Ungeheuerlich! Wie kann sie das nur wagen! So mokierte sich vor 120 Jahren die Damenwelt von Washington. Denn Josephine Diebitsch Peary, Tochter deutscher Auswanderer, reiste hochschwanger in die Arktis. Am Kai stand die Presse, Reporter begleiteten sie auf Schritt und Tritt: Robert E. Peary startete seinen zweiten Versuch zum Nordpol, und seine hübsche junge Frau war wieder mit dabei. Diesmal würde sie in der Polarnacht ein Kind gebären. Und erst Monate später sollten die Daheimgebliebenen erfahren, ob das wohl gut gegangen wäre. Denn bis das nächste Mal ein Schiff zu den Küsten im Norden von Grönland vorstieß, verging mindestens wieder ein Jahr.

Die Geschichte vom Schneebaby ist die Geschichte eines Kindes, dessen Vater beseelt war von einem großen Traum: Robert E. Peary wollte als erster Mensch den Nordpol erreichen, um dort die amerikanische Flagge zu hissen.

Die Pole zu entdecken, diese letzten Flecken auf der Weltkarte, auf die noch nie ein Mensch seinen Fuß gesetzt hatte, war damals so etwas wie später der Flug zum Mond: Hier konnte ein Mann berühmt werden, hier konnte eine Nation ihre Stärke zeigen. Es war ein gefährliches Unterfangen. Der Brite John Franklin etwa war bei seinem Versuch, 1845 einen Seeweg durch das Nordpolarmeer zu finden, mit seiner gesamten Expedition, 129 Männern, verloren gegangen. Das Unternehmen hatte seinerzeit die umfangreichsten, allerdings auch vergeblichen Rettungsaktionen des Jahrhunderts ausgelöst.

Robert E. Peary war wie besessen von seiner Idee. Josephine, seine gebildete und feinsinnige Gattin, war überzeugt, dass eine Frau an die Seite ihres Mannes gehört. "Und wenn der Mann in die Arktis will, dann muss die Frau eben mit." Sie war schon zwei Jahre zuvor, 1891, bei Pearys erster großer Expedition dabei gewesen.

Am 8. Juli 1893 stiegen sie an Bord des Dampfers Flacon, um die Westküste von Grönland hoch bis in den äußersten Norden zu fahren. Insgesamt 14 überwiegend junge Abenteurer, die hofften, dass etwas von Pearys Ruhm auf sie abfärben würde. Sie waren allerdings nicht die Einzigen, die sich in diesen Tagen auf den Weg machten. Bereits am 5. Juli 1893 war Fritjof Nansen vom Norwegischen Trondheim aus mit zwölf handverlesenen Begleitern aufgebrochen, ihr Ziel: der Nordpol.

Pearys Plan sah vor, in einer Art Fertighaus als Expeditionshütte zu überwintern und dann im Frühjahr mit Schlitten über das Inlandeis zum Pol zu reisen. Josephine sollte im Basislager bleiben. Mit dem Kind.

Anders als bei Nansen war bei dem Amerikaner auch eine Kinderfrau mit an Bord – Robert Pearys Zugeständnis an seine Schwiegermutter, die von diesem Abenteuer wenig hielt und auf einer Fachkraft als Begleiterin bestanden hatte. Vermutlich hatte sie im Stillen gehofft, dass sich keine Frau finden würde, die sich auf so etwas einließe. Mr. Peary hatte also eine Anzeige geschaltet: "Gesucht: Ruhige Frau, ausgebildete Krankenschwester mit Erfahrung im Umgang mit Säuglingen, die bereit ist, für 18 Monate eine Expedition nach Grönland zu begleiten. Lohn 50 Dollar pro Monat. Und es wird von ihr erwartet, dass sie für das Team kocht, wenn ihre Dienste als Krankenschwester nicht benötigt werden." Sechs Frauen bewarben sich, eine von ihnen, Mrs. Cross, wurde eingestellt.