Unsere Tochter Nuala war fünf Monate alt, als wir zu unserer ersten Reise zu dritt aufbrachen. Der Zeitpunkt war perfekt: Mein Freund und ich hatten unsere Examina abgeschlossen, keine beruflichen Verpflichtungen und Nuala war im reisefähigen Alter. Nun wollten wir ausprobieren, was zu dritt machbar ist und was wir als Familie wirklich brauchen.

Unser Ziel war Südostasien. Wir erstanden einen reisetauglichen Fahrradanhänger für Nuala, tauften ihn Windelrikscha, schmückten ihn mit Reflektorstreifen und Kuscheltier, minimierten unser persönliches Gepäck, rüsteten uns mit zwei Packungen Pampers und medizinischen Utensilien und fühlten uns gewappnet für die große Reise.

Viereinhalb Monate sind wir durch Thailand, Laos, Kambodscha und Myanmar geradelt, anschließend einen halben Monat durch Deutschland zurück nach Hause – insgesamt knapp 7.000 Kilometer. Wir radelten durch einsame Landstriche mit mehr Matsch als Weg, über staubige Schotterstraßen und im Verkehrsfluss quer durch Großstädte wie Bangkok und Phnom Penh. Wir verluden Windelrikscha und Fahrräder in Boote, auf Pick-ups, in Busse und auf Lkw.

Mit der blonden Nuala erregten wir überall Aufmerksamkeit. Hielten wir an, versammelten sich binnen weniger Minuten die Menschen um uns, bestaunten uns oder nahmen Nuala einfach in den Arm. Während uns Eltern der ständige Trubel manchmal fast zu viel wurde, freute sich Nuala daran und lachte. Sie gewöhnte sich auch rasch an die Hitze und an das Essen, an Reis, Mangos, Bananen und Curry. Und sie gewöhnte sich an das Schlafen im Zelt, im Tempel und im Guesthouse.

Wir starteten unsere Reise in Chiang Mai, im Norden Thailands. Reisfelder, Tempel, in denen uns ein Bett angeboten wurde und wir morgens vom Gebet geweckt wurden, Mönche auf ihrer Almosenrunde im Morgennebel, weiße Strände und blaues Meer – das war unser Thailand.

Ochsenkarren und iPhone

In Laos übernachteten wir in Dörfern, in denen uns 50 Kinder ungläubig beim Aufbauen des Zeltes zuschauten. Den Mekong entlang fuhren wir auf kleinen Pfaden gen Süden. Einen Tag lang folgten wir drei Elefanten, die fast hundert Kilometer weit zu einem buddhistischen Festival geritten wurden. In jedem Dorf wurden sie jubelnd begrüßt.

Eigentlich wollten wir Angkor in Kambodscha meiden, weil wir die Touristenmassen fürchteten, dann aber zogen uns die Ausgrabungen für eine ganze Woche in den Bann. In Phnom Penh schienen uns die Straßen und Kreuzungen zunächst undurchdringlich, bis wir verstanden, dass wir uns einfach mit dem Strom treiben lassen mussten, um wie von Geisterhand geführt durch die Stadt zu radeln. Und an der kambodschanischen Küste erlebten wir den Einfluss Chinas. In großem Stil wird hier gerodet, werden Bodenschätze abgebaut und Staudämme und Retortenstädte errichtet.

Myanmar, das letzte Land auf unserer Tour, hatten wir uns arm und rückständig vorgestellt. Dann aber erlebten wir beim Wasserfestival die lebendigsten und am wildesten feiernden Menschen, die wir je gesehen hatten. Das ganze Land scheint im Aufbruch. Bauern fahren auf ihren Ochsenkarren und telefonieren dabei mit iPhones, und vor den Elektrogeschäften stapeln sich die Geschirrspülmaschinen und Fernseher.

Das Reisen mit Kleinkind und Fahrrad in Südostasien ist einfach, spannend und schön. Aber nach viereinhalb Monaten hatten wir so viel erlebt und gesehen, dass wir merkten, es wird Zeit nach Hause zu fahren. Nuala hatte gelernt zu krabbeln und erweiterte ihren Radius tagtäglich. Kurz entschlossen buchten wir einen Flug nach Zürich, um den Rest des Weges nach Norddeutschland per Rad zurückzulegen. Kopf, Gefühle und Seele sollten die Chance haben, wieder mit nach Hause zu kommen.

Wir hatten wundervolle gemeinsame fünf Monate, in denen wir nicht nur Südostasien und seine Menschen, sondern auch uns als Familie kennengelernt haben. Und wenn Ihnen irgendwann einmal ein Kind erzählt, es sei mit nicht einmal einem Jahr bereits auf Elefanten geritten, sein Lieblingsessen sei Klebreis und es schlafe am liebsten in Zelten oder Tempeln, dann glauben Sie ihm.