Jessica Schober hat gerade ihre Ausbildung beendet und geht nun auf die Walz. Knapp 500 Gesellen dürften derzeit in Deutschland unterwegs sein, darunter etwa 60 Frauen. Schober ist wahrscheinlich die einzige unter ihnen, deren Handwerk der Journalismus ist.

"Es gibt ein paar Regeln auf der Walz, und an einige werde ich mich halten. Man darf kein Geld für Reisen ausgeben. Ich kann also trampen, aber kein Hotelzimmer nehmen. Und ich darf nur dann Zug fahren, wenn mich jemand mit dem Schönes-Wochenende-Ticket mitnimmt oder mir Geld für den Zug schenkt. Man darf keine Kommunikationsgeräte mitnehmen, ich habe also kein Handy dabei und auch keinen Laptop. Man darf keine Schulden haben, muss unter 30 sein, ledig und darf nicht für Kinder verantwortlich sein. Das einzige, was ich nicht habe, ist ein Gesellenbrief. Ich habe nur ein Ausbildungszertifikat von der Journalistenschule.

Ich nehme die Regeln der Walz also schon ernst. Man arbeitet, um zu reisen, und reist, um zu arbeiten. Aber es gibt viele alte Rituale auf der Walz, von deren Existenz ich noch gar nichts weiß. Ich werde versuchen, sie zu lernen, ich interessiere mich auch für das Leben der Gesellen in den Wanderjahren. Aber mein Hauptinteresse ist ein anderes. Gesellen ziehen auf die Walz, um neue Arbeitspraktiken kennenzulernen. Das will ich auch. Und ich will, was ich theoretisch gelernt habe, anwenden.

Mein Handwerk ist ein anderes als das der anderen Gesellen. Deswegen hat es auch keinen Sinn, dass ich mich in eine schwarze Kluft werfe. Gesellen tragen eine Kluft, die sie sich bei einem Kluftschneider machen lassen. Ich will mich nicht verkleiden. Journalisten tragen keine Kluft. Ich starte mit Jeans und einem karierten Hemd. Und einen Hut nehme ich auch mit, zum Spaß.

"Ich will mich nicht verkleiden"

Mein Gepäck trage ich in einem Trekkingrucksack, da gehen knapp 65 Liter rein. Ich weiß, dass man von jemandem, der auf die Walz geht, erwartet, dass er einen Stenz und einen Charlottenburger dabei hat, also den Stock und das Tuch, in dem das ganze Hab und Gut steckt. Aber ich bin auch nicht drei Jahre und einen Tag lang unterwegs, sondern nur einen Sommer.

Erprobt: Jessica Schobers Rucksack © privat

Ich werde auf vieles verzichten. Lokaljournalismus ohne Auto und Motorrad, das könnte interessant werden. Dass ich kein Smartphone dabei habe, bedeutet auch, dass ich kein Online-Banking machen kann. Ich muss dafür noch so ein komisches Banking-Gerät besorgen, das aussieht wie ein Taschenrechner – schließlich muss ich als freie Journalistin weiterhin eine Umsatzsteuervorauszahlung leisten. Musik wird mir fehlen. Ich spiele Akkordeon, das werde ich zu Hause lassen müssen. Was ich stattdessen mitnehme: eine Tube Hirschtalg gegen Blasen an den Füßen.

Eine Bäckergesellin hat mir eine Liste gegeben, auf der Sachen stehen, die ich nicht vergessen darf:

  • eine laminierte Deutschlandkarte, auf der die Autobahnanschlüsse eingetragen sind, damit ich weiß, wohin ich trampen muss
  • Isomatte und Schlafsack, denn ich nehme an, dass ich oft draußen schlafen werde
  • ein kleines Handtuch
  • persönliche Dokumente, also den Reisepass
  • einen USB-Stick, auf dem ich die Daten für die Umsatzsteuervoranmeldung speichere
  • 2 BHs
  • 5 Slips
  • 2 Paar Socken
  • 1 Regenjacke
  • 1 Kamera – das ist erlaubt, es ist ja kein Kommunikationsgerät
  • Wechselklamotten
  • Notizblock und Stift

Außerdem hat sie mir empfohlen, nur 100 Euro in bar mitzunehmen, nicht mehr. Sie meinte, ich soll probieren, wie das ist, wenn man nicht immer gleich Nachschub hat. Als ich Bürgerkind fragte, was ich essen soll, sagte sie: Dann isst du halt mal einen Apfel.

Ideen, von denen niemand weiß

Warum ich auf die Walz gehe? Die Bäckergesellin hat mir erzählt, dass sie auf der Walz in Leipzig gelernt hat, wie man Christstollen backt. Ich will im ganzen Land in Lokalredaktionen arbeiten und glaube, dass ich in jeder Redaktion etwas lerne, was ich in einer anderen nicht lernen könnte. Wie erzählt man eine Geschichte? Ich glaube, dass es tolle Ideen gibt, von denen niemand weiß, weil die Lokalzeitungen nicht so vernetzt sind wie die Überregionalen. Das Tolle ist: Kaum hatte ich mein Blog aufgesetzt, haben sich 30 bis 40 Redaktionen bei mir gemeldet: hyperlokale Blogs wie Da Hog’n aus dem Bayerischen Wald, die Mindelheimer Zeitung, das Hamburger Obdachlosenmagazin Hinz & Kunzt, der Döbelner Anzeiger, Zeitungen aus Paderborn, Halberstadt und Bayreuth. Die Schwäbische Post aus Aalen hat mir ein Foto der Redaktion geschickt und geschrieben, sie würde schon einen Platz suchen, an dem ich schlafen kann."