Es schüttet wie aus Eimern im Stanley Park, den viele für einen der schönsten der Welt halten. Kein Grund für Fiona Sinclair, ihre Fütterungstour zu verschieben. Wenn es regnet, und das tut es häufig in Vancouver, zieht sie normalerweise einfach ihr gelbes Regencape über, bevor sie in den Stanley Park aufbricht. Nicht so heute, da ich sie begleite, mit Stift, Block und Kamera. "Sie wollen doch sicher ein Foto machen, wenn ich die Schwäne füttere?"

Fiona Sinclair ist eine zierliche Frau mit freundlichem Gesicht, sie hat die Haare hochgesteckt, trägt eine goldene Kette und dazu passende Ohrringe. In der einen Hand hält sie einen Regenschirm, mit der anderen zieht sie einen blauen Rollwagen hinter sich her. Plastikdosen mit Futter – eine Mischung aus Proteingranulat, Mais und Weizen – und eine große Wasserflasche befinden sich darin. "Für den Fall, dass die Schwäne zur Fütterung an Land kommen, brauchen sie Wasser, wenn sie essen", sagt sie. Ihre Augen glänzen, kaum dass wir auf ihre Lieblinge zu sprechen kommen, als gehörten sie einer Jugendlichen.

Seit acht Jahren füttert die Rentnerin ehrenamtlich die Höckerschwäne – derzeit sind es vier – im Lost Lagoon, einem mehr als 16 Hektar großen See im Stanley Park in Vancouver. Die Schwäne werden bereits morgens von der Parkleitung gefüttert. Fiona Sinclair hat die Nachmittagsfütterung übernommen. Fast jeden Tag ist sie seitdem hier gewesen. Außer im Jahr 2012, da lag sie wegen einer Krebserkrankung lange im Krankenhaus. Selbst von dieser Zeit erzählt sie mit einem Lächeln. "Füttern Sie weiter Ihre Schwäne, das tut Ihnen gut!", riet ihr Arzt ihr nach ihrer Entlassung.

Der Stanley Park in Vancouver: 400 Hektar für acht Millionen Besucher und einige Schwäne © CC BY 2.0 Kaveh/flickr

Bis zu drei Stunden können ihre Touren dauern. Manchmal, vor allem im Herbst und im Winter, fressen die Schwäne das Futter, das die Parkleitung der Ehrenamtlerin zur Verfügung stellt, direkt aus den Plastikbehältern an Land. Oft setzen sich die Tiere anschließend an Fiona Sinclairs Seite. "Schwanenflüsterin" nennt man sie hier.

Heute aber müssen wir die beiden Schwanenpaare im Lost Lagoon suchen. Wir laufen an Kanadagänsen vorbei, die friedlich am Ufer sitzen und sich von uns nicht stören lassen. Am anderen Ufer ragen im Hintergrund die Hochhäuser von Downtown in den Himmel, der See ist von Bäumen eingerahmt. "Lost Lagoon ist mein Lieblingsort im Park", sagt Fiona Sinclair. Aber sie, eine ehemalige IT-Expertin, kennt und liebt den gesamten, mehr als vier Quadratkilometer großen Stanley Park, der sich direkt neben Vancouvers Innenstadt, im Norden einer Halbinsel erstreckt. Gerade erst wurde er vom Online-Reiseportal Tripadvisor auf Basis von Nutzerbewertungen zum "schönsten Stadtpark der Welt" gekürt.

Sinclair glaubt, es sei seine Vielfalt, die ihn so schön mache. Da ist, unweit von hier, der Rosengarten mit mehr als 3.500 Pflanzen, die jetzt im Sommer in voller Blüte stehen – ihr zweitliebster Ort im Park. Da sind die vielen verschlungenen Wanderwege, zusammen mehr als 27 Kilometer lang, die durch den üppig bewachsenen Regenwald führen, an unzähligen Riesenlebensbäumen, Hemlocktannen und Douglasfichten vorbei. "Wenn man dort entlang spaziert und tief einatmet, kann man sich gar nicht weiter weg von der Stadt fühlen."

Jogging vor Vancouvers Skyline © REUTERS/Andy Clark

Und da ist der Seawall, eine Ufermauer mit Fahrrad- und Fußweg, die einmal rund um den gesamten Stanley Park führt. Neun Kilometer, die man zu Fuß in zwei bis drei, mit dem Rad in etwa einer Stunde zurücklegt. "Das Faszinierende, wenn man den Park auf dem Seawall umrundet, ist, dass die Aussicht sich alle paar Meter völlig verändert", sagt sie. Ich pflichte ihr bei: Vom Seawall aus, der an einer immer felsiger werdenden Küste entlangführt, bieten sich einem spektakuläre Aussichten auf die Berge der Coast Mountains, auf Downtown, den Hafen und die Lions Gate Bridge, eine 111 Meter hohe und 472 Meter lange Hängebrücke, die die Innenstadt mit North Vancouver verbindet. Schließlich kommt man auch an einem Strand, dem Third Beach, vorbei.

Thea und Tristan

Es hat aufgehört zu regnen, als wir in einer Bucht zwei ihrer Schützlinge entdecken. Das Schwanenpärchen nähert sich, das Männchen, Tristan, erreicht uns zuerst. "Na, Schätzchen? Bist Du hungrig, mein Junge?", ruft Fiona ihm zu und klingt dabei, als spreche sie mit einem Kind. Sie beugt sich herab, streckt ihre Hand aus, Tristan knabbert an ihren Fingern und gibt ein schnarrendes Geräusch von sich – das Begrüßungsritual. Sie streut Futter aus der Plastikdose ins Wasser und beobachtet den Schwan beim Fressen. Mittendrin dreht er sich um und wackelt mit dem Hinterteil. "Das heißt Dankeschön", sagt Fiona Sinclair.

Sinclair, Schwan © Susanne Helmer

Inzwischen ist auch Schwanendame Thea in der Bucht angekommen. "Ich freue mich so sehr, dass die beiden sich vor ein paar Monaten zusammengetan haben. Tristan war fast das ganze letzte Jahr allein, nachdem Isolde, seine vorherige Partnerin, verstorben war", sagt Fiona Sinclair und sieht zum ersten Mal traurig aus.

Immer wieder tritt sie einen Schritt vor und spannt mit einer zackigen Bewegung ihren Regenschirm auf, um die Enten und Gänse zu verscheuchen, die sich ebenfalls auf das Futter stürzen. Überhaupt, die Tiere hier: Mehr als 500 Arten leben im Stanley Park, darunter Salamander, Fischreiher Grauhörnchen und Biber. Bei meinem letzten Besuch konnte ich in einem Baum einen Waschbären beobachten.

Bijan und Marika

Wir setzen unseren Weg fort, um das zweite Schwanenpaar zu suchen, laufen vorbei an einem Schwanennest, das mit einem Zaun abgegrenzt ist. Fiona Sinclair überprüft ihn regelmäßig, zurrt ihn hin und wieder etwas fester, wenn er locker geworden ist, weil Besucher sich gegen ihn gelehnt haben, um Fotos vom Nest zu machen. Wenn es nach ihr ginge, gäbe es mehr viel mehr Zäune zum Schutz der Schwäne – zum Beispiel auch vor Ottern, die ihre Eier fressen. Dann gäbe es auch mehr Schilder, die Besucher darauf hinweisen, dass sie die Schwäne nicht wahllos mit Essensresten füttern sollten, etwa mit Schokolade. "Viele meinen es ja gut, aber die Schwäne vertragen Schokolade nicht."

Die kleine Bahn, die durch den Stanley Park fährt, wurde in diesem Jahr 50. © REUTERS/Ben Nelms

Fiona Sinclair hat noch mehr Wünsche für ihre Schützlinge. Denn so idyllisch er auch aussieht, der Lost Lagoon ist kein optimaler Lebensraum für sie. Sie wünscht sich, dass man die Vögel im Winter, wenn der See zufriert, drinnen unterbringen kann. Und dass rundherum an den Ufern weicher Rasen angelegt würde. Denn auf dem Beton und Kies, der sich an vielen Stellen befindet, ruinieren die Schwäne sich die Füße, ziehen sich Sohlengeschwüre zu. "Aber das Budget des Stanley Parks ist gekürzt worden, die Schwäne haben leider keine Priorität."

Inzwischen haben wir auch das zweite Schwanenpaar, Bijan und Marika, gefunden. "Marika flirtet gern, Bijan ist schon ihr fünfter Partner", sagt die Dame beim Füttern. Wieder dieses Glänzen in den Augen. Wenn ihr Habitat verbessert würde, hofft Fiona Sinclair, dürften die Schwäne auch wieder Junge haben. Bislang unterbindet die Parkleitung das. Höckerschwäne gelten in Nordamerika als Neozoen, nicht heimische Tierarten, die, wenn sie sich vermehren, die biologische Vielfalt gefährden könnten.

Bijan und Marika haben sich inzwischen abgewendet und nehmen Kurs auf den Jubilee Fountain, einen prächtigen Springbrunnen im Lost Lagoon. Fiona Sinclair sieht ihnen noch lange nach. Morgen kommt sie wieder.