"Need help remembering what you did last night?" Das steht auf dem Armband, ein weißes Plastikding, das man nur mit roher Gewalt wieder aufreißen kann. Auch den Kopf zu heben, bedarf einer großen Kraftanstrengung, um 11.30 Uhr morgens an diesem Freitag in Buenos Aires. Gestern, da war doch was. Auf dem Band steht eine Web-Adresse. Ah ja, der Gay Pub Crawl: So viele Drinks in so wenigen Stunden. Aber der Reihe nach.

Zuerst traf eine E-Mail ein. Wir sollten uns um 22 Uhr im Sheldon einfinden. Von dort gehe die schwule Kneipentour los. Das Sheldon ist eine Bar, wie sie typisch ist für den Ausgehbezirk Palermo Soho, 20 Minuten Taxifahrt vom Obelisken an der Avenida 9 Julio entfernt, eine Minute Fußmarsch vom Pub-Kreisel an der Plaza Serrano: Es gibt einen großen Vorderraum, eine Außenterrasse und einen noch weiter hinein führenden dritten Raum – wie ein schmales Handtuch. Früher sollen die italienischen Einwanderer in den zweigeschossigen Häusern gelebt haben, heute amüsiert sich hier die Hautevolee der Welt.

Schwul wirkt auf den ersten Blick in der Bar niemand. Der Barmann ruft den Manager, einen korpulenten Riesen, der erst beim Wort Pub Crawl hellhörig wird und auf einen einsamen Tisch am Fenster verweist. Da sitzt Anderson, ein Kolumbianer mit Baseballmütze und schwarzem Tanktop. Er lebt seit Jahren in Argentinien, hat eine Liste vor sich, lächelt und legt uns das Armband um. "Es ist noch früh", sagt er. 22 Uhr ist ein Richtwert, das weiß jeder Argentinier. Los geht es erst in einer Stunde. Prompt ist man als Deutscher entlarvt.

Zur Auflockerung gibt es Bier, eine Zwei-Liter-Plastikkanne steht auf dem Tisch. Anderson hat seinen Cousin dabei, der 25-Jährige ist zum ersten Mal seit sechs Jahren in Buenos Aires und erzählt Geschichten, die zwischen New York und Cartagena spielen. Sein Homo-Faktor: unergründlich. Der von Meredith und Jared, die als nächstes an den Tisch kommen, geht klar gegen null. Die beiden Amerikaner arbeiten für die Agentur, die diese Tour organisiert. Jared trägt seine Baseballkappe schräg, ist der Animateur der Gruppe und fragt oft: "Having fun?" Meredith spricht etwas Deutsch und kümmert sich um das Marketing. Nach ihr treten in rascher Abfolge weitere Amerikaner Mitte 20 auf, alle tragen wohlklingende Titel wie Business Administrator und Assistent Manager und scheinen dazu ziemlich trinkfest zu sein.

Sie finden natürlich alles ganz großartig hier. Ist es ja auch. Argentinien ist eines der wenigen Länder auf der Welt, das die Homo-Ehe eingeführt hat. In Buenos Aires gibt es ein lebendiges schwules Nachtleben – und das in relativer Sicherheit. In Palermo ziehen Nachtschwärmer um die Häuser, ohne dass sie Angst haben müssen, überfallen zu werden. Kolumbianer, Chilenen, Brasilianer, Venezolaner – sie alle reisen gern in die Acht-Millionen-Metropole, die liberaler ist als andere Großstädte ihres Kontinents.