An einem Morgen Ende Juni fahren wir los, durch Prag, vorbei an Bratislava und Budapest. Am Nachmittag des dritten Tages erreichen wir unser erstes Ziel: Transsilvanien, genauer gesagt Vale, ein Dorf nahe Sibiu. Geruch früher Kindheit. Meine Urgroßeltern lebten in einem Dorf bei Halle.

Auf unseren Erkundungen begegnen wir immer wieder alten Menschen. Sie sitzen, oft traditionell gekleidet, vor ihren Häusern oder gehen langsam die Dorfstraße entlang, als hätten sie die Last, tätig sein zu müssen, ruhigen Gewissens abgelegt. In deutlichem Kontrast dazu stehen Aussehen und Auftreten der jungen Leute. Sie erinnern mich an die jungen Leute bei uns. Ebenso kontrastreich das Nebeneinander von Pferdefuhrwerken und Autos, von alten und modernen Häusern.

Wir machen einen Ausflug ins Făgăraș-Gebirge. Passieren die Baumgrenze, weiter oben liegt Schnee. Abwärts geht es durch Wolken. In einem Dorf treibt eine kleine, schmächtige Frau ihre Kühe über die Straße. Es wird viel gebaut hier, in wenigen Jahren wird es hier vielleicht aussehen wie in einem westeuropäischen Skiort.

An unserem letzten Nachmittag in Vale komme ich mit unserer Nachbarin ins Gespräch. Ihr Land habe in Europa keinen guten Ruf, sagt sie. Von Rumänen denke man, sie seien schlechte Menschen, Mörder oder zumindest Diebe. Sie erzählt, manche Gäste seien bei ihrer Anreise ängstlich, führen dann aber mit wunderbaren Erlebnissen nach Hause.

Für die zweite Woche beziehen wir Quartier in einem alten Fischerhaus in Jurilovca, einem Dorf im Osten Rumäniens, zwischen Schwarzem Meer und Donaudelta. Ein früher Morgen im Hof des Hauses, die Sonne ist bereits aufgegangen. Stille. Das Gefühl, an einem der Enden der Welt zu sein.

Auf Wunsch der Kinder fahren wir abends ans Meer. Die Stunden dort zählen zu den erholsamsten unserer Reise. Das Wasser ist mild und weniger salzig als Ostsee oder Mittelmeer. Feiner Sand, Steine, Muscheln. Ab und an ein Zelt, ein Pferdewagen oder ein Pärchen, das mit dem Auto bis an den Strand herangefahren ist.

Plötzlich ein Knall, dann lautes Zischen am Hinterrad

Einmal lassen wir uns mit einem Motorboot ins Donaudelta fahren. Ein weites Gebiet. Seen, verbunden durch unzählige Wasserarme. Schilf, Teppiche aus Seerosen. Bäume, deren Wurzeln aus dem Wasser ragen. Und Stille, bis auf das Tuckern unseres Motors. Unser Bootsführer fährt immer wieder an die Kolonien der Pelikane und Kormorane heran, um sie aufzuschrecken. Er möchte, dass wir sehen, wie sich die Vögel in die Luft erheben. "Paradies", ruft er uns freudig zu. Uns beschleicht ein schlechtes Gewissen.

Auf der Rückfahrt ein Knall, dann lautes Zischen am rechten Hinterrad. Wir haben eines der vielen Schlaglöcher getroffen. Was tun? Wir versuchen unser Glück in der nahe gelegenen Stadt Tulcea. Eine Werkstatt direkt am Straßenrand, ein kleiner drahtiger Mann, aus dessen Augen Erfahrung spricht. Er untersucht den Schaden und behebt ihn ohne große Worte. 17 Lei verlangt er, umgerechnet vier Euro. Wir wollen ihm 50 Lei geben, aber er wehrt ab. Wir versuchen, ihm auf Englisch zu erklären, dass es bei uns teurer gewesen wäre. Schließlich nimmt er das Geld schulterzuckend an.

Über den Norden des Landes fahren wir nach Hause. Unser letztes Ziel ist Săpânța, das Dorf mit dem lustigen Friedhof. Laut Reiseführer berichtet der Tote dort in Text und Bildern von seinem Leben, oft auf humorvolle Weise. Zu meinem Bedauern können wir die Inschriften auf den blauen Holzkreuzen nicht lesen, aber anhand der Bilder können wir erraten, was erzählt wird.

Vor dem lustigen Friedhof steht ein verwaist aussehender Briefkasten. Da wir anderthalb Autostunden später das Land verlassen werden, bietet er die letzte Gelegenheit, Postkarten aus Rumänien nach Hause zu schicken. Sie werden erst zwei Wochen nach uns in Deutschland eintreffen.