Der folgende Text, die beiden Infokästen inklusive, hat 45 Autoren, deren eingesandte Sätze wir zusammengestellt haben. Die Urheber finden Sie in der anhängenden zweiten Fassung.

Es ist beruhigend zu wissen, dass es irgendwo einen See gibt. Wie der See still daliegt in der Dämmerung, als hätte nie ein Mensch ein Wort gesprochen. In der Nähe gestauten Wassers sucht und findet man kurz Ruhe vor all dem betriebsamen Rummel, dem agentengleichen Klingen der Gläser, den Politikern, die zumindest in diesen Tagen nichts mehr schätzen als deutschsprachige Gegenwartsliteratur, den weniger wohlmeinenden unter den Juroren, die einem andeuten, man würde sich ja demnächst bei der Exekution des eingereichten Textes sehen.

Auf gemieteten Fahrrädern treibt uns die Hitze an den kleinen, hinter Schilf verborgenen FKK-Strand und dort ins Wörtherseewasser, in dem wir uns abkühlen, während die Aufregung sich durch unser Inneres kratzt und wir uns fragen, warum, in drei Teufels Namen, wir jemals auf den Gedanken kommen konnten, uns hierher, ausgerechnet!, einladen zu lassen, nachdem wir doch immer schon wussten, worum es dabei geht und worum nicht, und beteuern uns gegenseitig, dass wir darüber stehen, nicht darunter, dass wir sämtliche Mechanismen dieser Betriebsmaschine durchschauen und unsere Zustimmung zur dazugehörigen Einladung keineswegs etwas mit Korrumpierbarkeit zu tun habe, was allerdings am übersäuerten Zustand unserer Mägen und dem leichten Pochen hinter unseren Stirnen so lange nichts ändert, bis wir wieder auf den Rädern sitzen, abgekühlt, lachend, mit schlammverkrusteten Zehen, und uns ausgiebig verfahren, weswegen wir erst spät in der Nacht und ohne ein einziges Bier getrunken zu haben, ins Hotel zurückkehren, bereichert um die Erkenntnis, dass auch der morgige Tag nichts weiter als einer unter vielen sein wird.

Vertikales Umblättern im Publikum, da bewegt sich eine A4-Seite über ihre gaaaanz lange Achse und trifft unterwegs noch viele hundert andere Papierachsen, mit denen sie schwatzen und scherzen möchte, und dann klingelt natürlich irgendwo da hinten während der Lesung ein Handy – Kulturbourgeoisie!!! Klein, erstaunlich klein – auch für Literaten!

Phoenix, Pudel, der See unterscheidet nicht

Vorher spazierte ich durch die morgendliche Stadt, die Ende Juni mit ihrem besonderen Licht und ihrem Cappuccinotassengeklapper eine diffuse italienische Stimmung verbreitete, nachher wurde ich von guten Freunden direkt vom Studio an den See gebracht, in den ich eintauchte, untertauchte und wieder auftauchte, nicht als Phoenix, sondern als begossener Pudel, aber der See macht keinen Unterschied zwischen Phoenix und Pudel, das ist das Schöne an ihm. In der Stadt ahnt man nichts vom See, am See nichts von der Stadt.

Der Wörthersee ist chemisch blau und wunderschön. Klagenfurt ist ein beklemmendes Stübchen, klein, dekorativ, leblos, daher strebt immer alles zum See, der noch bei Regen karibisch schimmert und dessen Grund, so will es die Sage, Paläste voll ruheloser Seelen birgt. Die nackte Kraft der Sonne, sengende, österreichische Hitze, die sich aufs staubige Städtchen legt, und dann die Flucht, der Sprung in den eiskalten See, vom Boot aus, die Augen geschlossen, und der klirrende Biss des Wassers in die Haut.

Der Ort Klagenfurt und der Wörthersee haben dann doch eines gemeinsam: Beider Beschreibung kommt jeweils mit erstaunlich wenig Worten aus.

Aus der Stadt gehen, entlang am wunderbaren weil barocken Lendkanal, der lang und lieblich genug ist, um den Gleichmut wieder zu finden nach all den Erschütterungen, und dessen Wasser schließlich hellblau ins Offene mündet: Ach! Ich sehe die Schlosswiese, den See und Sommerkleider, Gesichter und Mikrofone, Bilder bar der tiefen Emotionen, die süß-faulig riechen und mich eine schmale Treppe hinunterführen, hinein in schummriges Licht und dunkles Grün am Ende des Kanals, das der Anfang meiner Gefühle für ein Klagenfurt der Wärme ist, der Ideen und des hellen Lachens, ein sicherer Hafen, visuell und olfaktorisch für immer eingebrannt, dort finde ich mich wieder, wenn ich Klagenfurt besuche, unten am schwarzen Wasser des Lendhafens, wo wir entspannt und abseits des Betriebs uns nur vor einem zu fürchten brauchten: dem nächsten Besuch des öffentlichen Örtchens – Kafkas chromstählernem Albtraum der Spritzdüsen und automatisierten Türen.

Über das Vergessen

Ich befürchte, ich werde Klagenfurt nie vergessen dürfen und erinnere mich noch übergenau an alles, und wie es war, als ich fast ohnmächtig Zweiter beim Schwimmen wurde und wie mich Joachim Unseld in einer viel zu knappen Badehose für einen Kopfsprung lobte, mich aber nach dem Lesen meines Textes keines Blickes mehr würdigte und wie wir in großer Runde in einem in der Nähe Klagenfurts gelegenen Landgasthaus unter Nussbäumen und Gewitterwolken gegessen haben und der Rotwein so gut war, wie ich gerne schreiben können würde, und dass der Bachmann-Preis von einem Retter gerettet wurde, der zugleich der Mörder war und auch wie ein solcher grinste, und dass ich ein Design-Hotelzimmer hatte, in dem das Klo direkt neben dem Bett im Zimmer stand, und dass es wunderbare erfolglose Tage waren, die ich nicht vergessen werde.

Klagenfurt 1986, Campingurlaub mit schlecht gelaunten Eltern, Surf-Versuche auf dem Wörthersee, ständig Gewitter, Mückenstiche, Menschen mit komischem Akzent, ich löffelte auf dem Neuen Platz ein Eis, das schnell in der Sommerhitze schmolz, und wusste zum Glück noch nicht, dass diese schöne, langweilige Stadt in meinem Leben noch einmal eine Rolle spielen wird; das Eis, glaube ich mich zu erinnern, war gut. Tagsüber hatten wir uns zu einem launigen Heurigenbankzusammensitzen gefunden, das Holz duftete nach Wiese und Wein, nachts hörten wir die Jugendlichen, die der Innenstadt ihre Fahrräder randalierten, und in einem Dazwischen überstrahlte der Lindwurm, Schmetterling zu einer Raupe geworden, hell.

Als kleines Kind wollte ich immer im Maul des Lindwurms sitzen, aber ich durfte nicht raufklettern, und heute bin ich zu groß für das Maul und will auch gar nicht mehr hinein, ach, schon so lange will ich nicht mehr in dieses schöne, seit Jahrzehnten offen stehende Maul... Als ich zuletzt in Klagenfurt war, kam ich an einem Lokal vorbei, seit wann sieht es so traurig aus, wenn die Zeit stehenbleibt, dachte ich: diese Karikaturen von Stars und Berühmtheiten aus den achtziger Jahren an der Fassade, die meisten längst tot, diese endlos vergilbende vergebliche Bemühung um Coolness, ich kramte in meiner Tasche nach dem Notizbuch, fand aber meinen Kugelschreiber nicht, ich griff nach der Kamera, aber bevor ich sie noch hervorgezogen hatte, war ich schon weitergegangen, in Richtung Bahnhof. Da gibt es virtel, die heissen Marolla, Nagra, Tentschach, aber die leute meinen, sie sprechen deutsch.

In der Villacher Straße sprach mich einer an, der trug atmungsaktive Kleidung, wollte einen Kaffee trinken am Stauderplatz und noch irgendetwas, als ich ihn aber nicht verstand, beschimpfte er mich, bis er in der Adolf-Kolping-Gasse etwas anderes vorhatte. Der einzige Antifaschist in Kärnten ist eine Linkskurve in Lambichl.

Oft lief ich durch die Gassen im Zentrum und dachte dabei an Ingeborg Bachmanns Jugend in einer österreichischen Stadt, und als ich einmal im Café einen etwa vierzigjährigen Mann sagen hörte, dass man nicht genug für die Region und die hier lebenden Familien täte, dass stattdessen zu viele Ausländer in die Gegend kämen, fragte ich mich, wie das Leben der Menschen verlaufen war, die wie Ingeborg Bachmann als Jugendliche in Klagenfurt den Nationalsozialismus erlebt und im Gegensatz zu ihr die Stadt später nicht verlassen hatten.

In Klagenfurt parken die Enten neben dem Beachvolleyball-Platz, auf den Iron Man kann verzichtet werden, doch es wäre wichtig, die Fährten Ingeborg Bachmanns zu lesen, auch das südliche Lebensgefühl zu genießen, ist ein guter Rat, in der Altstadt oder am See, und mit dem Himmel als Dach. Speziell in Klagenfurt ist der Himmel blau.

Der Klagenfurter Bürgermeister sagte beim Empfang auf Maria Loretto, Ingeborg Bachmann würde sich bestimmt noch im Grab darüber freuen, dass er den Verkauf des Schlosses an russische Oligarchen verhindert habe. "Mensch Ingeborg", grüße ich die bleiche Büste, "beinah hätt' ich Dich auf Deiner schmuddeligen kleinen Stele übersehen" (bei profanen Verrichtungen eröffnet sich gelegentlich die rechte Perspektive: "Du mußt Dein Leben ändern" und so weiter und über den Theaterplatz fort), "― den Lindwurm hab' ich sogar noch besoffen gefunden!" Schnurgerade, die Ahornreihe des Neuen Platzes, der Lindwurm sonnenwarm, aus dem Minirock der Frau auf seinen Stufen läuft Urin, sie taucht ihre Finger in die Lache, malt ein verdunstendes Kreuz neben sich. All die kleinen Freuden einer kleinen Stadt.

Aber kein Klagen

Klagenfurt gibt es nur ein paar Tage im Jahr oder gibt es ein paar Tage im Jahr nicht, aber wie dem auch sei: Mir hat jedes Essen geschmeckt, ich hatte leichten Sonnenbrand und das Leihrad hat mich gerettet. Kein Klagen über Klagenfurt, nach Baden im Fernsehevent täglich Abkühlung im Literaturbetriebsausflug, man spricht über alles außer Literatur und sieht von den Sehenswürdigkeiten hauptsächlich das Theatercafé. Klagenfurt ist so schön, dass manchem Besucher der Unterschied zwischen Hören und Sehen vergeht. Wie man weiß, ist Klagenfurt vor allem für seine Kräuterwürstchen bekannt, jene ausnehmend feste, grünfleckige Spezialität, die den ahnungslosen Besucher nicht nur durch eine Geschmacksexplosion von allerlei scharfen Würznoten, sondern auch durch den typischen Zischlaut aus der Fassung bringt, mit dem beim ersten Biss die in der Wurst eingeschlossene komprimierte Luft entweicht – eine Besonderheit, die sich dem speziellen Rühr- und Pressverfahren bei der Herstellung dieser Wurst in der ehemaligen, außerhalb der Stadt am Fluss Gurk gelegenen Papiermühle verdankt, in der heute statt des abgeschöpften Papierbreis ein fein zermahlener Rindfleischbrei, mit jener besonderen Kräutermischung durchmengt (die genaue Rezeptur gilt als geheim), gerollt, gepresst, getrocknet und nach ausreichend langer Lagerungszeit seit Jahrzehnten mit dem gleichen Fährboot in die Stadt befördert wird, wo sie immer aufs Neue Touristen auf den ersten Biss in Angst und Schrecken versetzt.

Am Ufer, auf dem Flohmarkt, eine alte Sachkunde-Schautafel für meinen Sohn, den Schneckensammler, gekauft: Weichtiere in allen Formen und Farben – so ein Weichtier war ich zum Lesefest in Klagenfurt, diesem Puppenstubenort, der sicher schon längst ein Nachbau für Disney-World oder für einen chinesischen Oligarchen ist, was neben vielem anderen, die ehemaligen Skilehrer im rosa Polohemd, jetzt mit Bauch und Fliegerbrille im Porsche-Cabrio beweisen, die einfach nicht mehr echt sein können, so sehr sehen sie wie die Kopie eines zu Geld gekommenen ehemaligen Skilehrers aus, aber sie scheinen, egal wo sie hinschauen, immer noch zu sagen: "Gut sehen's aus, meine Dame, selbst im Schneeflug machen's was her", und dazu lächeln sie, dass man ahnt: Das Leben als Kopie in Klagenfurt ist vielleicht auch nicht eines der schlechtesten. Und wenn man dann an einem windzerklirrten Wintertag auf die Eisfläche starrt und bibbernd über Unsinn und Sinn dieses Ortes sinniert, kann einem schon mal der Schoko-Schachner erscheinen, der, eingehüllt in Fußballgeformte Atemwölkchen, flüstert: "Es braucht keine Worte, weißt du: Das Spiel ist es, das zählt."

Über allen Gipfeln lächelt Ingeborg, und Roy Black rast noch immer im Motorboot über den Wörthersee.