Die Luft ist klar, das Thermometer zeigt knapp über null Grad, Nebel liegt über den Baumkronen. Die hindurchfallenden Sonnenstrahlen lassen den Morgentau auf den Wiesen glitzern. Kaum jemand ist an diesem Januarvormittag in Berlin-Kladow unterwegs. Die Menschen sind in ihren Häusern. Nur eine Frau kratzt die Eisschicht des Nachtfrostes von den Autoscheiben. In den kahlen Heckenzäunen der Eigenheime, die den Krampnitzer Weg hinab zum Campingplatz säumen, zwitschern Amseln.

Am Ende der Straße liegt er da. Still und leer jetzt, ohne Badehosenträger, Musik aus kleinen Radiolautsprechern, den Duft von Gegrilltem. Die Kaufhalle und das Restaurant im Eingangsbereich des Campingplatzes sind geschlossen. Die Rezeption ist nicht besetzt, aber "in Bereitschaft", wie der an die Scheibe geklebte Zettel verrät. Trotzdem hinein, wie sieht es hier aus, jetzt, mitten in der Wintersaison?

"Hannelore u. Heinz" steht auf dem gerahmten Schild mit der Stellplatznummer 222/223. Der Stellplatz: ein quadratisches Stück Wiese, auf dem ein graublaues Vorzelt aus PVC-Plane mit langen Gardinen hinter den Folienfenstern, ein überdachter Wohnwagen und eine ältere Mercedes-Benz-Limousine stehen. Vermeintlich verlassene Camperidylle. Aber ist da nicht Licht im Vorzelt?

Vierzehn Winter haben Hannelore und Heinz Gericke nun schon in ihrem Wohnwagen in Kladow verbracht. Und zwar nicht, weil sie die Miete nicht zahlen konnten oder der Nachbar tagsüber Posaune übte. Ihre Eineinhalb-Zimmerwohnung in Spandau, knapp elf Kilometer vom Campingplatz entfernt, nutzt das Rentnerehepaar nur als Trockenboden für die frisch gewaschene Wäsche und als Postadresse. Der Wohnwagen ist ihr Zuhause, mehr noch: Er ist ihr Leben. Aber warum eigentlich? Und vor allem: Warum gerade jetzt, bei Kälte und Schnee?

Im Vorzelt begrüßt Hannelore Gericke, eine kleine drahtige Frau mit kurzem rotbraunem Haar, lilafarbener Fleece-Weste und Freizeithose den Besucher mit festem Händedruck. Vor dem Fernseher – Vormittagsprogramm, Serie, heile Welt – sitzt ihr "Dicker", ein Mann von ebenfalls kleiner Statur mit weichen Gesichtszügen, das Haar weißgrau und zurückgekämmt.

Gemütlich warm ist es im Vorzelt, einem mit Holzpaneelen vertäfelten Idyll auf etwa zehn Quadratmetern. Der Eingangsbereich ist Küche zugleich und mit zwei Kühlschränken, einem Gasherd und Geschirrschrank eingerichtet. Eine Stufe daneben führt in den Wohnwagen, in Gerickes Schlafzimmer, das jetzt zur kalten Jahreszeit bis auf die Heizdecken in den Betten gar nicht beheizt wird. Der Wohnwagen selbst, das lässt sich hier im kalten Winter gleich mal feststellen, ist also gar nicht das Zentrum des Lebens der Dauercamper. Und trotzdem: liebevoll gestaltet. Auf den mit weißen Tagesdecken akkurat gemachten Betten sitzen Teddybären. Mit Platzdeckchen, Blumentöpfen, Kerzen und Lichtern dekoriert sind auch die Schubladenschränke und Kommoden, die entlang der Vorzeltwände stehen. Camping, das ist auch: auf engstem Raum alles zu haben, was einem wichtig ist. Aber was ist das für den Einzelnen?

Das Leben im Wohnwagen - vielleicht werden die Voraussetzungen dafür schon in der Kindheit gelegt. Hannelore und Heinz Gericke erleben sie in der Manteuffelstraße 89 in Berlin-Kreuzberg, wo Hannelore mit Mutter und Vater in einer Wohnung im dritten Stock aufwächst. Heinz wohnt mit Geschwistern und Eltern im Parterre. Der leibliche Vater verlässt die Familie früh, der neue Mann der Mutter bringt weitere Geschwister in die Familie. Zuletzt teilen sich elf Personen die schlichte Einraumwohnung mit Ofen. Nach der Volksschule erlernt Gericke das Handwerk des Werkzeughärters, arbeitet später als Paketbote ("Treppenterrier"), Chauffeur, Gabelstaplerführer – insgesamt 45 Jahre lang.

Die Camperkarriere der Gerickes beginnt auf dem Wasser

Hannelore Gericke wird Schuhfachverkäuferin. Mehr als drei Jahrzehnte lang verkauft und repariert sie Schuhe in ein und demselben Kreuzberger Schuhgeschäft. 1963 heiratet das Paar. Eigene Kinder kommen nicht zur Welt, sind auch nie ein Thema, sagen sie, zu prägend scheinen Heinz Gerickes Erfahrungen mit acht Geschwistern aus frühester Kindheit. Die Ehe ist glücklich: Im Sommer geht es mit Stullenpaketen bepackt zum Baden an den Wannsee, doch "immer dieser Sand auf der Stulle, wenn jemand vorbeirannte, das war nüscht", sagt jetzt – Vorzelt, Januar 2014 – Heinz im weichsten Berlinisch, während beide Hände gleichzeitig abwinken. Ende der Sechziger erfährt er von einem Arbeitskollegen, dass auf dem Kleinen Stößensee unweit der Freybrücke ein Boot mit Kajüte zum Verkauf steht. Die Gerickes schlagen zu. Ihre Camperkarriere beginnt auf dem Wasser.

Doch weit kommen sie mit der "Saskia", ihrem Boot, wegen der Wassergrenzen nach Ost-Berlin nicht. Den Griebnitzsee dürfen sie als West-Berliner nur bis zur Hälfte befahren. "Wenn wir da mal versehentlich eine Tonne überquerten", erinnert sich Hannelore Gericke, "kam sofort der Entenschutz angeschossen". Die Gerickes aber lassen sich von Ostgrenzern, die vom Schilf aus die Boote überwachen, nicht stören. Stundenlang dümpeln sie nach getaner Arbeit gemächlich vor sich hin.