Kurve um Kurve schraubt sich der Forgotten World Highway vom Fuße des Mount Taranaki auf Neuseelands Nordinsel ins dünn besiedelte Hinterland. Während der imposante, 2.518 Meter hohe Vulkankegel langsam in unserem Rückspiegel kleiner wird, rollt unser alter Campingbus an Schaf- und Milchkuhfarmen vorbei, in deren grasbewachsene Hügel Generationen von Wollvieh ringsum stufenförmige Terrassen getrippelt haben. Wenn uns mal ein Auto entgegenkommt, meist ist es ein Pick-up, auf dessen Ladefläche mindestens ein Hund die Schnauze in den Wind hält, grüßt uns der Fahrer mit Handzeichen. An der Grenze zur Republik Whangamomona jedoch werden wir nur von einem Schild willkommen geheißen. Falls der Grenzposten nicht besetzt ist, heißt es dort, seien die Einreiseformalitäten im Whangamomona Hotel abzuwickeln.

Den schrägen Humor und die entspannte Haltung der Neuseeländer kennen wir schon, schließlich sind wir seit ein paar Monaten im Land unterwegs. Deshalb würde uns die laxe Grenzkontrolle vermutlich selbst dann nicht wundern, wenn wir die Republik für einen real existierenden Zwergstaat hielten – was sie nicht ist. "Sweet as" und "good as gold" gehören zum Grundvokabular der entspannten Kiwis, das heißt etwa so viel wie kein Stress, alles in Butter. Wenn allerdings über sein Stück Land verfügt werden soll, gerät selbst der gemütlichste Farmer in Rage.

Das hätten eigentlich auch die Behörden wissen müssen, als sie 1988 auf die Idee kamen, die Bezirksgrenzen neu zu ziehen. Und das ohne die 20 Bewohner Whangamomonas zuerst nach ihrer Meinung zu fragen! Die identifizieren sich nämlich mit Taranaki, der nach dem Vulkan benannten Region an der Westküste der Nordinsel, in der ihr kleiner Ort liegt. Doch plötzlich sollte ein Flusslauf die Bezirksgrenze markieren, wodurch dieses Fleckchen auf der Landkarte zur Hälfte dem Nachbardistrikt Ruhapehu angegliedert würde.

Nicht mit uns, waren sich die Männer und Frauen einig. Ihre Vorfahren hatten in dieser einsamen Gegend schließlich schon ganz anderen Widrigkeiten getrotzt. Bei einer konspirativen Versammlung im Whangamomona Hotel gründeten sie kurzerhand eine unabhängige Republik. Das erzählt uns Richard Pratt, als wir am Tresen seines Hotels – eine weiß gestrichene, zweistöckige Holzvilla, die an der einzigen Kreuzung des Ortes residiert – unsere Einreiseformalitäten abwickeln. Natürlich besteht keine Verpflichtung, sich einen Einreisestempel abzuholen, den wir für eine Spende von zwei Dollar in den Pass gedrückt bekommen, aber das ist schließlich Teil des Spaßes. Denn etwas anderes ist es nicht: Die Behörden mögen geschmunzelt haben, die Bezirksreform wurde vor inzwischen 25 Jahren trotzdem durchgeführt.

Während wir mit dem Barkeeper, Verzeihung: Grenzposten plaudern, wird hinter uns Billard gespielt und auch die Männer, die bei einem Bier zusammen sitzen, lassen sich von uns Touristen nicht stören. An der Wand ermuntert ein Schild zum Alkoholkonsum – schließlich habe noch kein Abenteuer mit einem Teller Salat begonnen. Als Richard den Pappkarton mit dem Stempel wieder unter den Tresen stellt, fragen wir ihn daher noch, ob denn in Whangamomona Gesetze gelten, von denen wir wissen sollten. Er mustert uns bedächtig. Dann grinst er breit und verneint. Nur alle zwei Jahre gehe es hier zur Sache, sagt er: "Wenn die Republik ihre Unabhängigkeit feiert, wird die Hauptstraße zur Wettkampfarena." Das nächste Mal sei es leider erst im Januar 2015 wieder soweit. "Dann könnt ihr beim Gummistiefel-Weitwurf mitmachen, die Peitsche knallen lassen, beim Schafrennen wetten oder einem Possum das Fell abziehen."

Zum letzten Republiktag kamen etwa 3.000 Touristen – "viele deutsche Backpacker!"– und auch wenn nicht alle über Nacht blieben, wurde es kuschelig: Neben dem Hotel gibt es im Ort nur noch zwei kleine Bed and Breakfasts und einen Campingplatz. Höhepunkt des Feiertages ist die Wahl des neuen Präsidenten, zu der alle Anwesenden zugelassen sind. In der Vergangenheit haben die Kandidaten ihren Wahlkampf oft mit unlauteren Mitteln ausgefochten. So wurde eine Ziege der erste Präsident Whangamomonas, weil sie einfach alle Stimmzettel auffraß. Sie hielt sich anschließend zehn Jahre im Amt, bis sie beim Grasen friedlich verstarb. Ihr Nachfolger war ein Pudel. Nach einem feigen Attentat erlitt er jedoch einen Nervenzusammenbruch und trat zurück. Der derzeitige Präsident heißt Murt Kennard und ist zur Abwechslung einmal ein Mensch. "Er wird bestimmt wiedergewählt", orakelt Richard. Warum, wollen wir wissen. "Weil er das verkörpert, was die Menschen von 'Whanga' ausmacht: Er ist ziemlich entspannt."

In der ersten Version des Textes war vom Lost World Highway die Rede, er heißt allerdings Forgotten World Highway. Danke für den Hinweis! Statt eines Opossums war zudem ein Possum gemeint! Wir haben beides korrigiert.