Wir sind im brasilianischen Urwald angekommen, und Thiago zieht als Erstes den Neoprenanzug an. Seine schlanken Füße schlüpfen in wasserdichte Schaumstoffschuhe. Zehn Touristen tun es ihm gleich, nicht ganz so geübt bei einer Temperatur um die 30 Grad im Schatten, und quetschen ihre Körper in die schwarze Pelle. Thiago geht voran, so elegant jemand das in diesem Aufzug tun kann. Manchmal zeigt er auf einen mimosenartigen Baum, angíco preto, der unter Schutz steht, mit einem Stamm so kunstvoll geriffelt wie afrikanische Schnitzereien, er erzählt von Pekari-Wildschweinen, Kapuzineräffchen und Tapiren, die im Wäldchen leben, und seine Schritte federn leicht wie die eines Tänzers.

Wir sind etwa eine Stunde südlich der Kleinstadt Bonito im Bundesstaat Mato Grosso do Sul, im Grenzgebiet zu Paraguay. Das ist dünn besiedeltes Niemandsland, wo kein Wolkenkratzer steht und bis vor Kurzem auch kein Flugzeug landete. Der Regionalflughafen wird nur mittwochs und sonntags von Campinas, 100 Kilometer nördlich von São Paulo, angeflogen. Meist reisen Touristen über die Straße aus der besser verbundenen Landeshauptstadt Campo Grande an, 300 Kilometer entfernt, beinahe fünf Stunden im Van.

Manche Straßen werden gerade erst gebaut, oft sind sie noch Buckelpisten, über die irritierte Seriemas laufen – knapp einen Meter große langbeinige Vögel, die am Boden leben und wegen der auffälligen Augenpartien wie grell geschminkte Trappen aussehen. Sie bevölkern das vergessene Ende Brasiliens, dessen Unberührtheit mit voller Wucht nun der Tourismus wachküssen will.

Biologe Thiago in angemessener Wanderkleidung © Ulf Lippitz

Wegen der unberührten Natur sind wir mit Thiago hier und werfen uns in die unwahrscheinlichste aller Wanderkleidungen: den Taucheranzug. Nach 45 Minuten Fußmarsch durch das schattige Grün erreichen wir das Ziel. Jeder in der Gruppe hält den Atem an, so unwirklich schön breitet sich plötzlich der Seitenarm des Rio da Prata vor uns aus: kristallklares und azurblaues Wasser, Dutzende Fische schwimmen darin, große schwarze wie der Paku, noch größere mit Zähnen bewehrte wie die Dorade.

Wir probieren die Tauchmasken und Schnorchel aus, üben das Schweben im Wasser, "kein Schwimmen, kein Berühren des Bodens, keine heftigen Bewegungen", sagt Thiago, alles ist hier verboten, was das Wasser aufwühlen könnte. Und dann trägt uns die Strömung abwärts, die Anzüge halten uns oben, bei manchmal unter einem Meter Tiefe fällt es anfangs schwer, der Versuchung zu widerstehen, den Fuß aufzusetzen. Was für ein tolles Schnorchelerlebnis über beinahe zwei Stunden! Wie die Doraden unbeeindruckt an uns vorbeischwimmen, manche mit einem Gesicht, das dem eines alten Mannes ähnelt. Wie die Kapuzineraffen an einer Stelle über uns in den Bäumen auf uns herabblicken und schrill über uns lachen.

Schweben mit Fischen: Rio Da Prata, Bonito © CC BY 2.0 comicpie/flickr

Thiago kommt aus dem Amazonasgebiet im Norden Brasiliens, er hat in Campo Grande Biologie studiert und führt nun Besucher durch das private Schutzgebiet. Er erzählt, dass er vor einiger Zeit einen Affen beobachtet hat, der zum Trinken an das Ufer kam und dann von einer fetten Dorade hinabgezogen wurde. Die spitzen hervorstehenden Zähne der Fische machen nun noch mehr Sinn.

Felsskulpturen wie vom Mars

Das Schnorcheln mit der Strömung ist ein beliebter Freizeitvertreib für Besucher der Region. Im nahen Rio Sucuri schweben Touristen durch das Wasser, am öffentlichen Bad, dem Baleario Municipal, baden Einheimische inmitten von Piraputangas. Nur diese bis zu 50 Zentimeter langen Salmler-Fische schaffen es, das Flussbad zu erreichen, das anhöhig gelegen ist. Am Rand des natürlichen Beckens schützt ein dickes Seil Badende davor, mit der recht kräftigen Strömung trotz geringer Tiefe abzudriften.

Die Gegend um Bonito hat aber nicht nur flache Gewässer zu bieten. In zwei gigantischen Wasserlöchern steigen Touristen mit Tauchergeräten in die unwirtliche Tiefe, der Lago Misterioso nahe dem Rio da Prata geht knappe 70 Meter der Erdmitte entgegen, die Besucher tauchen unter einem Felsen durch und auf der einen Seite wieder auf. Westlich der Stadt lockt das Abismo-Abenteuer Adrenalinjunkies an. Mit Tauchgeräten und unter Anleitung seilen sich Touristen zuerst 70 Meter in eine Höhle hinab, gleiten dann in einen unterirdischen See hinein und erschaudern angesichts der Felsskulpturen unter Wasser, die aussehen wie vom Mars. Allerdings muss jeder Tourinteressent einen Tag vorher einen Eignungstest bestehen, bei dem er auf körperliche Fitness geprüft wird.