Brüssel ist Hauptstadt eines zerstrittenen Landes, Hauptsitz der EU, "dreckig und bürokratisch", wie die Brüsselerin Isabelle Paelinck sagt. "Wir sind nicht grade für unsere Architektur berühmt." Sogar ein eigenes Wort für das Verhunzen von schönen Häusern hat die Stadt geprägt:

Brüs|sel|is|ier|ung, die: Das absichtliche Verrottenlassen wertvoller Jugendstil- und Bürgerhäuser aus spekulativen Gründen, um an deren Stelle sterile Büroflächen und Apartmenthäuser zu errichten. franz. Bruxellisation, niederl. Verbrusseling. 

So definiert es die EU.

Doch wer einen Schritt in das schmale Haus in der Avenue Palmerstontut, vergisst das sofort. Weiches Licht fällt durch die Glaskuppel der Empfangshalle, ein achteckiger Pavillon, begrenzt von grazilen Stahlträgern, die frei im Raum stehen. Die Enden des Stahls werden unten zu grünen Ranken im rosa Mosaikboden, oben wuchern sie ins Glasdach der Kuppel. Von deren Mitte wächst eine enorme Bleiglas-Blume in zartrosa-rot.

Unter dieser Kuppel empfing ab 1900 Baron Edmond van Eetvelde seine Gäste, das Herrenhaus ließ er von Victor Horta entwerfen, um sie zu beeindrucken. Der Baron verwaltete den "Kongo-Freistaat" für den belgischen König, der damals nicht einfach Kolonialherr, sondern persönlicher Eigentümer des afrikanischen Landes war. Eetvelde sollte wohlhabende Kaufleute dazu bringen, Kautschuk, Holz und Elfenbein aus dem Kongo zu importieren. Der Architekt Horta plante neben dem Gebäude der Repräsentanz auch Möbel, Türen, Kamine, Tapeten – ein Gesamtkunstwerk. Dank van Eetvelde hatte er ein unglaubliches Budget.

Das Handwerk feiern

Mehr als 100 Jahre später stehen wieder Besucher unter der Kuppel: Das Haus ist Teil der Brüsseler Jugendstil- und Art-déco-Biennale. Nirgendwo sonst wurden so viele Häuser in den beiden Stilen gebaut wie hier – und glücklicherweise fielen nicht alle der Brüsselisierung zum Opfer.

Belgische Pioniere wie Henry van de Velde und Victor Horta brachen Ende des 19. Jahrhunderts radikal mit dem vorherrschenden Historismus und wollten etwas Neues erschaffen: Sie verwendeten Stahlträger, um die bisher übliche Raumaufteilung auflösen. Diese blieben im Inneren sichtbar und wurden mit kunstvollen Ranken versehen. Das Handwerk und seine Materialien sollten nicht versteckt, sondern gefeiert werden.   

Verschlungene oder geometrische Muster

"Die Architekten wollten aus etwas Normalem etwas Schönes machen", sagt Paelinck. Sie ist eine der Organisatorinnen der Biennale. Florale Muster, in Bleiglas, auf Tapeten, im Parkett und in Bodenmosaiken prägen das Design.

Die Biennale findet dieses Jahr zum siebten Mal statt, 35.000 Besuche in den verschiedenen Häusern erwarten die Veranstalter. Die meisten Touren sind ausgebucht, vor allem in den Privathäusern. Hier bietet sich nicht nur die Möglichkeit, mehr von Brüssel kennenzulernen als das Atomium und Manneken Pis – Fremde können auch echte Belgier treffen. Wann sonst öffnen die Bewohner einer Stadt einfach ihre Türen, lassen in Küchen, Wohnzimmer und Innenhöfe schauen?