Ein paar Nachrichten auf dem Handy und die zwei Codewörter "grüner Anorak" und "blaues Familienauto" reichen, um an einem Nachmittag im Dezember Mallorcas dunkle Seite kennenzulernen. Der Weg verläuft 30 Kilometer entlang der Steilküste und dann hinunter zu einer der Buchten, wo früher Schmuggler ihre Ware löschten. Ich (grüner Anorak) fahre mit Jaime (blaues Familienauto) in der Dämmerung durch die Berglandschaft. Wir kennen uns nicht. In Palma herrscht Berufsverkehr, hier ist kein Auto weit und breit. Das Webportal Trip4Real hat uns zusammengebracht mit dem Versprechen, ein "echtes Erlebnis" zu bieten. In unserem Fall sind das Fotos bei Nacht an der Westküste, einem der wenigen Orte auf Mallorca, an dem die Sterne noch ungetrübt leuchten.

Jaime ist Hobbyfotograf. Er ist einer von jenen Mallorquinern, die auf dem neuen Portal ihr Hobby und ihre Insel teilen: Vier Stunden mit Jaime kosten 45 Euro. Der Preis beinhaltet nicht nur die Fahrt in seinem vorgeheizten Auto, Erklärungen beim Fotografieren, Salzmandeln und eine Dose Bier. Bei Trip4Real kauft man auch die Gewissheit, dass es klappt: Keine verschlossenen Museumstüren, kein mühsames Fragen nach dem Weg, keine Standard-Antworten im Tourismusbüro, keine Tourifallen. Stattdessen Radtouren zu den schönsten Ecken der Stadt, Schnorcheln an den einsamsten Stränden der Insel, Oldtimerfahrten durch Weinberge, Segeltörns. Der Unterschied zu herkömmlichen Reiseführern oder Agenturen liegt weniger im Angebot als vielmehr bei den Menschen dahinter. 

Seit Anfang des Jahres kann man diese Freunde auf Zeit in 51 Städten und Regionen Spaniens buchen. Ein Klick, eine Überweisung, ein paar WhatsApp-Nachrichten und los gehts. "Wie oft waren wir schon in einer fremden Stadt und wussten nicht, was wir tun sollten?", fragt Ferran Adrià in einem Werbevideo für Trip4Real. Er ist eine Art Pate für das Start-up. Der Sternekoch wendet sich im Video nicht an potenzielle Besucher, macht keine Werbung für Spaniens Strände und Restaurants. Er spricht seine Landsleute an: "Trip4Real sucht 1.000 Mikrounternehmer, hast du eine gute Idee?"

Sechs Millionen Arbeitslose, 170.000 Zwangsgeräumte, mehr als vier Millionen Haushalte unter der Armutsgrenze. "Die Zeiten sind schwer", räumt der wohlhabende Unternehmer im schwarzen T-Shirt ein, "aber wenn du glücklich bist mit dem, was du machst und dieses Gefühl mit anderen teilst, dann wirst du erfolgreich." Der Duktus des 51-jährigen Kochs ist dynamisch, positiv und glatt. Er ist Pate und Investor des Reiseportals, weil er, "Start-ups unterstützen und die Gesellschaft dabei involvieren" will. 

Adrià ist Vorbild. Er hat wie wenige das Image seines Landes poliert. Weil er als Jugendlicher in einem Lokal seine Zeche nicht bezahlen konnte, wusch er dort am folgenden Tag die Teller und schnupperte Küchenluft. Heute ist er mehr als ein Sternekoch, er gilt als Innovator. Sein Fall wird an Business-Schulen erklärt. "Ich mache Geschäfte, um frei zu sein. Für einen kreativen Menschen ist Freiheit der größte Traum", sagt er.

Aus einer ehemalige Strandbude an der Costa Brava hat er mit seinem Team das weltberühmte Restaurant El Bulli gemacht. Flüssigoliven, Teekügelchen, Stress, Weltruhm. Drei Michelinsterne. Vor zwei Jahren schloss das Haus. Heute hält der Koch Vorträge in Harvard und forscht in seinem Küchenlabor. 2014 will Adrià eine Privatstiftung eröffnen, in der er anderen das Kochen beibringt und das Ergebnis Gästen vorsetzt, "ohne Reservierungen, ohne Pomp und Gloria". Adrià hat sein Restaurant geschlossen, weil "das System unseren Erfolg nicht mehr trug", wie er damals sagte. Die Situation sei unkontrollierbar geworden: Reservierungen Monate im Voraus, Erwartungsdruck der Gäste, Konkurrenzdruck in der Szene, Dauerbelastung des Teams, erdrückende Routine. Da wollte Adrià Platz für andere machen.