Überall ist Licht, selbst im Januar. Gleißend, wie frisch gebadet, liegt Ceuta da. Wolken legen abwechselnd Kirchtürme und Minarette in Schatten, ziehen weiter. Die Passanten nehmen an diesem Morgen das Schauspiel kaum wahr. Sie sind mit Sonnenbrille und Schirm aus dem Haus gegangen. Für sie sind wechselhafte Licht- und Wetterstimmungen normal. Die Stadt ist umgeben von Meer: Hier die unruhige Meerenge von Gibraltar, in der Atlantik und Mittelmeer ineinander fließen. Dort das weite, beschauliche Mittelmeer der westlichen Küste Nordafrikas. Dazwischen liegt, auf einer Halbinsel am nördlichsten Zipfel Marokkos, ein dicht bebautes, lebendiges Stück Europa in Afrika.
θeúta, mit stimmlosem Th am Anfang, nennen die Kontinentalspanier ihre
Exklave. Die 80.000 Einwohner nennen ihr Städtchen Seúta. Das
gelispelte S ging wohl in der Meerenge unter. Seit dem 17. Jahrhundert
gehören die Ceutís zu Spanien. "Ja natürlich, Spanien!" rufen sie, wenn
man sie nach ihrer Zugehörigkeit fragt.
Eigentlich dürfte es die Stadt gar nicht mehr geben. Marokko fordert sie seit den siebziger Jahren zurück, ebenso wie die 400 Kilometer südöstlich gelegene Schwesterstadt Melilla. Marokko ist erst seit 1956 ein Staat, Ceuta und Melilla haben nie dazu gehört. Zuvor war beide Städte Teil von Spanisch-Marokko. Sie sind Reste der Kolonialzeit. Sie liegen strategisch günstig. Die Nato will sie nicht aufgeben und schon gar nicht einem islamischen Land überlassen. Europa soll die Kontrolle über die Meerenge von Gibraltar behalten. Aber ist das hier noch Europa, dieses Gewusel, dieses Gewirr, diese Gesichter, Hautfarben, Kulturen und Religionen?
Dolores und Cristina sind glühende Lokalpatrioninnen. Die eine stammt
aus Andalusien, die andere aus Kastilien. Beide sprechen das
schluderige, fließende Spanisch der Stadt. "Hier lebt es sich super", sagt Dolores, "im Sommer fahren wir an den Strand nach
Marokko, im Winter gehen wir shoppen oder treiben Sport." Sie wohnen
seit Jahrzehnten hier. Die Bibliothekarin Dolores hat einen Einheimischen geheiratet. Cristina, eine Verwaltungsangestellte, zog mit ihrem Mann nach Ceuta, der als Polizist hier stationiert
ist. Sie arbeiten wie viele der Bewohner von acht bis drei.
Christinnen und Musliminnen im Shoppen vereint
Diesen Nachmittag verbringen sie mit Shoppen. Dazu fahren sie zur Grenze
nach Marokko, biegen aber vorher rechts ab, in einen Gewerbepark. Große
Hallen stehen hier am Stadtrand, dicht an dicht.
Sie sind bis zur Decke
mit Waren gefüllt. In den Straßen dazwischen türmen sich leere Kartons.
Es wird Darija gesprochen, die Sprache des Maghreb, und Spanisch. Die
Freundinnen steuern einen arabischen Stoffhändler an. "Spottbillig", sagt Cristina. Sie brauchen Stoffe für den Karneval. Fast 50 Freunde müssen
einheitlich gekleidet werden, dieses Jahr will die Clique als Gospelchor
an den Straßenumzügen teilnehmen. Es wird gehandelt und geredet.
Zwischen den Rollen mit Kunstfaserstoffen für einen Euro der Meter ragen
bestickte Spitzenstoffe, schwere Samt- und knallbunte Seidenstoffe
hervor, die mit Glitzerfäden durchwebt sind. Hier kaufen Musliminnen
Stoffe für die Alltags- oder Festtagsdjellaba. Musliminnen, die ebenso wie die Dolores und Cristina in Ceuta zu Hause sind.
"Wir sind Spanierinnen", sagt Wisam während ihrer
Kaffeepause. Sie arbeitet mit Dolores in der Bibliothek. "Wir sind
Spanierinnen mit islamischem Glauben. Eigentlich sollte das niemanden
verwundern", sagt sie leicht genervt. Wisams Familie stammt aus dem
Rifgebirge östlich von Ceuta. Ihre Vorfahren wurden von Spanien für den
Rifkrieg Anfang des 20. Jahrhunderts rekrutiert. Die Angehörigen dieser
so genannten Regulären Indigenen Kräfte waren wegen ihrer
Geländekenntnis und der Widerstandskraft besonders geschätzt. Noch heute
gibt es Kasernen der Elitetruppe in der Stadt.
Wisam trägt Kopftuch, Jeans und Pulli. Die 30-Jährige hat in Málaga Jura studiert, ist verheiratet und hat ein Kind. Die meisten ihrer Glaubensgenossinnen leben traditioneller als sie, werden jung Mutter, haben keine Ausbildung. Für Wisam ist Ceuta der beste aller Lebensorte. In Spanien, jenseits der Meerenge, möchte sie nicht leben, dort fühle sie sich diskriminiert, sagt sie.