Schon eine Viertelstunde, bevor die letzte Fähre ablegt, leben die Inselbewohner auf. Die Künstlerin hat ihre kleine Galerie hinter den ehemaligen Kasernen geschlossen, Ruth ihren Heringsschuppen, die Eisfrau die Wimpel von ihrem Kiosk entfernt. Nun treffen sie sich mit dem Zimmermann, dem Lehrer und dem pensionierten Hafenmeister vor dem Købmand, dem kleinen Kaufmannsladen, der von einem großen Festungsturm überragt wird. Sie setzen sich auf die Treppenstufen und die alten Kanonen und trinken ein Bier. "Jahrelang bin ich über die Weltmeere gesegelt, aber hier ist es einfach am schönsten", sagt der braun gebrannte Ex-Hafenmeister Finn Hansen.. Obwohl die meisten seiner Meinung sind, hört ihm kaum jemand zu. Alle beobachten, wie Kapitän Fleming Mørkholt mit leichter Hand sein Schnellboot am zweiten Festungsturm vorbei aus dem schmalen Naturhafen manövriert und die Besucherströme wieder mitnimmt, zurück nach Bornholm. Damit ist ihr Tagewerk getan und sie sind wieder unter sich. Bis auf die wenigen Gäste, die über Nacht bleiben: in den sechs Zimmern des einzigen Hotels, auf dem kleinen Campingplatz oder mit dem Segelboot im historischen Hafen.

Die drei Erbseninseln Christiansø, Frederiksø und Graesholm sind der östlichste Vorposten Dänemarks. 18 Kilometer nordöstlich von Bornholm und mitten in der Ostsee liegen sie näher an Schweden und Polen als am Mutterland. Diese besondere Lage sorgte für ihre militärische Bedeutung, doch seit 1926 steht das Archipel unter Denkmal- und Naturschutz und gehört zu den schönsten und friedlichsten Plätzen Dänemarks. In gut restaurierten Kulissen leben heute rund 100 Zivilisten, verteidigt werden die Eilande ausschließlich gegen Haustiere: Weil hier seltene Vögel nisten, sind Hunde und Katzen auf den Inseln verboten.

Nur die Touristen erobern täglich von April bis Oktober die Erbseninseln. Die meisten der etwa 70.000 Besucher pro Jahr bleiben nur drei Stunden, der erste Ansturm verläuft sich schnell: Die einen zieht es zum Rundweg entlang der Festungsmauern, andere steigen auf den Leuchtturm im großen Festungsturm, besichtigen das Museum im kleinen Turm oder das Gefängnis, wo Gegner des Königs in Festungshaft waren. Wie der Freiheitskämpfer Jacob Dampe, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Absolutismus abschaffen wollte. Er verbrachte 21 Jahre in Arrestzelle Nummer acht, die heute noch zu besichtigen ist, und unternahm mehrere Fluchtversuche, die jedoch alle scheiterten – bis zum Festland war es einfach zu weit. 

Wieder andere der Besucher können sich nicht losreißen vom Farbspiel im Hafen. Von den leuchtend gelben Kasernenhäusern und den Segelschiffen, die sich in den tiefblauen Wellen spiegeln, vom weißen Postschiff, dass täglich Proviant und Briefe bringt, von den schwarzen Bootsschuppen und der zierlichen, 30 Meter langen Metallbrücke mit dem Königswappen, die die beiden bewohnten Inseln Christiansø und Frederiksø verbindet und nur zehn Fußgänger zugleich tragen kann. Überhaupt geht hier alles zu Fuß vonstatten, weder Fahrräder noch Autos sind erlaubt. Sie sind auf Christiansø aber auch nicht nötig. 710 mal 430 Meter misst die Hauptinsel, die übrigen sind noch kleiner. Nur der Getränkelieferant nutzt einen motorbetriebenen Bollerwagen und rumpelt mit ihm über Natursteinpflaster, um Bierfässer und Wasserkisten in den Kro "Krug" zu bugsieren, die einzige Gastwirtschaft vor Ort.