Gekürzte Fassung aus National Geographic Deutschland, Ausgabe April 2014, www.nationalgeographic.de

Jetzt müsste ich mich fallen lassen, rücklings. Aber ich kann nicht. Noch nicht. Ich muss erst noch schauen. Schaue hinein in die unterirdische, nur spärlich vom Licht dreier Stirnlampen erhellte Halle. 40 Meter hoch, 25 Meter breit, 100 Meter lang. Darin liegt, fast zehn Meter tief, ein See, schwarz wie ein Tintenfass. Aus dem Wasser ragen Felsen empor, hohe Säulen, senkrechte Wände, enge Nischen, über und über mit Sinter und Tropfsteinen bedeckt.

"Tom! Hey, was ist los?" Die Stimme von Andreas Kücha durchbricht die Stille. Er und Jochen Malmann, beide Höhlenforscher, haben mich hergeführt: an einen Ort, den bisher nur wenige Auserwählte gesehen haben. Wir sind in der Blauhöhle, genauer gesagt im "Mörikedom", einen Kilometer nordwestlich vom Blautopf.

"Hey, jetzt steig ein, wir müssen los!" Vorbei die Zeit des Staunens und Sinnierens. Jetzt heißt es paddeln.

Kücha und Malmann zählen zu einer Handvoll Höhlentaucher, die aus den 1.250 Meter langen, gefluteten Gängen lebend herausfinden können. Als Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Blautopf, deren Ziel die wissenschaftliche Erforschung des Höhlensystems ist, wagten sie sich seit 1997 immer tiefer in diese Unterwasserwelt.

Heute muss man nicht mehr tauchen können, um in die Halle zu gelangen. Im April 2008 – Kücha und Malmann waren inzwischen Hunderte Male vom Blautopf zum "Mörikedom" getaucht – stiegen sie mit ihrem Kollegen Michael Kühn aus dem Wasser und den "Stairway to Heaven" empor. Kücha hatte diesen Gang zwei Monate zuvor entdeckt. Es war Freitagnachmittag. Als die drei Höhlenforscher den höchsten Punkt des Ganges erreicht hatten, hörten sie Geräusche, die sie noch nie in der Höhle wahrgenommen hatten. Es dauerte eine Weile, bis ihnen klar wurde: Das waren die Motorbremsen der Lastwagen, die die Blaubeurer Steige hinunterfuhren! Die drei Männer saßen direkt unter der Bundesstraße B28.

Tauchend wäre ich nie durch den "Mörikedom", das "Mittelschiff " und den "Äonendom" bis zur "Pforte" gelangt. Hier beginnt jener Teil der Höhle, der oberhalb des Wasserspiegels liegt. Als ich mühsam ans Ufer wate, versinke ich bis zu den Oberschenkeln im zähen Lehm.

Am 4. Dezember 2004 wagte sich Kücha an dieser Stelle zum ersten Mal an Land. Er entdeckte die trockene Fortsetzung des Blauhöhlensystems, einen breiten Gang und eine weitere Halle, in der bis zu zehn Meter hohe, weiße Tropfsteine vom Boden aufwärtsstreben.