"Wer surft, der will allein sein", sagt Phil, als er aus dem Wasser kommt. Er ist Surfer und, wenn es geht, jedes Wochenende hier. Eine knappe Stunde sitzt er dafür in seinem VW-Bus, der an vielen Stellen mehr Rostfarben als blau ist. Phil sagt, er treffe immer die gleichen Jungs, ab und zu auch eine Frau, aber er komme immer alleine. Er zieht den Reißverschluss des Neoprenanzugs an den Handgelenken nochmal zu, klemmt das Brett unter den rechten Arm und läuft wieder aufs Wasser zu. Ich surfe nicht, sondern schaue nur. Es hat etwas Meditatives, ganz ohne Zeitgefühl.

Man muss mehr mit sich selbst sprechen, wenn sonst keiner da ist. Das ist nicht immer einfach, manchmal nervt es, dass da niemand ist, zu dem man sagen kann: Schau mal, ist das nicht schön hier?

Zwischen den kleinen Orten entlang des zweispurigen Highways – mal ein winziger Ort, mal eine kleine Stadt – gibt es 70 Naturschutzgebiete. Kleine Wälder und Vogelreservate, manchmal nicht mehr als eine Picknickstelle unter Bäumen mit einem kleinen Pfad zum Wasser. Die Pazifikküste ist per Gesetz geschützt. Die Strände gehören der Allgemeinheit, sie dürfen nicht verbaut werden und gelten als öffentliche Straßen. So hat es der Gouverneur Oswald West 1913 ins Gesetz schreiben lassen. Ein Naturerlebnis auf Hunderten von Kilometern.

Ich wünschte, ich würde hier ein Buch schreiben

Die Straße schlängelt sich am Meer entlang, die Kurven sind eng. Das Fenster heruntergelassen, den Ellbogen aus dem Auto gehängt, fahre ich durch Fischerorte mit Cafés, in denen junge Mädchen Kaffee für einen Dollar verkaufen. Am Straßenrand ein kleiner Stand mit selbst gemachter Marmelade und süßen Teilchen. Das Leben an der Küste ist entspannt und langsam. Die Menschen sind offen, sie sagen mir, wo die schönsten Strände der Gegend liegen, in welchem Restaurant der Fisch am besten schmeckt und welche Pension noch ein Zimmer frei hat. Ich wünsche mir, ein Buch zu schreiben und dann genau hierher zu kommen, um daran zu arbeiten.

In Newport, zum Beispiel, dieser kleinen Stadt ungefähr auf der Hälfte der Strecke. Ich übernachte in einem kleinen Beach House, das mir ein Freund aus Portland für ein paar Tage überlassen hat. Auf einem kleinen blauen Zettel hat er mir vorher den Weg aufgemalt. Das große X als Ziel. Ein kleines Häuschen mit hellgrauen Schindeln und einem Maschendrahtzaun drumherum. Innen riecht es ein bisschen muffig, es war lange keiner mehr hier. Zum Strand, der hier Nye Beach heißt und mir von vielen Küstenbewohnern empfohlen wurde, sind es nur ein paar Meter, vor zur Promenade, dann den sandigen Weg herunter und rein in den Sand.

Ich mag es, alleine am Strand zu sitzen, die Zehen wühlen im Sand, der Wind pustet den Kopf frei und Zeit spielt keine Rolle. Niemand, der mich antreibt, niemand, mit dem ich meine Pläne abstimmen müsste. Der Tag ist so, wie ich ihn will. Ich bleibe zwei Nächte, länger als gedacht, weil ich Steven treffe.

Er ist Fischer und fährt vor allem wegen der Krabben raus aufs Wasser. "Dafür ist Newport bekannt", sagt er. Muscheln kann man bei Ebbe selbst im Schlamm am Strand suchen. Steven, Alter irgendwo in den Fünfzigern, nimmt mich mit in seinem Boot, weil ich Wale sehen will. Das Boot ist klein und wackelt ziemlich, als wir vor Sonnenaufgang ablegen. Steven hat sich eine gelbe Gummihose mit Trägern angezogen. Mir hat er auch eine gegeben. Ich werfe feinmaschige Netze ins Wasser und hole sie wieder aufs Boot zurück, die Krabben landen in Eimern. Steven ist an Oregons Küste aufgewachsen und macht das, weil er es liebt. "Ich wollte nie etwas anderes sein als Fischer", sagt er und es klingt, als gäbe es keine größere Freiheit als diese.