"Sind Sie kriminell?" – "Ja!" – Seite 1

Eine Leserin, die in der Reisebranche arbeitet, berichtet von einem Kunden, der einen fatalen Fehler begangen habe:

Einer meiner Kunden, der bis dahin jahrelang ohne Beanstandung in die USA gereist ist (ihm gehört sogar eine Immobilie in Florida), hat bei seinem letzten Esta-, also Einreisegenehmigungs-Antrag, wesentliche Fehler gemacht. Er hat alle Fragen, die mit "Nein" beantwortet werden sollten, mit "Ja" beantwortet. Er sagte mir, er sei abgelenkt gewesen und habe die "falsche Reihe" durchgeklickt.

Er bejahte die folgenden Fragen:

a) Leiden Sie an einer ansteckenden Krankheit, an einer körperlichen oder geistigen Störung, oder betreiben Sie Drogenmissbrauch?

b) Wurden Sie jemals aufgrund eines Deliktes oder einer Straftat gegen die Sittlichkeit oder aufgrund eines Vergehens im Zusammenhang mit Drogen verhaftet oder verurteilt, oder wurden Sie aufgrund zweier oder mehrerer Delikte verurteilt, für die das Strafmaß zusammengenommen fünf Jahre oder mehr betrug? Haben Sie jemals Drogen in Umlauf gebracht, oder beabsichtigen Sie zum Zweck krimineller Handlungen einzureisen?

c) Waren Sie jemals oder sind Sie gegenwärtig an Spionage oder Sabotageakten an terroristischen Aktivitäten oder an Völkermord beteiligt? Oder waren Sie zwischen 1933 und 1945 in irgendeiner Weise an Verfolgungsmaßnahmen in Zusammenhang mit dem Naziregime beteiligt?

d) Beabsichtigen Sie in den USA einem Beschäftigungsverhältnis nachzugehen, oder wurden Sie jemals vom Aufenthalt in den USA ausgeschlossen und abgeschoben? Oder wurden Sie aus den USA ausgewiesen, oder haben Sie sich aufgrund von Täuschung oder Falschangaben ein Visum oder Zutritt zu den USA verschafft?

e) Haben Sie jemals eine Person mit US-Staatsbürgerschaft daran gehindert, das ihr gerichtlich zustehende Sorgerecht für ein Kind auszuüben, oder haben Sie ihr dieses Sorgerecht vorenthalten?

f) Wurde Ihnen jemals ein Visum für die USA oder die Einreise in die USA verweigert?

Er hat den Fehler bei der Ablehnung bemerkt und dachte, er könne das sicher irgendwie rückgängig machen. Wer würde denn alle diese Fragen bejahen? Es ist doch offensichtlich, dass dies ein Fehler ist. Fail!

Wir haben mittlerweile unzählige Telefonate geführt, alle möglichen Hebel in Bewegung gesetzt, aber es bleibt dabei: Einreise in die USA nicht mehr möglich. Das trifft ihn auch beruflich, da er für sein Unternehmen für den amerikanischen Markt zuständig war. Seine Existenz ist also gefährdet. Und sein Haus in Florida wird er wohl auch für lange Zeit nicht betreten können.

"Wir haben einen Selectee", sagte eine Beamtin.

Dieser Leser berichtet, er habe in seinem Zusammenhang das Wort "Selectee" gehört, sei also unter den Personen, die verschärft kontrolliert werden:

November 2011, Frankfurt - New York. Ich bin Deutscher mit Migrationshintergrund, trage Bart, aber sehe nicht aus wie ein Taliban, auch wenn der Witz häufig kommt.

Ein freundlicher Mann von Singapur Airlines wies mich höflich darauf hin, dass mich ein Zufallsgenerator der US-Behörden ausgewählt habe und ich aus diesem Grund einen separaten Check am Gate über mich ergehen lassen müsse. Als ich drankam, rief eine Dame nur: "Oh, we have a selectee" – gutes Wort dafür, dachte ich. Daraufhin kam ein BGS-Beamter mit Maschinengewehr, nahm mir Boarding Pass und Reisepass ab. Die Dame bat mich noch, auf der Selectee-Liste zu unterschreiben. In einem Nebenraum am Gate musste ich mich vor einen Tisch stellen und die Arme ausbreiten. Ich wurde abgetastet, die Tasche wurde nochmals geöffnet und alles kontrolliert. Daraufhin durfte ich den Flieger betreten.

In New York angekommen beobachtete ich das Geschehen in der Schlange vor mir. Fingerabdrücke, digitales Foto, danach die Standardfragen: geschäftlich oder privat, zum ersten Mal in den Vereinigten Staaten, vielen Dank, Stempel und weiter. Ich kam an die Reihe. Ich wurde zusätzlich gefragt, ob ich alleine reise. – Ja. – Der Beamte erhob sich, steckte meinen Pass in einen braunen Umschlag und sagte, "just some more security questions, please follow me". Auf dem Weg fragte er: "Do you like beer?" Meine Antwort darauf war: "I am from Germany, sure I like beer!"

Ich wurde in einen Raum gebracht. Das Verhör ging los, und der Beamte wechselte zwischen good cop und bad cop im Minutentakt. Es ging um meinen gesamten Lebenslauf, den kompletten Werdegang meiner Eltern, wann sie aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind, was sie beruflich machen. Daraufhin sollte ich ihm so ziemlich alle Länder nennen, in die ich gereist bin und wieso. Zu guter Letzt schaute er in seinen Rechner und fragte mich, was ich im September drei Wochen in der Türkei gemacht hätte. Keine Ahnung, woher er das wusste, in die Türkei war ich mit meinem Personalausweis eingereist, und mein Pass ist nagelneu.

Dann ging es um meine Freundin. Ich erklärte, dass ich sie in den USA treffen würde, sie komme aus einer anderen Stadt angereist. Was meine Freundin hier macht? Sie wurde vom State Department eingeladen. Kleiner Blick in den Rechner. Zögern, Pass rausholen, abstempeln und viel Spaß wünschen.

War es der Michael-Moore-Konsum?, fragt sich dieser Leser.

Ein Leser berichtet von der Ablehnung eines ersten Visumsantrags und der Genehmigung eines zweiten durch ein US-Konsulat. Die Umstände seien je gleich gewesen, schreibt er:

Am Abend vor dem ersten Konsulatstermin hatte ich mir auf YouTube zwei anti-amerikanische Dokumentationen von Michael Moore angesehen. Außerdem habe ich mich vorher sicherlich "amerikafeindlich" geäußert (in einem nicht öffentlichen Facebook-Chat oder in E-Mails usw). Mehr oder weniger als ironische Feststellung, dass die Amerikaner ja doch so ihre Eigenarten haben. Über Terrorismus habe ich mich weder geäußert noch heiße ich solche Dinge für gut.

Mir ist bewusst, dass dies keineswegs der Ablehngrund sein muss, aber seit den Enthüllungen von Edward Snowden halte ich alles für möglich.

Übrigens wurde ich seitdem (vielleicht ja Zufall, vielleicht auch nicht?) auf allen Amerika-Flügen zur "Bombennachkontrolle" gerufen. Das sind diejenigen Kontrollen, bei denen man einen kleinen Papierstreifen über die Hände und die Elektronik-Geräte im Handgepäck gestreift bekommt und das danach auf Bombenspuren geprüft wird.

Es gebe eine Ablehnungsquote, glaubt diese Leserin.

Müssen die Beamten, die bei der Migration arbeiten, eine Quote erfüllen?, fragt sich eine Leserin:

Ich wollte vor meinem Studium noch eine kurze Auszeit nehmen und nach New York reisen. Als der Beamte feststellte, dass mich die Befragung bei der Einreise etwas nervös machte, wurde mein Reisepass einkassiert, und ich musste mit in einen hinteren Raum gehen. Dort wurde ich stundenlang ausgequetscht zu allem Möglichen. Zu meiner finanziellen Situation, meiner Familie, zu Freunden, Englischkenntnissen und meinen Zukunftsplänen. Sie haben immer wieder versucht, mir zu unterstellen, dass ich als Drogendealer in den USA arbeiten möchte. Als ich das verneinte, fragten sie, warum nicht, es würde ja viel Geld dafür geben. Irgendwann kamen sie dann auf die Idee, dass ich als Kellnerin arbeiten möchte, weil ich das vorher schon gemacht hätte.

Die Beamten nahmen mein Gepäck auseinander und fragten bei jedem Foto, wer das sei und warum ich die in Deutschland zurücklassen wollte. Ich hatte zwar schon einen Rückflug gebucht, dennoch ließen sie nicht locker. Zwischendurch wurde ich in den Warteraum geschickt. Dann kam immer wieder eine der Beamten vorbeigeschlichen und stellte mir die gleichen Fragen wie vorher.

Nach knapp sieben Stunden Befragung und Warten wurde ich, ohne die Möglichkeit, zwischenzeitlich mal was zu trinken oder auf die Toilette zu gehen, wieder nach Hause geschickt. Sie hätten Bedenken, mich ins Land zu lassen, das war die einzige Aussage, die ich bekam. Natürlich wurden Fingerabdrücke genommen und die üblichen Fotos gemacht. Zwei Beamte brachten mich dann bis in den Flieger.

In Deutschland wurde ich von den deutschen Behörden in Empfang genommen. Auch sie wussten nicht, warum ich zurückgeschickt worden bin. Ich bekam meinen Ausweis und meine angefertigte Akte ausgehändigt und durfte nach Hause fahren. Alles eine riesige Demütigung!

Ein Arbeitskollege meiner Mutter hatte einen Freund, der bei der Migration arbeitete. Er erzählte, dass die Beamten inoffiziell eine Quote erfüllten müssen mit Leuten, die sie nicht ins Land einreisen lassen. Ich, mit 21 Jahren, alleine reisend, weiblich, war dann wohl ein leichtes Opfer.

Von einer Kontrolle nach dem Vier-Augen-Prinzip berichtet dieser Leser.

Von einer Kontrolle nach dem Vier-Augen-Prinzip berichtet dieser Leser:

Ich bin Anfang 30, deutscher Staatsbürger mit Migrationshintergrund und Diplom-Ingenieur in einem deutschen Konzern. Ich habe einige Erfahrungen mit Einreiseschwierigkeiten in verschiedenen Ländern machen dürfen. Das liegt vermutlich daran, dass ich einen schwierigen Namen, schwarze Haare und braune Augen habe. In die USA, nach New York, flog ich Anfang 2013 privat.

Anschließend berichtet er von einer besonderen Behandlung nach der Passkontrolle, die er so begründet:

Ich denke, dies war eine Kontrolle nach dem "Vier-Augen-Prinzip". Aufgrund meines ungewöhnlichen Namens und Aussehens wollte mich der erste US-Beamte am Schalter vermutlich sicherheitshalber gründlicher überprüfen lassen und hat einen zweiten Beamten hinzugezogen. Sehr hilfreich war meine akribische Vorbereitung (etwa, dass ich die für die Befragung brauchbaren Dokumente griffbereit im Rucksack hatte) sowie ein sicheres höfliches Auftreten. Ich vermute, dass bei lückenhaften oder nicht beweisbaren Angaben die Einreise verweigert worden wäre. Die US-Beamten verhielten sich in meinem Fall in keiner Weise erniedrigend.