Als sich Tom durch das Krachen brechender Äste ankündigt, ist es mit der Gelassenheit der jungen Orang-Utans vorbei. Hastig greifen sie sich noch ein paar Bananen, dann räumen sie das Feld für den Alphamann, der sich ohne Hast durch die Bäume schwingt. Im dichten Laubdach verlieren wir ihn für einen Moment aus den Augen, doch schon kurze Zeit später taucht er im Gebüsch neben der Futterstelle wieder auf. Obwohl sich Tom am Boden auf allen Vieren vorwärts bewegt, wirkt er riesig. Er hält kurz inne, als wolle er seinen Auftritt auskosten, dann erklimmt er die Holzplattform, auf der Ranger der Orangutan Foundation International (OFI) für ihn und seine Artgenossen die Morgenration vorbereitet haben.

1971 schlug unweit von hier eine junge Wissenschaftlerin ihr Lager auf und begann mit einer wegweisenden Langzeituntersuchung der "Waldmenschen", wie die Einheimischen die rotbraunen Langarme nennen. Birute Galdikas, damals 25, gelang, was bis dahin als nahezu unmöglich galt. Von Camp Leakey aus, benannt nach ihrem Mentor, dem britischen Anthropologen Louis Leakey, folgte sie den Tieren über ausgedehnte Zeiträume und dokumentierte akribisch ihr Verhalten, auch wenn die sie mit gezielten Astwürfen auf Abstand zu halten versuchten. Während sich Besucher heute über Holzstege trockenen Fußes durch den Regenwald bewegen, watete Galdikas damals hüfttief durch Wasser und Schlamm und ließ sich auch durch Heerscharen von Moskitos, Blutegeln, Schlangen und handtellergroßen Spinnen nicht abschrecken.

Camp Leakey, tief im Tanjung Puting Nationpark gelegen, ist auch heute nur mit dem Boot zu erreichen. Zwei Stunden dauert die Fahrt im traditionellen Klotok von der Rimba Orangutan Eco Lodge, und jeder Kilometer flussaufwärts führt weiter zurück in eine Welt, die Birute Galdikas bei ihrer Ankunft vor 42 Jahren ans Paradies erinnerte. Es gibt Momente auf dieser Zeitreise, da meint man, noch einen Widerschein davon zu spüren: wenn die Sonne den Wald entlang des Sekonyer-Flusses in allen denkbaren Grünschattierungen aufleuchten lässt. Wenn ein Krokodil im Schilf auftaucht, ein Hornvogel über den Bäumen schwebt und Proboscis-Affen, die mit ihren seltsamen Nasen ein wenig an Theo Lingen erinnern, von ihren Hochsitzen aus gelassen den vorbeifahrenden Booten nachschauen. Nur die Makaken passen irgendwie nicht nach Eden. Am Morgen noch waren sie in Mannschaftsstärke über die Dächer der Rimba-Lodge-Bungalows getobt und hatten die Nachtruhe für alle auf einen Schlag beendet. 

Begegnung in Camp Leakey

Als unser Boot am Camp Leakey ankommt, ist die Anlegestelle bereits von etlichen Klotoks eingekeilt. Auf dem Geländer des Bootstegs hockt Siswe, eine 37 Jahre alte Orang-Utan-Dame, und mustert argwöhnisch die Neuankömmlinge. Nicht jeden davon scheint sie zu mögen, gelegentlich hebt sie drohend einen Arm, lässt es bei dieser Unmutsäußerung jedoch bewenden. Sie könnte auch anders. Ausgewachsene Orang-Utans, so heißt es, haben die Kraft von zehn Männern, Weibchen immerhin noch von fünf. Als wir schließlich ans andere Ufer übersetzen, ist Siswe verschwunden. Später wird sie uns zurück zum Boot begleiten – und sich bei einer günstigen Gelegenheit die Fototasche eines Mitglieds unserer Gruppe greifen.

Die Tierärztin Dr. Popowati

Etwa 6.000 der Menschenaffen sind heute im Tanjung Puting Nationalpark zu Hause. "Mehr kann der Wald nicht ernähren", sagt die Tierärztin Dr. Popowati, die wir bei einem Besuch des Orangutan Care Centers in Pasir Panjang treffen, einer Auffang- und Rehabilitationsstation am Rande des Naturreservats. Betrieben wird sie von der Orangutan Foundation International (OFI), die Birute Galdikas 1986 ins Leben gerufen hat. Inzwischen werden dort über 300 verwaiste Jungtiere versorgt, deren Mütter von Wilderern oder Plantagenarbeitern erschossen oder erschlagen wurden.

Touristen haben normalerweise nur Zutritt, wenn sie über die OFI eine einwöchige Reise gebucht haben, die für 4.850 US-Dollar pro Kopf neben Unterkunft, Verpflegung und den Inlandsflug von Jakarta auch einen Waldspaziergang und einen Nachmittagstee mit Birute Galdikas in Camp Leakey verspricht. Im Preis enthalten ist eine Spende von 1.000 Dollar für Galdikas Orang-Utan-Stiftung. Für uns macht die Leiterin des Auffangstation, Ibu Waliyati, jedoch eine Ausnahme. Als Eintrittskarte haben wir eine Sendung mit Medikamenten und Betäubungspfeilen einer Partnerorganisation aus Deutschland im Gepäck. Das reicht für einen Rundgang über das 80 Hektar große Gelände. Für mehr nicht. "Keine Fotos", bestimmt Waliyati. Und wenn sie sagt: "Keine Fotos", dann heißt das "Keine Fotos". Die Kamera bleibt in der Tasche.