Den Surfboom an der Côte de Basque löste – ausgerechnet – ein Amerikaner in den fünfziger Jahren aus. Peter Viertel, bekannt für seine Hemingway-Verfilmung von Der alte Mann und das Meer und einige Hitchcock-Filme, besaß ein Longboard. Eins dieser klassischen, ewig langen Holzbretter, mit dem er die Brecher bis an den Strand ritt.

Es gibt im Hochsommer trotzdem genügend Tage, an denen der Ozean sanft wie die Ostsee an den Strand pütschert. Dead Flat bedeutet tote Hose. Dann beobachten die Frauen ihre Männer, wie sie sämtliche verfügbaren Wind- und Wetter-Apps checken, um den nächsten swell, die Wellendünung, auf den Punkt abzupassen.

Lynn und die anderen jüngeren Kinder sind selig. Sie üben mit ihren Boogie Boards im flachen Weißwasser "sörfen". Fast ebenso viel Spaß macht den Mädchen unsere Fahrradtour zum See von Léon.

Vielleicht ist das an diesem Urlaub auf einem Campingplatz in Frankreich das Besondere. Die kleinen Dinge werden zu Highlights: Eine Fahrradtour durch efeuumwucherte Pinien, deren Stämme aussehen wie geheimnisvolle Krokodilschwänze. Mit zwölf Jahren noch spät abends mit Freundinnen auf einer Tischtennisplatte sitzen zu dürfen. Jeden Abend mit dem Liebsten auf einer Düne zusehen, wie die Sonne als Leuchtkugel im Nichts absäuft. Eigentlich eine Reise, von der es gar nicht so viel zu berichten gibt. Außer, dass alle ziemlich glücklich sind.