Vayentha hatte sich also hinter einer der Säulen auf die Lauer begeben. Hier auf der Ponte Vecchio, diesem bunten, höchst lebendigen Florentiner Postkartenmotiv, wollte die Auftragsmörderin Professor Robert Langdon abpassen und endlich ihren Auftrag beenden. Dass daraus gar nichts werden konnte, versteht jeder, der einmal über die Brücke gelaufen ist. Schmucklädchen und Touristenbuden verstellen den Blick, Straßenhändler, Taschenspieler und Touristenhorden lärmen. "Man kann unmöglich von hier die Polizeisirenen und einen kleinen Hubschrauber hören, der über dem Palazzo Pitti kreist", sagt Corinna Carrara. "Das ist mal wieder dichterische Freiheit."

Nun ist Dan Brown eher ein Schmökerautor, denn ein Dichter. Aber zumindest feiert er in seinem neuen Bestseller Inferno einen der größten Poeten der Literaturgeschichte: In konzentrischen Kreisen dreht sich die Erzählung um Dante Alighieri und sein Meisterwerk, Die Göttliche Komödie. Einem weltverschwörerischen Rätsel auf der Spur dringt der Romanheld Robert Langdon tief ins historische Labyrinth von Florenz.

So weit die Einführung, das genügt, viel mehr haben die meisten Touristen ohnehin nicht behalten, wenn sie in die Stadt kommen. Aber sie kommen. Corinna Carrara hat sich auf sie eingestellt. Seit Browns Buch Inferno im Mai erschienen ist und sich mehrere Millionen Mal verkauft hat, spüren die Stadtführer in Florenz eine Welle des Historienkrimifiebers. Das hat, ausgelöst durch Sakrileg, zuvor schon Paris und Rom erreicht und sich über Leonardo da Vincis Nachlass hergemacht. Keinesfalls zum Nachteil der Tourismusbranche. Florenz, die Stadt der Kaufleute, erhofft sich nun ähnliche Effekte.

Carrara und zwei ihrer Kollegen von Art Viva Tours haben kurz nach Veröffentlichung des Buchs eine dreistündige Dan Brown Inferno Tour konzipiert. Nur drei Stunden für all die Abenteuer, die Robert Langdon auf 400 Seiten in Florenz erlebt? Das Leben ist kein Actionfilm – und Carrara eine ebenso kritische Literaturwissenschaftlerin wie gut ausgebildete Stadthistorikerin. Ihre Führung orientiert sich an den Schlüsselszenen des Buchs und ihren Handlungsorten, legt aber einen weiteren Schwerpunkt auf Dante Alighieri und seinen Alltag im Mittelalter. Auch sie kann dem so genannten Bermuda-Dreieick aus Uffizien, Dom und Palazzo Vecchio nicht ausweichen. Doch der Abgleich zwischen Dan Browns windiger Fiktion und der backsteinernen Realität bringt Spannung und Witz in tausendmal erzählte Geschichten.

Auch wer sucht, wird nicht unbedingt finden

Hätte sich Dan Brown an die Öffnungszeiten der Florentiner Sehenswürdigkeiten gehalten, sein Held säße schon auf Seite 22 in der Falle. Die meisten der geheimen Gänge, Türchen und Treppchen, die der allwissende Professor auftut, bleiben dem gemeinen Besucher verborgen. Der legendäre Vasari-Korridor, der sich über die Ponte Vecchio streckt und den Palazzo Pitti mit den Uffizien und dem Palazzo Vecchio verbindet – man kann ihn heute nur noch von den Uffizien aus betreten. Langdon aber kommt von der anderen Seite. Oder die Zauberformel Cerca trova, die Langdon auf einer winzigen Flagge in der Ecke des riesigen Freskos im Saal der Fünfhundert entdeckt haben will – sie ist von seinem Standpunkt aus nicht zu erkennen. Und Vayenthas tödlicher Sturz durch die Leinwanddecke im Saal – unmöglich, weil die Kassetten vollständig auf Holz gemalt sind. Und die gefilmte Entwendung von Dantes Totenmaske – es gibt überhaupt keine Videoüberwachung in dem Raum. Noch nicht mal vom Badia-Turm kann man springen wie der Attentäter Zobrist. Das Gebäude ist zu jeder Tages- und Nachtzeit verschlossen.

Dennoch scheint es, als wollten sich mehr und mehr Touristen selbst davon überzeugen, wieviel Wirklichkeit ein Thriller verträgt. Und tatsächlich auch, wer dieser hakennäsige Mann war, der Shakespeare Italiens, dieser Dichter, der die damalige Vorstellung der Menschen von Hölle, Fegefeuer und Paradies mit Worten modellierte.