Martin Ma kann sich noch gut an seinen ersten Tag im Peace Hotel erinnern. Das war im Sommer 1964, er war gerade 18 Jahre alt, und der chinesische Staat hatte ihm die Stelle zugeteilt. Kein Vorstellungsgespräch, nur ein Gesundheitscheck, das war’s. "Was hinter den Türen lag, war für uns ein Geheimnis", sagt der 67-Jährige, ein höflicher Chinese aus Shanghai, schwarze Haare, wache Augen, etwas altmodisches Englisch.

Einfache Bürger wie er und seine Eltern durften das Luxushotel in Shanghai damals nicht betreten. Es war ein Refugium für Geschäftsreisende aus aller Welt, Regierungsvertreter und so manchen Prominenten. Deren Dekadenz freilich sollte niemand auf der Straße sehen, die des ruhmreichen Hauses auch nicht. 

Der Großindustrielle Victor Sassoon eröffnete das Art-Deco-Hotel am Bund 1929, damals als Cathay Hotel, und baute sich in die oberste Etage eine Wohnung ein. Es war eines der ersten Gebäude mit Klimaanlage, die das manchmal 40 Grad heiße Wetter im Sommer erträglich machte. Marlene Dietrich hat später hier gewohnt, Charles Chaplin, Noel Coward hat sein Stück Private Lives in einem der Zimmer geschrieben, Bill Clinton übernachtete Jahrzehnte später hier – der französische Premierminister, der pakistanische und so mancher wichtige Geschäftsmann.

Das Peace Hotel in Shanghai beherbergt seit mehr als 80 Jahren die Schönen und Reichen dieser Welt, erzählt dank seiner wechselvollen Geschichte von Aufstieg, Fall und Wiederauferstehung einer Stadt. Und seiner Menschen, die hier arbeiteten – wie Martin Ma. Seit beinahe 50 Jahren im Hotel, ist er wohl der älteste Hotelangestellte der Millionenstadt. Angefangen hat er als Liftboy, er hat dann im Zimmerservice, an der Rezeption und im Souvenirshop mit den Seidentüchern gearbeitet. Heute kuratiert er das hoteleigene Museum, das sich in einem Zwischengeschoss nahe des alten Eingangs befindet.

Martin Ma vor dem Hotel

Als Martin Ma 1964 im Haus anfing, hieß es schon seit acht Jahren Peace Hotel, in einen Teil des Gebäudes waren Büros der Kommunistischen Partei eingezogen, und der alte Besitzer, Victor Sassoon, bereits im Exil auf den Bahamas verstorben. Der junge Martin Ma lebte damals mit seinen Eltern und zwei Geschwistern in einer Zwei-Zimmer-Wohnung nahe dem Platz des Volkes, zu Fuß eine gute halbe Stunde vom Hotel entfernt. Es gab Essensmarken für Lebensmittel, nur das Eis im Park konnte er ohne diese kaufen. Luxus gab es nirgends.

Martin Ma sah die Menschen aus der ganzen Welt, die ein- und ausgingen, meist Englisch sprachen und entschied sich, die Sprache zu lernen. In seiner Pause zwischen Morgen- und Abendschicht nahm er den Bus zu einer Schule, wo er und andere Chinesen Englisch lernen konnten. "Wir hörten uns eine Lektion auf einer Schallplatte an, die Lehrerin erklärte uns die neuen Vokabeln, dann hörten wir die Platte noch mal an und sprachen die Worte nach." An manchen Tagen gab es im Radio eine Sendung, in der Hörer die Fremdsprache üben konnten. So oft es ging, schaltete Martin Ma ein.

"Wir durften in keines der Zimmer gehen, außer ein Gast bat uns ausdrücklich darum, wenn das Gepäck zu schwer für ihn war", erinnert sich Ma. "Das waren Anweisungen, denen wir uns nie gewagt hätten zu widersetzen." Wer ins Hotel hinein wollte, brauchte eine Reservierung, die bekam er nur über ein staatliches Reisebüro. Werbung gab es nicht. Es war, als wollte man das Hotel unsichtbar machen.

Was natürlich nicht ging. Das Gebäude mit seinen 10 Etagen und dem Kupfer ummantelten Dach war eines der Wahrzeichen am Bund. Majestätisch thronte es am Fluss, bis in den neunziger Jahren plötzlich auf der anderen Seite die Wolkenkratzer von Pudong in den Himmel wuchsen und das Hotel ganz klein wurde.