Fan Yibo zoomt den Nudelteig heran und drückt gleich ein paar Dutzend Mal auf den Auslöser, klack, klack, klack – so macht er das immer, wenn ihm etwas Interessantes ins Blickfeld gerät. Wir lernen uns bei einem Pasta-Kochkurs im italienischen Städtchen Forlimpopoli kennen. Es ist Sommer, der 40-jährige Chinese trägt bunte Sneakers, und sein Gesicht steckt meist hinter einer Kamera mit stattlichem Objektiv. Neugierig ist er, aber zurückhaltend. Es braucht erst seinen chinesischen Bekannten, um Fan Yibo angemessen vorzustellen. Beim Abendessen beugt der sich zu mir herüber, deutet auf Fan und sagt: "Er ist ein mächtiger Mann."

Das ist natürlich übertrieben. Aber nur ein bisschen. Fan Yibo betreibt ein Blog, auf dem er seinen Landsleuten von Reisen in alle Welt berichtet. "Farbenfrohe Landkarte" hat er es getauft. Die Website hat seit Bestehen so viele Klicks verzeichnet, wie Deutschland Einwohner hat: 80 Millionen Mal schon wurden Texte und Fotos angeklickt. Fan gehört damit zu Chinas erfolgreichsten Reisebloggern. Allein der beliebteste Artikel seiner Seite – über Teneriffa – wurde 1,5 Millionen mal angeklickt. Wenn Fan im Ausland unterwegs ist, kann es passieren, dass ihn Leser erkennen und ansprechen. "In Bhutan ist mir das mal passiert, und in York", erzählt er.

Dabei zeigt Fan zwar prächtige Fotos, seine kurzen Texte aber bieten bloß Fakten wie man sie auch bei Wikipedia finden kann, ergänzt um ein paar persönliche Eindrücke und Urteile. Trotzdem funktioniert das Blog wohl so gut, weil die Chinesen, die gerade erst begonnen haben, in großem Stil zu verreisen, Orientierung suchen: Welche interessanten Plätze gibt es – und welche lohnen einen Besuch? So hat es der Artikel über Lübeck auf Rang vier der populärsten Einträge geschafft, schließlich war Fan begeistert von der Stadt ("erfrischend und überraschend", "wie aus einem Märchen"). "Für meine Leser bin ich wie ein Freund, der Tipps gibt", sagt der Blogger.

Und das Interesse an solchen Ratschlägen dürfte noch wachsen. Laut des World Travel Trend Reports der Tourismus-Messe ITB wächst die Reisebranche vor allem dank China. In den ersten acht Monaten im Jahr 2013 stieg die Zahl der Auslandsreisen von Chinesen um 26 Prozent. Schon jetzt gibt keine andere Nation mehr Geld im Ausland aus.

Fan Yibo hat bisher 81 Länder besucht. In der Heimat reist er ebenfalls viel. "Etwa vier Monate im Jahr bin ich zu Hause in Peking, den Rest unterwegs." 2013 war er außer in Italien auch in Albanien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Kroatien, Belgien, Grönland, Island, Irland, Norwegen, Kanada, Panama, Costa Rica, Mexiko, in Japan auf Okinawa und in Nagasaki, in den USA auf der Route 66 und am Nordpol.

Früher arbeitete Fan als Journalist bei einer Computerzeitschrift. Sein Blog hat er vor sieben Jahren gestartet. "Mein Vater war Geologe, meine Mutter Fotografin, mit denen bin ich viel herumgekommen, das Reisen mochte ich schon als Kind, es liegt mir sozusagen im Blut." Schnell merkte er, wie groß das Interesse an seinen Blog-Beiträgen war und machte einen Vollzeit-Job daraus. "Ich führe jetzt genau das Leben, das ich führen möchte." Sein Geld verdient Fan mit Werbung auf der Internetseite oder mit Fotos exotischer Plätze, die er an Medien verkauft. Außerdem ist er Kolumnist einer Zeitung und hat ein Buch über die Schweiz veröffentlicht. Ein weiteres, in dem er das gesamte Unesco-Weltkulturerbe vorstellen will, ist in Planung: 400 von insgesamt fast 1.000 Kulturerbestätten hat er dafür bisher besucht.

Mittlerweile wird Fan oft von Reiseveranstaltern eingeladen und von Fremdenverkehrsämtern, etwa dem deutschen oder dem der italienischen Region Emilia-Romagna, wo auch der Pasta-Kochkurs stattfand. Er schreibe, sagt er, immer ehrlich, was ihm gefalle (die indische Stadt Hampi zum Beispiel) und was nicht (die Pyramiden in Ägypten waren eine große Enttäuschung).

Seine Leser sind Chinesen, die vom Wirtschaftsboom profitiert haben und wohlhabend geworden sind. Sie kommen eher aus den großen Städten, gehören zur Ober- oder Mittelschicht. "Die meisten von ihnen haben in den vergangenen Jahren sehr hart gearbeitet, wenige Chinesen konnten das Leben genießen – Reisen kann da ein Ausgleich sein, es tut ihnen gut", sagt Fan. Außerdem seien seine Landsleute sehr interessiert an der Welt, so neugierig wie vielleicht niemand sonst. "Ich stelle immer wieder fest, dass Europäer wenig von China wissen, die Chinesen jedoch relativ viel über Europa." Fan Yibo hat gehört, dass chinesische Touristen einen schlechten Ruf haben, als unhöflich und ungehobelt gelten. "Die Manieren werden sich verbessern", sagt er. "Viele Chinesen habe heute keine Vergleichsmöglichkeiten. Wenn wir reisen, können wir eher verstehen, was gut und was schlecht ist – und die Dinge in China verändern."