Ausflug mit Mutter

Deutschland, Republik der Freizeitparks. Achterbahnfahrten, Schießstände mit Plastikrosen, Wasserrutschen mit Kreischgarantie, Currywurst- und Softeisstände. Hier vergnügen sich hobbyarme Familien an Wochenenden oder zur Ferienzeit. Markierte man auf einer Karte jeden dieser Parks mit einer kleinen Nadel, gliche das Ergebnis einem Igel in Abwehrhaltung. Vor 30 Jahren, also vor der Welle von Freizeitparkeröffnungen, kannten wir das Phantasialand, den Europapark in Rust und natürlich den mutmaßlich ältesten Erlebnispark Deutschlands in Tripsdrill, der in diesem Jahr sein 85-jähriges Bestehen feiert. Nun hat im hessischen Borken ein neuer Freizeitpark eröffnet, dessen Zielgruppe ein ähnlich hohes Alter hat: Deutschlands erster Senioren-Freizeitpark. Bedeutet das Barrierefreiheit, Rolltreppen, Blechkuchen und die Möglichkeit, vor Ort Kaffeefahrten zu buchen? Höchste Zeit für einen Testbesuch inklusive Seniorin.

111 Kilometer, behauptet das Navigationsgerät, mit dem Auto gut eineinhalb Stunden. Wer von Frankfurt am Main aus ins mittelhessische Borken fährt, muss Landstraßenzeit einplanen. Die Autobahnen machen einen großen Bogen um Borken. Ein Sommersonntag mit Quellwolken und böigem Wind: Um 11 Uhr öffnet der Senioren-Freizeitpark, um 9.30 Uhr fahren wir los. Wir, das sind meine Mutter und ich. Meine Mutter ist muntere 74 Jahre alt, kulturinteressiert und gut zu Fuß. Sie ist die ideale Testperson für einen Senioren-Freizeitpark. Aber die lange Fahrtzeit in die hessische Provinz wirkt zunächst abschreckend: "Lohnt sich das denn überhaupt?" Mutter ist skeptisch. Ich erkläre, dass wir genau das herausfinden wollen und verspreche zum Dank ein Rumpsteak-Mittagessen in einem Hausmannskost-Gasthof. Das überzeugt sie.

Hinter Alsfeld verlassen wir die A5, schmale Landstraßen graben sich fortan in grüne Hügel, am Straßenrand grasen angeödete Kühe, eine Schafsherde jagt ein paar Sonnenstrahlen über saftige Weideflächen. Wir fahren durch kilometerlange Mischwälder, ohne einem einzigen Auto zu begegnen, immer wieder bremsen uns Radarfallen in verwaisten Dörfern aus. In diesen Fachwerkhausflecken liegen an Sonntagen nicht mal Katzen auf menschenleeren Straßen, kein Hund verbellt uns hinter Maschendrahtzäunen, hier diskutiert auch niemand seinen Bandscheibenvorfall übers Gartentor hinweg mit dem Nachbarn. In Mittelhessen, genauer: im Schwalm-Eder-Kreis, nimmt man den Sonntag noch ernst, Sonntag ist Ruhetag. Alle Gasthöfe geschlossen, Mutter sorgt sich um ihr Rumpsteak. Ich beruhige sie: Man könne, so stehe es auf der Homepage des Senioren-Freizeitparks, vor Ort ebenfalls zu Mittag essen. "Aber da essen dann doch nur alte Leute, da fühle ich mich wie im Altersheim."

Wer sind die Senioren von heute?

Alter beschreibt heutzutage vor allem den Grad körperlicher Fitness, das Geburtsjahr spielt keine Rolle mehr. Die gutmütige Oma im Schaukelstuhl, die das ganze Jahr an Weihnachtsgeschenken strickt und die Familie mit ihrer Dauerpräsenz in den Wahnsinn treibt, gibt es schon lange nicht mehr. Verrentete Freunde meiner Mutter bereisen die Welt in Turnschuhen und Funktionskleidung oder arbeiten fünf Tage die Woche ehrenamtlich für soziale Projekte, solange Knie, Rücken und Herz das alles noch mitmachen. Man findet kaum mehr Rentner, die demütig vor dem eigenen Alter kapitulieren und sich Tätigkeiten zuwenden, die man altersgerecht nennen könnte. Natürlich gibt es noch Bridge-Abende und Eierlikör-Partys, jedoch immer gefolgt von Städtereisen nach Köln, Konstanz oder Kapstadt. Meine Generation schaut mit einer Mischung aus Bewunderung und Angst ums Erbe auf so viel Lebensfreude. Ob das Konzept eines Senioren-Freizeitparks vor diesem Hintergrund überhaupt zeitgemäß sei, will ich von Mutter wissen. "Das kommt darauf an, was es da zu sehen gibt. Eigentlich nicht."

Wir passieren die Ortseinfahrt von Borken. Die Stadt klammert sich mit Freilichtexponaten an eine bewegte Braunkohlevergangenheit. Förderkräne auf freiem Feld, Lastlokomotiven am Straßenrand, das städtische Braunkohlemuseum: Hier erzählt alles von einer Zeit, als Braunkohleabbau noch Familien ernähren konnte. "Vor circa 30 Jahren gab es in Borken ein schlimmes Grubenunglück mit Dutzenden Toten", weiß Mutter zu berichten. Kurz darauf wurde der Kohleabbau eingestellt, die gefluteten Gruben zählen heute zum Borkener Seenland mit einem üppigen Freizeitangebot. Hier können Besucher Wasserski fahren, tauchen, Beach-Volleyball spielen oder einen Surf-Kurs absolvieren. Wir aber wollen in den Senioren-Freizeitpark. An einem Verkehrskreisel weist uns ein gelber Pfeil den Weg.

Auf dem riesigen Parkplatz des ehemaligen Braunkohlekraftwerks langweilt sich ein einsames Auto, ich stelle meinen Wagen direkt daneben ab. Über der Eingangstür zum Klinkerbau der ehemaligen Turbinenhalle ein großes Schild mit der Aufschrift "Musikpark Rom", eine Großraumdiskothek. "Hier kannst du tanzen gehen. Oder Komasaufen. Ich bleibe im Wagen", sagt Mutter. Nichts weist auf einen Senioren-Freizeitpark hin, alle Türen sind verschlossen. Ich schaue auf die Uhr: Es ist kurz nach 11. "Bist du dir sicher, dass heute überhaupt geöffnet ist?" fragt Mutter skeptisch, ich bejahe. Dienstag, Donnerstag und Sonntag von 11 bis 17 Uhr, so stand es auf der Homepage. Wenige Augenblicke später wird eine hölzerne Flügeltür von innen aufgedrückt. Vor uns steht ein kleiner, dunkelhaariger Mann jenseits der 70, der offensichtlich von so viel Besucherandrang überrascht ist. Ob das der Eingang zum Senioren-Freizeitpark sei, wollen Mutter und ich wissen. Der Mann nickt und bittet uns herein.

Mutters Begeisterung für die Industriebrache

Der Charme des Trödelmarkts hält sich noch bedeckt. © Benjamin Lauterbach

Fünf Euro Eintritt pro Person. Hinter dem Kassenbereich beginnt der Rundgang mit einer kleinen historischen Ausstellung zum Thema Reitsport. Alte Sättel, Pokale, Poster, ein großes Plastikpferd. Während ich die Exponate in den Vitrinen begutachte, sieht sich Mutter die menschenleeren Ausstellungsräume an. "Sind wir wirklich die einzigen Besucher? Man muss ja Angst haben, dass gleich der Schlossgeist kommt." Wir passieren einen engen Durchgang und erreichen eine große Lagerhalle. Hier geht es nicht mehr um Reitsport, sondern übergangslos ums Boden- und Geräteturnen. Auf gusseisernen, im Hallenboden versenkten Maschinen stehen zwei alte Barren, ein Bock, an den Wänden Wimpel und Plakate, alles aus den zehner und zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. An den Wänden erzählen zudem Postkarten und Zeitungsartikel von den Anfängen des Turnsports und von seinem Erfinder: Friedrich Ludwig Jahn. Ich frage Mutter, ob ihr Friedrich Ludwig Jahn noch ein Begriff sei. "Natürlich! Ich bin doch in Hamburg auf die Jahnschule gegangen."

Im Mittelgang plötzlich ein erstes Hinweisschild: "Olympia 1936". Auch hier wieder Vitrinen, Poster, Zeitungsartikel, dazu die obligatorischen Fahnen und Wimpel. Mutter zeigt auf eine Postkarte, auf der das Berliner Olympiastadion abgebildet ist: "Na, das wäre was für deine Großmutter gewesen. Die war damals zu Olympia in Berlin. Da war ich aber noch gar nicht auf der Welt, wahrscheinlich bin ich zu jung für diese Ausstellung." Als ich bemängele, dass es keine Tondokumente oder Bildschirme mit Filmaufnahmen gibt, antwortet Mutter: "Ich finde ohnehin das Gebäude viel interessanter. Schau mal hier, die alten Sicherungskästen. Oder da oben, dieser fahrbare Kran unter der Decke, der nennt sich Laufkatze. Damit konnte man schwere Gegenstände quer durch die Halle transportieren. Irre." Ich starre an die Decke, kann aber Mutters Begeisterung für die Industriebrache nicht teilen. Stattdessen verweise ich darauf, dass wir uns ja eigentlich laut Ankündigung in einem Freizeitpark befinden sollten, nicht aber in einem Museum. "Und was soll eine Frau meines Alters in einem Freizeitpark machen? Autoscooter fahren?"

"Hier ist das ganze Jahr über Weihnachten"

Richard K. Rode, Eigentümer und Organisator des Senioren-Freizeitparks in Borken © senioren-freizeitpark.de

Als ich unnötig lange vor einer Büste von Friedrich Ludwig Jahn verharre, mahnt Mutter zur Eile. "Wenn wir in dem Tempo weitergehen, sind wir morgen früh noch hier." Dabei sind seit unserer Ankunft nicht einmal zwanzig Minuten vergangen. Vor uns liegt jetzt ein Cafébereich, die Tische dekoriert mit Tannenzweigen und roten Kerzen, an den Wänden Weihnachtsschmuck, die Böden ausgelegt mit riesigen Wohnzimmerteppichen. Das Café hat geschlossen, die Deckenbeleuchtung ist ausgeschaltet. Aus dem Halbdunkel nähert sich ein drahtiger, agiler Herr im Sakko. Er trägt ein seidenes Halstuch statt Krawatte, sein Lächeln wirkt, als freue er sich aufrichtig, uns zu sehen. "Hier ist das ganze Jahr über Weihnachten", sagt er zur Begrüßung und fügt an: "Hallo, ich bin hier der Chef." Dass wir auf den Gründer des Freizeitparks treffen, ist Zufall. Ich habe Mutter und mich nicht angemeldet, wir wollten unbeeinflusst und mit möglichst naivem Blick über das Gelände gehen. Doch jetzt, da wir den Eigentümer und Organisator Richard K. Rode vor uns haben, stelle ich ihm doch einige Fragen, die er bereitwillig beantwortet. Vor 18 Jahren habe er die Gebäude zusammen mit seiner Frau gekauft, seitdem sei man rund um die Uhr mit der Erhaltung beschäftigt. Alle modernen Gebäude seien vor dem Verkauf von der Stadt abgerissen worden, lediglich die historischen habe man stehen lassen. Mutter und ich sollen uns die Terrakotta-Armee nicht entgehen lassen, sie beschließe den Rundgang ganz am Ende, viele Besucher brächen leider zu früh ab. Wir bedanken uns und gehen weiter. "Welche Besucher?" fragt Mutter.

Um genau 11.37 Uhr haben Mutter und ich eine Erscheinung: Wir sehen ein weiteres Besucherpaar. Die beiden Rentner überholen uns schnellen Schrittes, einen Golden Retriever an der Leine führend. Ich nicke den beiden komplizenhaft zu, woraufhin der Mann stehen bleibt und fragt: "Wie kommt man hier eigentlich raus aufs Gelände? Unser Hund muss mal." Ich kann ihm die Frage nicht beantworten. Die Hallenfenster sind abgeklebt, die Türen verschlossen, der Senioren-Freizeitpark spielt sich in größtenteils abgedunkelten Lagerhallen ab, ein paar rote Papppfeile weisen den Weg, die Orientierung verliert man hier schneller als den Glauben an Besucherströme. Wenige Meter weiter werben Hinweisschilder für einen Trödelmarkt, doch als wir die Verkaufsräume betreten, sind alle Stände mit Planen und riesigen Tüchern abgedeckt, weit und breit ist kein Händler zu sehen. Ich erkläre Mutter, dass Richard K. Rode sein Vermögen unter anderem mit der Organisation von Floh- und Antik-Märkten gemacht habe, während sie einige freigelegte Waren inspiziert. "Wenn du wissen willst, was ich mir nicht zum Geburtstag wünsche, dann schau mal unter diese Planen."

"Für Leute mit Rollator völlig ungeeignet"

Eine knappe Stunde ist vergangen, Mutter und ich haben den Rundgang im Erdgeschoss beendet. Wir erreichen eine breite Treppe, im Obergeschoss wartet der zweite Teil des Senioren-Freizeitparks auf uns. Mutter wird zum ersten Mal ungeduldig: "Gibt es hier keinen Fahrstuhl? Das ist doch alles nicht seniorengerecht. Für Leute mit Rollator völlig ungeeignet. Vierzig Stufen in den ersten Stock, dann überall diese Unebenheiten am Boden, die schlechte Beleuchtung. Hier muss man wirklich aufpassen, wo man hintritt." Kurz überlege ich, ob das Fazit unseres Senioren-Freizeitpark-Tests damit vielleicht schon feststeht, doch Mutters Interesse wird im ersten Stock neu entfacht. Der Rundgang beginnt hier mit einer Ausstellung über das Dritte Reich. In Glaskästen liegen Carepakete, wie sie von den Amerikanern nach dem Zweiten Weltkrieg über Berlin abgeworfen wurden. Eines ist noch verschnürt, ein zweites ausgepackt, angerostete Konservenbüchsen glänzen im Licht der Deckenfluter. "Carepakete konnte man sich in Hamburg damals in speziellen Läden abholen. In Hamburg wurden die Pakete ja nicht von Rosinenbombern abgeworfen", erzählt Mutter und geht mit der Nase ganz dicht an die Schaukästen. "Man musste zwar stundenlang für diese Pakete anstehen, aber am Ende war das Auspacken ein richtiger Festakt." Müdigkeit ist Mutter plötzlich überhaupt nicht mehr anzumerken, sie kommentiert jedes Exponat ausführlich, setzt die Ausstellungsstücke in Verbindung mit ihrer Familiengeschichte. Der Senioren-Freizeitpark wird nun doch noch zu einer Art Zeitreise, weil dieser Teil der Dauerausstellung einer jüngeren Vergangenheit gewidmet ist, die potenzielle Besucher des Parks noch selbst erlebt haben. "Und aus solchen Hakenkreuzfahnen haben sich die Frauen nach dem Krieg Kleider geschneidert. Natürlich ohne das Hakenkreuz. Das wurde vorher rausgeschnitten. Ich hatte auch so ein feuerrotes Kinderkleid mit meinen fünf Jahren."

Im ersten Stock des Senioren-Freizeitparks haben wir den Eindruck, als folge der Rundgang nun einer Chronologie, einem inhaltlichen roten Faden. Hier zeigt der Freizeitpark seine Stärke. Auf die Ausstellungsstücke zum Dritten Reich folgen Exponate zur Geschichte der DDR und zum Kennedy-Mord. "Als Kennedy erschossen wurde, war ich mit meinem ersten Mann auf der Autobahn. Wir machten Halt an einer Raststätte. Im Essbereich stand ein kleiner Schwarz-Weiß-Fernseher auf einer Anrichte, und davor saßen Truckerfahrer auf Barhockern, so richtig große Kerle. Die waren regelrecht in sich zusammengefallen und heulten wie Schlosshunde. Da wussten wir sofort, dass irgendwas Schlimmes passiert sein musste." 

Mutter ist jetzt wie ausgewechselt. Nicht mehr die alten Lagerhallen des ehemaligen Braunkohlekraftwerks stehen im Mittelpunkt ihres Interesses, sondern Zeitungsartikel und Fotos, Türöffner in die eigene Vergangenheit. Leider ist dieser Teil der Ausstellung klein, nach fünfzehn Minuten haben wir ihn durchschritten. Und auch mit der chronologischen Anordnung ist es plötzlich vorbei. Auf den Bereich zum Kennedy-Attentat folgen Ausstellungsstücke aus dem Deutschen Kaiserreich. Als wir eine Krankenliege entdecken, mit der im Ersten Weltkrieg Verwundete aus den Schützengräben geholt wurden, deutet Mutter darauf und sagt: "Wenn dieser Rundgang nicht bald zu Ende ist, musst du mich nachher damit zurück zum Auto tragen."

Mutter wird einen Brief schreiben

Im letzten und gleichzeitig größten Bereich des Senioren-Freizeitparks geht es um China. "Chinesische Ästhetik reizt mich eigentlich überhaupt nicht", erklärt Mutter, und ich versuche mich als Motivator, indem ich darauf verweise, dass wir es vermutlich bald geschafft haben. Doch auch ich merke erste Anzeichen von Erschöpfung. Die Vielzahl der Exponate nötigt einem zwar Respekt vor der Sammlerleistung ab, aber nach gut 90 Minuten Rundgang ist auch mein Interesse an fernöstlichen Memorabilien gering. Wir eilen vorbei an chinesischem Fensterschmuck, chinesischen Tonfiguren, chinesischem Mobiliar. Alles erinnert an die Inneneinrichtung eines China-Restaurants aus den achtziger Jahren. Vor uns erhebt sich eine riesige Buddha-Statue, fünf Meter hoch, in der Luft hängt der Geruch von Räucherstäbchen, die Fenster der Halle sind mit roten Folien abgeklebt. Plötzlich taucht aus dem Halbdunkel eine Chinesin im traditionellen Hanfu-Kleid auf. Ob sie uns weiterhelfen könne, sie beantworte uns gerne alle Fragen zur Ausstellung. Mutter und ich sind so perplex, dass uns keine Fragen einfallen. Wir bedanken uns und gehen weiter, die Chinesin folgt mit einigem Abstand. Mutter kommt ganz dicht an mich ran. "Vielleicht ist das der Schlossgeist. Wir könnten die Dame fragen, ob ein China-Restaurant Teil des Parks ist und ein Mal Ente süß-sauer bestellen."

Mutter mit Exponaten © Benjamin Lauterbach

Gut zwei Stunden sind vergangen, als wir den letzten Raum des Senioren-Freizeitparks erreichen. Vor uns reihen sich Hunderte chinesische Krieger zu einem beeindruckenden Gesamtbild. Die lebensgroße Terrakotta-Armee ist das Herzstück der Ausstellung, aus gutem Grund: Im Scheinwerferlicht der ansonsten abgedunkelten Halle wirkt sie majestätisch, bedrohlich. Ich versuche, ein Foto zu machen, doch meine Spiegelreflexkamera ist mit den Lichtverhältnissen überfordert, die Bilder verwackeln. Warum die Räumlichkeiten allesamt so lichtarm sind, dass man sogar Mühe hat, Unebenheiten am Boden zu erkennen, bleibt an diesem Sonntag ein ungelöstes Rätsel. "Siehst du hier irgendwo eine Erklärtafel?" fragt Mutter mich vom anderen Ende der Halle. Ich verneine. "Schade, dass man hier nirgendwo etwas zu den Ausstellungsstücken lesen kann. Man muss doch wissen, woher diese Figuren kommen, ob es Kopien oder Originale sind und was so eine riesige Armee kostet." Ein paar Minuten stehen wir noch stumm vor den unbeweglichen Kriegern, dann machen wir uns auf die Suche nach dem Ausgang. Doch die Hallentüren sind verschlossen. "Die werden ihre Besucher bestimmt nicht den ganzen langen Weg zurücklaufen lassen", gibt sich Mutter optimistisch. "Irgendwo muss es hier eine Abkürzung oder ein Treppenhaus geben, sonst schreib' ich dem Herrn Rode einen Brief."

"Durcheinander, aber nicht uninteressant"

Mutter wird einen Brief schreiben. Es gibt nämlich keine Abkürzung, auch kein Treppenhaus, keinen Aufzug. Die Besucher des Senioren-Freizeitparks müssen die zurückgelegte Wegstrecke ein zweites Mal bewältigen, inklusive aller Treppen, dunkler Gänge, Trittfallen am Boden wie Teppiche oder den über die Jahrzehnte ausgetretenen Belag. Als wir endlich wieder den Parkplatz erreichen, lässt sich Mutter erschöpft auf den Beifahrersitz meines Wagens fallen. Ich erwarte ein vernichtendes Fazit, werde aber überrascht: "Das war schon alles sehr spannend. Bewundernswert, was dieser Herr Rode zusammengetragen hat. Dann diese riesigen Hallen, was da wohl allein der Unterhalt kostet?" Ich weise Mutter darauf hin, dass sie ruhig kritischer sein darf, aber sie bleibt bei ihrer wohlwollenden Haltung: "Das ist zwar alles arg durcheinander, aber nicht uninteressant. Ich hätte mir höchstens Erklärtafeln gewünscht. Und mehr Licht, Senioren sehen doch ohnehin nichts mehr. Bei dieser Dunkelheit brechen die sich noch die Haxen." Ich starte den Wagen. Wir rollen vom Parkplatz, auf dem mittlerweile ein gutes Dutzend Fahrzeuge sowie ein Reisebus stehen. "Aber dass man nicht auf das Gelände kann, dass es nirgendwo Türen raus in einen Innenhof gibt, ist im Grunde eine Frechheit. Der Park wirbt doch mit seinem Standort, dann will ich die Gebäude auch von außen sehen und mal an die frische Luft."

Unsere Rückfahrt führt uns ein zweites Mal durch mittelhessische Dörfer, noch immer ist keine Menschenseele zu sehen. Als wir endlich einen geöffneten Gasthof mit Gartenbereich ausfindig machen, sitzt dort ein Blasorchester und spielt Heimatlieder im Takt kauender Kiefer. Ob ich weiterfahren soll, will ich von Mutter wissen, aber sie winkt ab: "Es ist 14 Uhr. In einer Stunde bekommen wir hier auf dem Land nirgendwo mehr etwas zu essen." Wir suchen uns einen möglichst abgelegenen Tisch und bestellen unter dem ohrenbetäubenden Lärm der Trompeten zwei Rumpsteaks. Dann schweigen wir uns eine Weile an. Als die beschürzte Kellnerin uns die dampfenden Teller auf den Biertisch stellt, sagt Mutter: "Ich habe mir in meinem ganzen Leben kein Rumpsteak so hart erarbeitet wie dieses hier."