Es ist halbdunkel im Bordell Bataclan. Auf einer kleiner Bühne mit Samtvorhängen räkeln sich zwei spärlich bekleidete Mädchen, halb neben, halb auf zwei stolz blickenden Herren. Unten im Salon stehen zwei feine Damen und fotografieren die Szene. Ein Mann mit Melone und Mikrophon kommentiert: "Na, meine Herren Barone, da haben sie sich aber erwischen lassen, was!" Alle lachen. Es ist Mittwochabend, im Bataclan läuft die Show: Das Leben der Kakaobarone, inspiriert von Werken von Jorge Amado.

Der Fototermin mit den jungen Frauen dient zum Auflockern der Atmosphäre, danach spielt die Truppe Romanszenen und Dialoge und lässt die Stimmung aus den 1920er Jahren wieder aufleben, in denen das Bataclan berühmt wurde. Damals war Ilhéus die reichste Stadt des Bundesstaates Bahia, und das traditionsreiche Freudenhaus im Küstenstädtchen war nicht nur zur Vergnügung wohlhabender und meist verheirateter Männer da, es war auch Kulturinstitut, in dem Tanzshows aus Paris und aller Welt stattfanden, und vor allem war es geheimer Treffpunkt der Politiker, die hier unter den Fittichen der Puffmutter Maria Machadão alle wichtigen Entscheidungen trafen.

Beschrieben ist das in einem der berühmtesten Romane von Jorge Amado: Gabriela wie Zimt und Nelken von 1958. Umrankt von einem wilden Reigen aus Intrigen und Klüngelgeschichten erzählt Amado darin die – für brasilianische Moralverhältnisse – revolutionäre Liebesgeschichte des etablierten Kneipiers Nacib und Gabriela, der armen Zuwanderin aus dem Hinterland, die mit ihrer zimtfarbenen Haut, mit ihrem Duft nach Nelken, ihrer Sinnenfreude und Kochkunst nicht nur den Nachkommen libanesischer Einwanderer verzaubert. Um Gabriela für sich zu behalten, bietet Nacib ihr die Ehe an – aber als Bürgerfrau ist das Mädchen unglücklich. Als sie schließlich ihren Ehemann betrügt, trennt sich der Gehörnte. Um dann anschließend die Ex-Ehefrau wieder als Geliebte zu nehmen. Unerhört war das für die Gesellschaft des vergangenen Jahrhunderts.

Unerhört wäre solch ein Verhalten vermutlich auch heute, lange nachdem die Kakaobarone gestorben, verarmt oder ausgewandert sind. Die bessere Gesellschaft von Ilhéus vermischt sich mit dem Plebs nur selten. Durcheinander gerät die Ordnung höchstens im Bataclan, das erst vor wenigen Jahren aus der Ruine des Originals wieder erbaut wurde und heute mittags ein Buffet-Restaurant beherbergt und abends zum Dinner Kultur in Anlehnung an die alten Zeiten bietet: Tangoabende etwa oder Standardtanz-Treffs. "Mittags sitzt hier manchmal am einen Tisch der Verkäufer der illegalen Tierlotterielose, und am anderen der Polizist, der ihn eigentlich bekämpft", sagt Telma Camargo aus São Paulo, die dem Charme von Ilhéus vor mehr als einem Jahrzehnt erlegen ist und sich um das Kulturprogramm im Bataclan kümmert.

Es gibt viele Zuwanderer aus den großen Städten unter den 200.000 Einwohnern von Ilhéus. Angezogen werden sie von den Stränden, der Ruhe der Kleinstadt und dem Rest des vergangenen Glanzes: In den Straßen des Zentrums sind Kleidungsdiscounter wie Designläden in prächtigen Kolonialbauten untergebracht, stehen Marmorstatuen wie die der Sappho unter ehrwürdigen Platanen. Die Häuser im historischen Zentrum drehen bis heute vornehm dem Meer den Rücken zu – dabei gibt es allein im Stadtgebiet fast 100 Kilometer feinsten weißen Sandstrands. Die Kakaobarone badeten, wenn überhaupt, in Mineralwasserpools, die sie sich auf ihren Latifundien einrichten ließen. Die Stadt lebte von dem Handel, den die Plantagenbesitzer betrieben, und sie beeinflussten die Politik. Manche von ihnen, wie Misael Tavares, hatten sogar eine eigene Bank.

Nachdem Ende des vergangenen Jahrhunderts ein Baumpilz den Großteil der Kakaobäume befallen hatte und die Ernten auf nahezu Null geschrumpft waren, stürzte das reiche Ilhéus in die wirtschaftliche und politische Bedeutungslosigkeit. Geblieben sind ein eigener Flughafen, eine hervorragende Universität, Geschichten, Legenden und andere Überbleibsel. An die Tavares-Bank erinnert nur noch ein winziges Museum im Ilhéus-Hotel, mit Fotos des großen alten Herrn an der Seite aller Wichtigen des Landes. Das Hotel, ein klassizistischer Bau im Zentrum, beherbergt inzwischen Reisende mit schmalem Budget. Nur im obersten Geschoss lebt ein Urenkel des größten Kakaoproduzenten Südamerikas auf relativ großem Fuß: Über seine Familie und deren Geschichte mag Misael Tavares Junior nichts erzählen – aber seinen Sohn schickt er standesgemäß mit dem Taxi zur Schule.