Immer vor dem Monsun her – Seite 1

"Was soll ich mich zu einem Leben zwingen, das mir zum Zuchthaus wird? Warum nicht der Verlockung des blauen Horizonts erliegen, dahin fahren, wohin der Monsun mich treibt...?" Recht hat er, denkt man zu Beginn der fabulösen, autobiographischen Erzählung Die Geheimnisse des Roten Meeres von Henry de Monfreid (1879-1974). Was spricht schon dagegen, für immer die Sachen zu packen? Einzig die Angst. Unsereiner lässt sich von der Angst durchs Leben treiben, ein wahrer Abenteurer vom Monsun.

Henry de Monfreid, aufgewachsen am Golf von Lyon, soll Ingenieur werden, scheitert, arbeitet als Lebensmittelchemiker bei Maggi. Schließlich versucht er sich 1911 im damaligen Abessinien als Angestellter eines Kolonialwarenhändlers, ist aber zu nachlässig bei Buchhaltung und Lagerverwaltung. Er flieht vor dem Naphthalinmief des Büros ans Rote Meer. 1913 lässt er sich an der Küste in Dschibuti nieder und heiratet seine Elsässer Freundin. Dann, mit Anfang 30, kauft er eine Dhau und sucht sich eine kleine Besatzung. Auf dieser Scholle mit trapezförmigem Segel beginnt er sein wahres Leben, inmitten von afrikanisch- und arabischstämmigen Seeleuten, Händlern, Piraten und Perlentauchern. Später legt er sich einen motorbetriebenen Einmaster zu, mit dem er das Rote Meer unzählige Male durchpflügen wird. "Ich bin damals aufgebrochen, weil ich das kleinbürgerliche Europa satt hatte", sagt er 1968 in einem Interview, "Äthiopien hat mich interessiert, dort suchte ich alles."

Glücklicherweise kann de Monfreid gut segeln und schreiben. Er überlebt alle Unwetter und stirbt mit 95 Jahren im tiefsten Zentralfrankreich. Dort schreibt er die meisten seiner mehr als 70 Abenteuerbücher. Animiert hat ihn dazu sein Freund Joseph Kessel, an den einige der 3.000 Briefe adressiert sind, die de Monfreid verfasst. Schon vor Ort schreibt, malt, fotografiert er, nach der Rückkehr nach Frankreich koloriert er seine Fotos, schneidet eigene Filme, sortiert Briefe. De Monfreids Versuch, die lahme Technik zu beleben und den Fotos einen Hauch Farbe zu verleihen, verrät seine Begeisterung für die Region und ihre Menschen. Die Nachwelt sollte zumindest erahnen, wie schön das alles war. De Monfreid hatte vier Kinder. Sein Nachlass ruht in der französischen Nationalbibliothek. Besonders die Filme gelten heute als Schätze: Man sieht darauf dunkelhäutige Seeleute bei der Haarpflege, beim Backen von Fladenbrot, beim Entern anderer Schiffe. Man sieht, wie sie ins Wasser fallen, im Seichten (stumm jauchzend) kraulen, faul im Sand liegen. Zweige wedeln im Wind, Wolken ziehen übers Wasser, alles ein wenig zu schnell, tonlos und schwarz-weiß.

36 Jahre lebte de Monfreid am Horn von Afrika, von 1911 bis 1947. Jetzt kann man erstmals auf Deutsch in seinem Leben lesen. Die Geheimnisse des Roten Meeres, publiziert 1931, wurde damals ein Bestseller. Das Buch ist spannend, lehrreich und anschaulich erzählt. De Monfreid schildert darin, wie er das Glück herausfordert, sich gegen jemenitische Piraten zur Wehr setzt, Freunde gewinnt und Feinde erkennt, zum Islam konvertiert und sich Abd-el-Haï, Sklave des Lebendigen, nennt. Bald erringt er den Respekt der Muslime, steigt in den Perlenhandel ein, kommt zu Geld, verliert es wieder.

Das Buch ist wie ein altmodischer Action-Roman

Spätere Werke, die hoffentlich bald ins Deutsche übertragen werden, schildern seine Erlebnisse als Schmuggler mit Haschisch, Waffen und Morphin, das er in deutschen Laboratorien bekommt und an reiche Ägypter verkauft. Er selbst raucht bis zu seinem Tod täglich eine Opiumpfeife. Während des Ersten Weltkrieges spioniert er für die Franzosen die jemenitische Küste aus, die damals von den Türken besetzt ist. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg kollaboriert er mit den Italienern in Äthiopien, wenig später greifen ihn die Briten auf und deportieren ihn nach Kenia, wo er mittellos einige Jahre am Fuß des Mount Kenia von Jagd und Fischfang lebt.

Die nun erschienene Erzählung seiner ersten Abenteuer ist chronologisch angelegt. Sie gleicht einem sorgfältig formulierten, detailreichen Bericht. Zwischen den Zeilen erkennt man den diskreten, intelligenten Autor, der seinen Lesern Raum lässt. Kaum Wertungen, keine Belehrungen, dafür gebanntes Beschreiben und aufgeregtes Handeln. Manchmal ist das Buch wie ein altmodischer Action-Roman, in dem "gut aussehende Männer um die fünfundvierzig mit bereits hennagefärbtem Bart" auftauchen, oder "vor Schmutz und Öl starrende, rachitische Araber, die hinter Reis- und Durrasäcken zu verfaulen scheinen". Wie diese Menschen durchblicken, wie wissen, wem man trauen kann und wem nicht? Ein Reiz des Buches liegt in der aufrichtigen Art des Autors, sich selbst zu beschreiben. Der Europäer muss sich bei den einheimischen Völkern vom Stigma des Kolonisators befreien und das Überleben sichern, nachdem die Besatzer den Abenteurer fallen gelassen haben. Zwischenzeitlich sitzt er wegen Verstoßes gegen Zollrecht und Waffenhandel sogar im Gefängnis. Erst später sollen die Europäer wieder Interesse an ihm finden, wegen seiner Ortskenntnisse.


Henry de Monfreid beweist Überlebenswille. Bald bewegt er sich wie ein Fisch in der Meerenge von Bab al-Mandab, manövriert zwischen den Korallenriffs der Musha-Insel (lange bevor dort Tauchsafaris organisiert wurden) und dem vulkanischen Hanisch-Archipel (lange bevor sich der Jemen und Eritrea darum stritten). Er wird im Hafen von Massaua und Tadjoura heimisch, tuckert durch Mangrovenwälder, trinkt Rindentee, isst Kamelfleisch, erzählt von Weihrauch, Kautabak, Bilbil-Muscheln – alles wird auch den Lesern vertraut. Der Autor befriedigt mit seinem Buch solche, die immer alles genau wissen wollen. Und er bedient jene, die ihr Fernweh stillen wollen. De Monfreid schafft beides, Atmosphäre und Zusammenhänge. Damit gewinnt er erzählerisch immer wieder an Fahrt. Er schreibt wie vom Monsun getrieben – uns Lesern bläst dabei der Fahrtwind durchs Haar. En passant erfahren wir, dass professionelle Perlentaucher an Inkontinenz leiden und dass man mit Termiten Wunden verschließen kann: Ein somalischer Chirurg (die Einheimischen nennen ihn Hexer) setzt in einer Szene die Insekten vorsichtig an die Kanten einer großen Bauchwunde. Nachdem sie sich im Fleisch des Verwundeten festgebissen haben, knipst er ihnen mit dem Fingernagel den Hinterleib ab.