Im Zug von Tiflis Richtung Schwarzmeerküste. In Gori bin ich der einzige, der aussteigt. Bin nur ich so verrückt, mir den hiesigen Stalin-Kult anzuschauen? Oder sind die Verrückten einfach schon hier? Schließlich will die Stadt die monumentale Statue des Diktators wieder aufstellen, die der georgische Präsident Saakaschwili erst 2010 abreißen ließ. Was ist los mit dieser Stadt?

Der Taxifahrer bringt mich vom Bahnhof in die Innenstadt. Ich frage ihn, wo denn das Denkmal vor drei Jahren gestanden habe. "Genau vor dem Rathaus." Er scheint die Frage zu kennen. Ich steige aus und laufe auf der Stalin-Allee zum Stalin-Museum. Die Gartenanlage des Museums mit Springbrunnen, kleinen Brücken und Kandelabern ist das eigentliche Zentrum von Gori.

Erst einmal frühstücken. In dem neuen Gebäudekomplex hinter dem Museum gibt es ein modernes Restaurant. Kein Stalin-Bild an der Wand. Durchs Fenster sehe ich den Parkplatz. Reisebusse fahren vor, ein paar geländegängige Motorräder mit deutschen Nummernschildern und ein Unimog-Reisewohnmobil aus der Schweiz. Ich fühle mich als Teil dieser Gesellschaft neugieriger Globetrotter.

Als Stalin 1953 starb, war ich 13 Jahre alt. Die Erwachsenen um mich herum meinten damals, eine neue, bessere Zeit würde nun beginnen. Endlich könnten auch die deutschen Kriegsgefangenen zurückgeholt werden. Über die Verbrechen Stalins sprach man nur im Vergleich mit Hitler – wenn überhaupt.

Wo ist denn nun die Stalin-Statue?

Das Schild am Eingang zur Touristeninformation bringt mich zurück ins Heute. Ein kühler, praktisch eingerichteter Raum mit Ladentheke und Regalen. Auch hier kein Stalin an der Wand. Drei junge Frauen lächeln mich an, und ich habe das Gefühl, etwas sagen zu müssen. "Wo wird denn die Stalin-Statue im Moment gelagert?", frage ich. "Gut verschlossen, in einem Tresor!", antwortet eine der Frauen. Ich lache, deute auf den Stadtplan von Gori und frage, wo das Denkmal wieder aufgestellt werden soll. Sie zeigt mir den Standort: in der Parkanlage, direkt vor dem Museum. Nicht vor dem Rathaus, wo sie früher stand. Die Antwort klingt ganz selbstverständlich und ich verabschiede mich einigermaßen verblüfft.

Im Andenken-Laden, gleich hinter dem Museum, gibt es von allem etwas. Kunsthandwerk, Kitsch, Postkarten, Typisches aus der Region. Und wo ist Stalin? Da muss man schon genau hinschauen. Eine Kaffeetasse mit seinem Konterfei wird verkauft und ein T-Shirt mit Stalin neben Ché Guevara. Aber Gipsbüsten, Wandteppiche, Ikonen für den Hausaltar? Fehlanzeige.

Jetzt auf ins Museum. Drinnen ein bombastischer Treppenaufgang. Die Räume sind in sanftes Licht getaucht. Schön chronologisch werden die Stationen aus Stalins Leben vorgeführt, von der Geburtsurkunde bis zur Totenmaske. Man lernt einen sympathischen, außergewöhnlich intelligenten Georgier kennen, der die Welt verändert hat. Von den Opfern des Stalinismus kein Wort.

Zu einem Besuch in Gori gehört selbstverständlich auch die Besichtigung des Geburtshauses. Das gemauerte Häuschen steht unter einem großen Baldachin aus Beton und Glas, wetterfest konserviert für alle Ewigkeit. Stalins Eltern wohnten hier als junges Paar, erklärt die Museumsführerin, drei Jahre lang und zur Miete. So wie hier haben offenbar viele Bewohner des Städtchens im 19. Jahrhundert gewohnt: bescheiden und schlicht, aber nicht elend.

Wären da nicht die Insignien der Sowjetunion in der Glaskuppel, das Haus könnte in jedem beliebigen Freilichtmuseum stehen. So bleibt viel Raum für die Fantasie – und reichlich Gelegenheit für die Identifikation mit dem berühmtesten Georgier der Neuzeit.