"Da musst du unbedingt mitfahren, das ist was für dich!", sagte mein Vater, als er mir einen Gutschein für einen Segeltörn auf der Alexander von Humboldt überreichte. Ich hatte kaum Segelerfahrung und war nicht wirklich davon überzeugt, dass es mir gefallen würde. Aber ablehnen wollte ich das Geschenk auch nicht. Schließlich buchte ich eine Reise von Bremerhaven nach Falmouth in Südengland. Als Trainee, also als Mitseglerin auf dem großen Dreimaster mit den grünen Segeln.

An Bord teilte die Stammcrew uns Trainees in drei Wachen ein: Ich gehörte zur "0-4", musste also von null bis vier Uhr und von zwölf bis 16 Uhr an Deck sein. Dazwischen konnte ich mich in meiner Koje entspannen – zu viert schliefen wir in einer Kammer. Nach einer kurzen Einweisung in den Schiffs- und Wachbetrieb liefen wir in Richtung England aus.

Prompt wurde ich seekrank und lernte gleich alle drei Phasen der Seekrankheit kennen: Erst denkst du, du stirbst; dann kommt die schlimmste Phase, in der du merkst, dass du nicht daran stirbst – und kurz darauf ist alles wieder gut. Nach 48 Stunden konnte ich wieder an meiner Wache teilnehmen.

Ab diesem Moment war der Törn unglaublich spannend. Wir Trainees lernten den ganzen Segelbetrieb kennen. Während der Wachen standen wir mal am Ruder, mal setzten oder bargen wir Segel, mal schauten wir vom Ausguck. Wenn es nichts zu tun gab, brachte uns die Stammcrew die Grundbegriffe der traditionellen Seemannschaft bei, außerdem Knoten und etwas Segelkunde.

In der Freiwache – der Zeit zwischen zwei Schichten – konnten wir tun, was wir wollten. Ich las oft und verbrachte auch viel Zeit mit den anderen Trainees, manchmal sangen wir zusammen. Einen Tag verbrachten wir auf der Insel Lundy vor Englands Südwestküste. In gerade einmal zehn Tagen umrundeten wir mit der Alexander von Humboldt Großbritannien. Ich war begeistert. Das grüne Virus hatte mich infiziert und als ich wieder zu Hause war, buchte ich gleich den nächsten Segeltörn.

Schon ein Jahr später legte ich die Prüfung zur Leichtmatrosin ab. Seitdem fahre ich neben meinem Medizinstudium regelmäßig auf der Alexander von Humboldt II, der Nachfolgerin des ersten Schiffs, das in der Zwischenzeit verkauft wurde. Es gibt an Bord häufig keinen Handyempfang, dafür eine frische Brise und man lernt jedes Mal neue Leute kennen. Von den Törns komme ich immer wieder körperlich ausgepowert zurück – aber geistig bin ich sehr erholt.