Der islamische Fastenmonat Ramadan beginnt. Gläubige Muslime halten sich an seine Regeln, weniger gläubige lassen es bleiben und rauchen heimlich weiter. Für den Alltag von Menschen, die nicht oder anders glauben, spielt der Ramadan nur dann eine Rolle, wenn sie sich in Gesellschaften bewegen, in denen er den Takt vorgibt.

Unsere Autoren haben den Fastenmonat in Ägypten, Tunesien, Jordanien und Tansania erlebt und erzählen, was sie gelernt haben über den Geschmack von Essen, ihre Zeitplanung und über Hinterzimmer, in denen nur beinahe gefastet wird.

Ägypten

In Kairo ist es einfacher als an vielen anderen Orten der arabischen Welt, im Ramadan zu schummeln. Es gibt gar nicht so wenige ägyptische Christen, und wenn man Sie für einen leidenden, dürstenden, hungrigen Touristen hält, wird sich rasch jemand finden, der Sie im Hinterzimmer seines Geschäftes trinken, essen oder rauchen lässt. Aber schöner finde ich es, das Fasten mitzumachen. Ich mag es, wie die Tage des Ramadan sehr träge beginnen, schon weil alle versuchen, so lange wie möglich zu schlafen, und anschließend wenigstens zu dösen. Um die Mittagshitze herum steigt dann die Gereiztheit; das dürfte vor allem an den Rauchern liegen. Taxifahren wird jetzt allmählich gefährlich, die Fahrer sind unkonzentriert und angespannt, genau wie die übrigen Verkehrsteilnehmer.

Schön aber ist zu sehen, wie die Fastenden sich unterstützen. Etwa wenn einer ungehalten wird, und die anderen ihn am Arm fassen und "Ramadan karim" sagen, "der Ramadan ist gnadenvoll" – wie eine sanfte Erinnerung an den Sinn des Fastens. Dann, am Nachmittag, beginnt die Betriebsamkeit. In den Restaurants und Garküchen fangen die Vorbereitungen an, auf den Märkten wird eingekauft, die Menschen bekommen ein Glänzen in den Augen: Nicht mehr lange! Nicht mehr lange! In Kairos Altstadt zur Zeit des Fastenbrechens zu sein, ist jedes Mal beeindruckend. Lange Tische in den Gassen, Girlanden, Lampions – und alle, alle essen, trinken, rauchen, scherzen, lachen bis spät in den Abend. Yassin Musharbash

Tunesien

Frauen kaufen während des Ramadans Datteln auf einem Markt in Tunis, 2010. © FETHI BELAID/AFP/Getty Images

Eine Mischung aus Vorfreude, Müdigkeit, Euphorie und Hunger liegt in der Luft. An einer langen Tafel im Restaurant Dar El-Jeld am Rande der Altstadt von Tunis sitzt eine bunt gemischte Gruppe: eine tunesische Künstlerin mit ihrem italienischen Freund, Mitarbeiter deutscher und französischer Organisationen, ein tunesischer Ingenieur nebst niederländischer Ehefrau, einige Journalisten-Kollegen. Neben Freundschaft eint uns heute vor allem eines: Hunger. Denn wir haben verabredet, uns an diesem Tag an das Fastengebot zu halten, gleich welcher Religion wir sind – so wir eine haben. Essen, Trinken, Rauchen, Sex und Fluchen sind von Sonnenaufgang bis zur Dämmerung tabu. Das sollte auszuhalten sein, dachte ich anfangs unbekümmert. Doch bei 29 Grad im Schatten und mit wartenden Arbeitgebern in Deutschland, denen meine persönlichen Ramadan-Experimente verständlicherweise egal sind, sieht die Sache anders aus. Vor allem der Durst macht dem nordeuropäischen Körper spätestens zur Mittagszeit zu schaffen.

Das Gefühl der Solidarität mit all den Fastenden weltweit und der Kampfeswille besiegen schließlich den Durst. Der stetige Hinweis meiner tunesischen Kollegen, dass es Ausländern niemand verüble, wenn sie im Ramadan tagsüber in der Öffentlichkeit essen oder trinken, erleichtert mein Unterfangen allerdings nicht. "Nur rauchen musst du nicht unbedingt vor mir", gibt mir Kais, ein sonst kettenrauchender Dokumentarfilmer, augenzwinkernd zu verstehen. Nicht einmal ein Bonbon ist erlaubt, wenn man es genau nimmt mit dem Fasten. Und das tue ich. Entsprechend ausgehungert bin ich, das Nicken des Kellners am Abend ist eine Erlösung. Eine App auf seinem Smartphone lässt uns wissen, dass es Zeit für Iftar, das Fastenbrechen, ist.

Auf die Technologie folgt die Tradition: Datteln und Wasser werden gereicht – was dürftig klingt, ist nach einem solchen Tag eine Geschmacksexplosion. Vier Stunden und drei Gänge aus der Sterneküche später sind wir uns einig: Der kulinarische Höhepunkt des Abends war die Dattel. Katharina Pfannkuch