Der Höhepunkt eines Tages liegt für Benno Schmidt bei 1.141 Metern: der Gipfel des Brockens. Schmidt wandert seit fast 25 Jahren nahezu täglich auf den höchsten Berg im Harz. Er kommt auf über 7.000 Aufstiege. Die Leute nennen ihn deshalb Brocken-Benno. So meldet er sich auch am Telefon. Der Brocken und Benno Schmidt sind nicht zu trennen – nicht mehr zu trennen. 28 Jahre konnte Schmidt seinen Berg nur aus der Ferne sehen. Im August 1961 wurde der Brocken, der im Grenzgebiet der DDR zur BRD lag, zum militärischen Sperrgebiet erklärt und war somit nicht mehr zugänglich. Von da an beherrschten "Jenissej" und "Urian" die Gipfelkuppe, zwei riesige Abhöranlagen des sowjetischen Militärgeheimdienstes und der Stasi. Der "deutscheste aller Berge", wie Heinrich Heine den Brocken nannte, wurde zum Spitzel.

Es ist 9.15 Uhr: Schmidts 7.218. Aufstieg. Der Himmel ist eine graue Suppe. Die Luft hat vier Grad. Benno Schmidt steht auf einem Parkplatz im Luftkurort Schierke. Jeden Morgen fährt er die zwanzig Minuten aus seiner Heimatstadt Wernigerode hierher, um "raufzugehen". Seine Augen blinzeln durch die dicken Gläser einer großen Hornbrille. Auf den ersten Blick sieht Schmidt aus wie ein gewöhnlicher Sonntagswanderer. Er hat eine drahtige Figur, trägt eine Schirmmütze mit Anstecknadeln, einen weiten grünen Anorak und Wanderschuhe aus dem Sonderangebot. Doch Schmidt ist Profi. "Für mich ist es eine Frage der Ehre, bei jedem Wetter zu gehen", sagt der 81-Jährige. Nach all den Jahren kennt er die Wege, Routen und Steige hinauf zum Brocken genauso gut wie die Leistungskurven seines Körpers. Er läuft langsam, um nicht zu schwitzen. Seinen Rucksack trägt er aufwärts nur auf einer Schulter, damit es nicht zu warm wird am Rücken. Seine liebste Route ist der "Eckerlochstieg", den auch Goethe seinen Mephisto hinauf wandern ließ. Gute zwei Stunden benötigt Schmidt für die 500 Höhenmeter hinauf zum Brocken und anderthalb Stunden für den Abstieg. Rund 97.000 Kilometer kamen in den vergangenen Jahren so zusammen. Eine Strecke so lang wie zweieinhalb Runden um die Erde. Schritt für Schritt wurde Benno Schmidt zum Brocken-Benno.

Der Auslöser für seine Wandersucht war die große Weltgeschichte. "Als der Brocken zum Militärgebiet wurde, hatten wir die Hoffnung aufgegeben, jemals wieder hinaufwandern zu können. Uns ist ein Stück Heimat geraubt worden", erinnert sich Schmidt. Umso unbeschreiblicher war die Freude, als am 3. Dezember 1989 der Brocken wieder erreichbar war – 24 Tage nach dem Fall der Berliner Mauer. Damals stand Benno Schmidt in einer Gruppe von etwa 200 Menschen am Stacheldraht-Tor. Den Zugang zur militärischen Sperrzone haben sie friedlich erzwungen. "Der Brocken ist für mich ein Symbol der Einheit und Freiheit Deutschlands", sagt Schmidt pathetisch und er meint es so. Seit dem Tag der Wiederbegehbarkeit des höchsten Berges in Norddeutschland gibt es für Benno Schmidt kein Halten mehr. Er hat 28 Jahre ohne Brocken nachzuholen. "In den ersten Wochen nach der Öffnung habe ich nie daran gedacht, einen Wanderrekord aufzustellen", sagt Schmidt. Doch der Berg wird für Schmidt zur Obsession. Er nennt es "Wandern gegen das Vergessen".

1990 kam der Wirt der Brocken-Gaststätte auf die Idee, einen Brocken-Pass herauszugeben: Eine Karte mit 36 leeren Feldern, auf der man sich seinen Aufstieg an der Theke abstempeln lassen kann. Damit begann für Schmidt das Zahlenspiel. "Wenn man eine leere Karte hat, möchte man die voll bekommen. Ein Wanderer hatte 100 Aufstiege und ich erst 60. Da sagte ich mir, jetzt musst du was tun. Man hat einen gewissen Ehrgeiz." Wenn er es an einem Tag aus zeitlichen Gründen nicht schaffte, nach oben zu gehen, dann stieg Schmidt am nächsten Tag zwei Mal hintereinander hinauf. Hatte er einmal tagsüber keine Möglichkeit, so ging er in der Nacht zum Gipfel. Es waren Brocken-Bennos Walpurgisnächte. Inzwischen gibt es kaum einen Wanderer, der Schmidt noch einholen könnte. Vielleicht der Arzt, der erst Mitte Fünfzig sei und schon über 2000 Aufstiege habe. "Der könnte meinen Rekord irgendwann knacken." Eine Stunde ist seit seinem Start am Parkplatz vergangen. Benno Schmidt stapft eine Lichtung hinauf. Der Boden ist vereist. Das Laufen wird mühsam. Früher waren hier Stolperdrähte gespannt und Grenzposten patrouillierten mit Wachhunden. Schmidt hat bei seinen täglichen Wanderungen die Entmilitarisierung des Brockens miterlebt – bis zum Abzug der russischen Armee 1994. Er erinnert sich an die zwei Wachhunde namens Stalin und Lenin. "Einmal kamen die Hunde auf mich zu und Stalin biss mir ins Bein. Zwei russische Soldaten sahen aus der Ferne nur zu, ohne etwas zu unternehmen. Meine Hose war natürlich hin", erzählt Schmidt. Nach dem Abzug der Russen fand man Stalins Fell auf dem Gipfel. "Sie haben ihn geschlachtet und gegessen, weil sie die Hunde nicht mitnehmen konnten", ist sich der wandernde Chronist sicher. Behutsam tastet sich Schmidt mit seinem Wanderstock den steinigen Eckerlochstieg hinauf. Er kennt jeden Quadratmeter. Durch den Fichtenwald pfeifen die Dampflok der Brockenbahn und die rauen Stimmen der Eichelhäher.

Die Bergkuppe liegt in dichtem Nebel. Die Sicht beschränkt sich auf wenige Meter. Zielstrebig läuft Benno Schmidt zur Eingangstür der Brocken-Gaststätte. Er nimmt sich einen grünen Pullover aus seinem Rucksack und zieht ihn über. Der Abstieg wird kälter.